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Periodical volume 14. September 1910

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1910

368 Sitzung vom 14. September 1910
nicht zu gehen, so möchte ich Ih n e n  die Gründe, genügend Statistiker und sonst Sachverständiger 
die für den Magistrat maßgebend gewesen sind, bin, um die Arbeit des Herrn Dr Gottstein im ein­
mitteilen, ohne deshalb hier etwa gegen den Antrag zelnen zu vertreten.
des Herrn S tad tv . Dr Frentzel polemisieren zu Der Bearheiter dieser Denkschrift will zunächst 
wollen. S ie  mögen nur erwägen, ob nicht, wenn nachweisen, daß die deutsche Landwirtschaft auch 
ich Ih n e n  diese Gründe auseinandergesetzt habe, heute noch in der Lage ist, den gesteigerten Fleisch­
die Schritte, die der Magistrat beschlossen hat, auch bedarf der Bevölkerung zu decken, und er geht nun 
von Ih n e n  gebilligt und dem ihnen von den Herren so vor. E r stellt aus den verschiedenen Vieh­
Antragstellern empfohlenen Vorgehen vorgezogen zählungen seit 1873 den Bestand des Viehes hin­
werden könnten. sichtlich der verschiedenen Viehgattungen fest und 
Meine Herren, der Magistrat hat, wie Ih n e n  sagt: nun werde ich dieses Vieh umrechnen in 
aus dem R eferat auch bereits besannt geworden Schlachtfleisch. Er reduziert nun einfach die 
ist, wiederholt Petitionen desselben In h a lts , wie Sum m e dieser verschiedenen Viehgattungen auf 
sie jetzt von Herrn S tadtv . I)e Frentzel beantragt den Prozentsatz, der als normale Schlachtausbeute 
worden sind, an die zuständigen Instanzen — für das einzelne Stück Vieh der verschiedenen Tier- 
Reichskanzler, Reichstag, B undesrat usw. — ge­ gattungen anerkannt ist, und sagt: also liefert die 
richtet, bisher mit einem vollständig negativen E r­ deutsche Landwirtschaft so viel an Schlachtvieh. 
gebnis. D er Magistrat hat sich nun die Frage vor­ D arin ist natürlicherweise eine ganze Reihe von 
gelegt: ist es zweckmäßig, derartige M aßnahmen Fehlschlüssen enthalten. Denn erstens ist es von 
zu wiederholen, von deren Erfolglosigkeit wir uns vornherein unzulässig, für jedes einzelne durch die 
früher haben überzeugen müssen, und von deren Viehzählung ermittelte Stück ohne weiteres die 
Erfolglosigkeit, wenigstens wenn nicht anders vor­ normale Schlachtausbeute für ein ausgewachsenes 
gegangen wird, wir auch diesmal überzeugt fein und durch gemästetes T ier in Ansatz zu bringen. I m  
können. Deshalb hat sich der Magistrat die Aufgabe übrigen ist auch dieses Vieh nicht jeden Augenblick 
gestellt, den Gründen zu begegnen, aus denen nach am M arkte; mal ist viel, m al wenig da. Durch die 
seiner M einung unsere früheren Petitionen er­ Viehzählungen sind eben nur die im Augenblicke 
folglos gewesen sind. der Zählung vorhandenen Bestände erm ittelt; 
Der M agistrat ist nämlich mit der Gesundheits­ wenn aber wirklich so anscheinend ein ausreichender 
pflegedeputation zu der Erkenntnis gelangt, daß Bestand als vorhanden nachgewiesen ist, so ist doch 
uns eine genügende Kenntnis der so verschieden­ damit noch nicht bewiesen, daß dieser Bestand eine 
artigen M omente, die die Fleischteuerung hervor­ gleichmäßige Versorgung gewährleistet, insbeson­
rufen, selbst an der Hand desjenigen statistischen dere, daß dieses Vieh leben Augenblick nach Maßgabe 
M aterials, das uns unschwer zugänglich ist, nicht des Bedarfes in Schlachtvieh umgewandelt wird. 
zur Verfügung steht, daß m an insbesondere die Der Herr Referent hat schon eine ganze Reihe von 
M itteilungen, die von den Interessentenkreisen in Gesichtspunkten angegeben, weshalb dieses Vieh 
die Welt gesetzt werden, und die den statistischen im S ta ll bleibt und nicht geschlachtet wird. Des 
Nachweis führen sollen, daß an der Fleischteuerung weiteren wird dann der Bedarf der Bevölkerung 
am allerwenigsten die Fleischproduzenten schuldig an Hand von verschiedenen Erfahrungssätzen und 
sind, nicht m it genügenden Gegeugründen zu wider­ statistischen Zahlen für Fleisch u n d  F ett berechnet 
legen imstande ist. Herr S tadtv . Dr Frentzel hat und in einer einheitlichen Sum m e dem vorherigen 
ja eine große Sum m e von G ründen hier zusammen­ Ergebnis der Fleischerzeugung gegenübergestellt. 
getragen und eine ganze Masse wissenschaftlicher Herr Dr Gottstein hat uns nachgewiesen, daß es ein 
Arbeiten hier verwertet und selbst geleistet, und Mißgriff ist, Fleisch und F ett in einer Sum m e zu 
nichtsdestoweniger, glaube ich, wird auch er sagen behandeln, daß man individualisieren muß, da mit 
müssen, daß er einen absolut zwingenden Gegen­ der Entwicklung der großstädtischen Bevölkerung 
beweis gegen die von den Fleischproduzenten auf­ der Bedarf dieser beiden Produkte im Laufe der 
gestellte Statistik nicht liefern und vertreten kann. Jah re  sich sehr verschoben hak, so daß aus der un ter­
Dem Magistrat sowie der Gesundheitspflege­ lassenen Trennung ein ganz falsches Bild heraus­
deputation hat eine Denkschrift des Deutschen kommt. Es ist zudem endlich das Bild der Vieh­
Landwirtschaftsrats vorgelegen, deren Verfasser produktion von 1873 an berechnet, während ander­
ein Herr Dr Gerlich ist, über das Them a: „M aß­ seits die Schlachtgewichte erst von 1883 an be­
nahm en der deutschen Städteverw altungen für die rechnet sind. I n  der Diskussion sind dann diese 
Fleischversorgung der Bevölkerung". I n  dieser Zahlen durcheinander geworfen worden, was natü r­
Denkschrift, die dem Landwirtschaftsrat so über­ lich ebenfalls zu Trugschlüssen geführt hat, welche 
zeugend erschienen ist, daß er sich sogar berechtigt der Bearbeiter der Schrift vielleicht nicht beab- 
gefühlt hat, nicht nur alle Angriffe gegen die ichtigt hat, wenn er sie auch nicht verhindert hat; 
Fleischproduzenten abzulehnen sondern auch zu icnn diejenigen, die weniger in diese Denkschrift 
Angriffen gegen die Zwischenhändler und die einzubringen in der Lage waren, haben ohne 
Großstädte überzugehen, ist eine Menge statistischen weiteres angenommen, daß sich das alles aus dieser 
M aterials verarbeitet, das einer sehr gründlichen und Denkschrift so nachweisen läßt, wie es ihnen gerade 
sachverständigen Prüfung  bedarf, um eine Reihe angenehm war.
von Trugschlüssen, die daraus abgeleitet worden Meine Herren, wir haben deshalb gemeint: 
sind, klarzulegen. Unser Dezernent, Herr S tad tra t es ist durchaus notwendig, daß die Fleischkonsu­
Dr Gottstein, hat sich die M ühe genommen, diese menten — und das sind vor allen Dingen natürlich 
Arbeit sehr gründlich und wissenschaftlich zu stu­ die S täd te und die Großstädte — mit vollem wissen­
dieren, und hat eine ganze Reihe von Gesichts­ schaftlichen Rüstzeug an die Bearbeitung dieser 
punkten nachgewiesen, die zu den Fehlschlüssen Fleischfrage herangehen,
geführt haben, zu denen der Landwirtschaftsrat (Sehr richtig!) 
auf Grund dieser Arbeit gekommen ist. Ich will und daß sie ein M aterial liefern müssen, daß den 
nur einige wenige hier erwähnen, da ich selbst nicht Anspruch erheben kann, mindestens gleichwertig,
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