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Periodical volume 14. September 1910

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1910

370 Sitzung vom 14. Scptembcr 1910
Ih re m  Kreise vorgeschlagen waren, zweitens, um wünscht, daß diese Ausführungen sv ein richtiger, 
Ih n e n  zu zeigen, daß der Magistrat bisher dieser echter Landagrarier zu hören bekommen hätte.
Frage nicht müßig gegenübergestanden hat, sondern (S ehr gut!)
sie sich eingehend überlegt hat und auch schon zu Es wäre wirklich gut gewesen, diesen Herren m al 
Beschlüssen gekommen ist, zu denen S ie vielleicht das zu sagen, was hier gesagt worden ist. Ich  sehe 
weitere noch hinzufügen mögen, von denen S ie mich aber dennoch veranlaßt, um  Ih n e n  das krasse 
aber nicht werden bestreiten können, daß sie eben­ Elend dieser Not vor Augen zu führen, nur ganz 
falls geeignet sind, zum Ziele zu führen. kleine Zahlen anzugeben, und zwar amtliches 
statistisches M aterial.
Stadtv. Gebert: M eine Herren, um  auf die Es sind im Jah re  1908 136 273 Pferde zum 
Ausführungen des Herrn M agistratsvertreters, bes. Genuß geschlachtet worden. I m  Jah re  1909 hat 
Herrn Bürgermeisters M atting, gleich zu antw orten, diese Zahl gewaltig zugenommen, und zwar sind 
wundert mich eins: daß der Magistrat nicht selbst 151 357 Pferde zum Genuß geschlachtet worden. 
die In itia tiv e  anläßlich dieser ungeheuren Flcischnot Aber man ist ja m it der Zeit, sagen wir mal, so ein 
ergriffen hat, sofort mit derartigen Vorschlägen kleines Leckermaul geworden; m an nim m t nicht 
hervorzutreten, wie sie eben gemacht sind. Der mehr mit Pferden vorlieb, sondern vergreift sich 
Herr M agistratsvertreter sagte ja, daß der Magistrat auch an Hunden, und da sehen wir folgendes 
schon den Gedanken erörtert hat, für die städtischen statistische M aterial: 1908 sind zum Genuß 6131, 
Arbeiter billige Fleischbanken einzuführen. Ich 1909 6999 Hunde geschlachtet worden.
frage: wo bleiben aber alle diejenigen Arbeiter, (Zuruf.)
und nicht bloß Arbeiter, sondern auch Beam ten und Wir sehen also auch hier, wie allmählich der Konsum 
kleinen Leute, die nicht bei dem Magistrat be­ dieses Fleisches gestiegen ist. Und nun wollen wir in 
schäftigt sind? Auch diese Personen leiden unter der betracht ziehen, wie viele Hunde im Stillen  ge­
Fleischteuerung genau so wie die städtischen Arbeiter. schlachtet werden, auch hier in unserer wunderschönen 
Die großen Fabriken ä la S iem ens & Halske, S tad t Charlottenburg! Ein kleiner Spaziergang, 
S iem ens & Wernecke haben es durch Konsum- gemacht durch die Laubenkolonien, wo die ärmere 
Vereine, die, soweit diese Fabriken in betracht Bevölkerung noch in der Lage ist, frische Luft zu 
kommen, eigentlich nur Privatkonsumvereine sind, genießen: da muß so mancher M oppel über die 
verstanden, einigermaßen gut und billig W are an Klinge springen.
ihre Fabrikbetriebe abgeben zu können. Aber der (Heiterkeit.)
Kreis ist nur beschränkt, jeder Beliebige kann dort S o  liegt es nun einmal m it unseren Fleischver­
nicht Ware beziehen. Wir würden also nur einen hältnissen.
halben Weg gehen, und wir können nicht das er­ Nun sagte der Herr Kollege Dr Frentzel, daß 
reichen, was erreicht werden soll. die S ta d t Charlottenburg sich schon im Jah re  1898 
Wenn nun der Magistrat davon überzeugt ge­ mit der Frage der Fleischteuerung beschäftigt hat. 
wesen ist, daß Petitionen gar keine Wirkung gehabt Nein, das war schon im Jah re  1890; damals ist von 
haben, dann wäre es eigentlich unsere Pflicht ge­ dem damaligen V ertreter meiner P arte i diese Frage 
wesen, schon im Jah re  1905 die In itia tiv e  zu er­ im S tad tparlam ent angeschnitten worden; auch da 
greifen, vielleicht in ähnlicher Weise, wie cs Wien hat m an gebeten, m an möge etwas tun.
1906 und 1907 gemacht hat, in dem es eine Ein­ Daß m an nun in der Region unserer Regierung 
richtung getroffen hat, eine sogenannte Annahme­ diese ganze Fleischteuerung auf die leichte Schulter 
stelle errichtet, dann eine Aktiengesellschaft gebildet nim mt, ist für mich klar. Denn wenn m an diese 
hat, an welcher der Magistrat selbst als Aktionär be­ Regierung ansieht, so setzt sie sich eigentlich in ihrer 
teiligt ist. Wenn sie auch schlecht ist, m an darf das Mehrzahl aus Großjunkern, aus Großgrund­
eine nicht vergessen: immerhin wirkt eine derartige besitzern zusammen, und daß diese Herren sich selbst 
Einrichtung ohne weiteres m it auf den W arenmarkt; nicht ins Fleisch schneiden wollen, ist ja erklärlich. 
daß kann m an nicht bestreiten. Aus diesem Grunde wandern auch alle diese 
Daß der Magistrat m it uns vollständig eins ist, Petitionen meiner Überzeugung nach in den P ap ier­
freut uns, und hoffentlich wird auf Grund dieses korb; mindestens wird der Minister, der die Ent­
allgemeinen Einvernehmens es auch möglich sein, scheidung über diese Petitionen treffen soll, nur ein 
in der hier beantragten gemischten D eputation Achselzucken für sie haben.
etw as zu schaffen, wenn der Wille vorhanden ist. Daß die Arbeiter, wenn die Lebensrnittel 
Herr Kollege Vogel machte ja die schöne B e­ teurer werden, auch höhere Löhne fordern, ist ja 
merkung: dann nicht erst die gemischte Deputation, erklärlich; denn sie müssen, wenn sie auf der einen 
nach einem Jah re  einberufen'. Seite  höhere Ausgaben haben, auf der anderen 
W as nun den Vorschlag anbetrifft, diese ganze Seite sich Ersatzmittel verschaffen.
Geschichte dem S täd te tag  zu überweisen und dort Es wurde auch England als das Land der 
an geeigneter S telle ein B ureau einzurichten — starken Fleischfrequenz angeführt. Ich habe hier 
ja, meine Herren, wie lange soll denn das dauern? ebenfalls eine kleine Statistik vom Jah re  1910, und 
(S tadtv . Dr Frentzel: S eh r richtig!) daraus ergibt sich: das Rindfleisch I. Q ualität in 
D er S tüdtetag tritt erst im nächsten Jah re  zu­ B erlin pro Doppelzentner 149,5 M ,  in London 
sammen, dann wird das erwogen, dann erst wird das 119,5 M ; das Rindfleisch II. Q ualität in Berlin 
B ureau eingerichtet, das muß statistisches M aterial 99,3 M ,  in London 57,4 M ;
sammeln, dann sind 5, 6 Jah re  ins Land gegangen, (hört, hört!)
und dann heißt es: ja, das B ureau hat jetzt kernen das Schweinefleisch I. Q ualität in Berlin 138,9 M,  
Zweck mehr, da die Fleischpreise um einen kleinen in London allerdings etw as höher, 139,6 Ji ,  das 
Prozentsatz heruntergegangen sind! D as ist ein Schweinefleisch II. Q ualität in B erlin 133,4 M ,  in 
Vorschlag, den ich nicht akzeptieren kann. London 128,9 M ; das Kalbfleisch 1. Q ualität in 
W as nun die schönen Ausführungen unseres B erlin 208,8 M  und in London 148,7 M )  das 
Kollegen Dr Frentzcl anbetrifft, so hätte ich ge­ Hammelfleisch L  Q ualität in Berlin 158,3 M ,  in
        
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