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Periodical volume 14. September 1910

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1910

366 Sitzung vom 14. Septem ber1̂ 910
er genötigt, sein Vieh abzuschlachten, das zur verschieden wären. Bei diesen Zahlen wird m an  
Abschlachtung noch nicht reif ist, u m  so selber zu heute diese Regel auch revidieren müssen; n u r  um  
einem  bedeutenden Kapitalverlust zu kommen, 4 kg sind wir von England entfernt, und je mehr 
aber auch die Hoffnung der Konsumenten zu ver­ die städtische Bevölkerung vorschreitet, u m  so höher 
nichten, die darauf gehofft haben, daß dieses Vieh wird der Konsum an Fleisch pro Kopf der B e ­
ihnen im  nächsten J a h r e  als schlachtreifes Vieh völkerung werden.
geliefert wird. D a r in  liegt e i n  G rund  der Auf der einen S e ite  steigender Konsum, auf 
schlechten Viehproduktion. W ir sehen es in  diesem der anderen S e i te  V erm inderung der Produktion — 
J a h r e :  das letzte J a h r  w a r  ein schlechtes F u t te r ­ d a rau s  ergibt sich der Schluß: Deutschland ist, wie 
jahr, infolgedessen kein Vieh in diesem J a h re . ich behaupte, heute nicht m ehr in der Lage, den ge­
N un aber w eiter: w orauf ist denn die Größe steigerten Konsum aus  eigener Produktion zu 
des Bestandes an Vieh und F u t te rm it te ln  überhaupt decken, sondern es ist, wie andere Länder, z. B. 
basiert?  D as  ist unsere Ackerbaufläche. Die Acker­ England, und wird in Zukunft noch viel mehr 
baufläche ha t  seit dem Anfang des 19ten J a h r ­ dauernd darauf angewiesen sein, au s  dem A us­
hunderts  in  P reu ß en  u m  etwa 43%  zugenommen. lande Fleisch und Vieh zu beziehen.
In fo lg e  der verbesserten landwirtschaftlichen M e ­ M eine Herren, das ist n u n  glücklicherweise auch 
thoden w ar es möglich, verhältnismäßig viel Od- möglich; diese Arbeitsteilung zwischen den in ­
ländereien  z. B . durch künstliche D üngem itte l  zu dustriellen Ländern  und den Äckerbauländern ließe 
einer gewissen B lü te  zu bringen und rentabel zu sich sehr leicht durchführen, jene Arbeitsteilung, die 
machen. Diese V eränderung  hat natürlich auch überhaup t das P r inz ip  eines jeden wirtschaftlichen 
weite Weideländereien betroffen; aber sie w ar so Fortschritts bedeutet. Aber wir können sie nicht 
lange nicht fühlbar, als deren Ausfall durch die sonst durchführen; denn u m  unsere Grenzen hat m a n  
erhöhte allgemeine Produktion gedeckt werden eine chinesische M a u e r  gezogen. Diese chinesische 
konnte. Diese B ew egung —  und ich benutze hier M auer ,  die so gut wie nichts durchläßt, ist ein 
die dankenswerte Schrift von Lujo B ren tano  über künstliches System  von S p e r re n ,  die eingeführt 
die deutschen Getreidezölle —  w ar m it dem worden sind —  die ich I h n e n  gar nicht alle nennen  
J a h r e  1908 erschöpft; da gab es kein Land mehr, kann; denn sie sind zu viele. Es liegt m ir  hier ein 
das  m an  noch neu kultuvieren konnte, es t r a t  eine Veterinärkalender vom vorigen J a h r e  vor, darin  
rückläufige Bew egung ein, und B ren tano  rechnet sind sie kurz angeführt:  nahezu jedes europäische 
aus,  daß pro Kopf der Bevölkerung die bebaubare Land, m it  A usnahm e von S a n  M arino  und dem 
Fläche u m 0,33 h a  pro J a h r  zurückgeht. W enn Fürstentum  Lichtenstein, ist genannt,
STiC das m i f W MiTTToncn multiplizierenFfo werden (Heiterkeit)
S ie  eine ’Twd eTiFetrtfr~JZal)l herausbekommen. und jedes Land ha t seine besonderen Bestimmungen. 
W aru m  ist die bebaubare Fläche zurückgegangen? Diese Bestimmungen sind zum Teil Ministerialver- 
Durch die fortschreitende Industrialisierung unseres ordmmgen, zum Teil  Gesetze, zum Teil noch V er­
V aterlandes und durch das W achstum unserer ordnungen besonderer N atu r .  S ie  m ögen in dem 
S täd te .  W ir brauchen selbst n u r  an die Grenzen Augenblick, als sie gegeben wurden, berechtigt ge­
unserer S ta d t  und der Nachbargemeinden hinauszu­ wesen sein; aber heute haben sie, wie ich weiter 
gehen: S ie  werden überall Flächen finden, die vor zeigen werde, ihren S in n  verloren.
20 J a h r e n  noch als Weideland und Ackerfläche Gegeben sind sie aus sogenannten vieh­
dienten. Wie hier, ist es auch in  kleinen S tä d te n  hygienischen G ründen . M a n  behauptet, wenn die 
gegangen, insbesondere im  W esten: überall finden Grenzen aufgemacht würden, trete Verseuchung 
S ie  Flächen, über die früher der P f lug  hinwegging; unseres Viehstandes ein, und dann  w ürde die 
wo Ochsen sich und Schafe tum m elten , da finden Fleischnot noch viel größer sein. N un, meine Herren, 
S ie  heute Fabriken und Lagerplätze. D aß  diese wenn so vorgegangen wird, wie in  unserem Antrage 
U m w andlung nicht spurlos am  Wirtschaftsleben gesagt wird, daß nämlich das Vieh von der Grenze 
vorübergehen kann, ist wohl klar, insbesondere da in  plom bierten W agen gleich an  die Schlachtorte 
n a tu rgem äß  die weniger guten Ackergründe, d. H. zu senden ist und dort abgeschlachtet wird, mit 
die, die zur Viehzucht dienen, zunächst in Angriff anderem  Vieh gar nicht in  B erüh rung  kommt —  
genom m en wurden. w enn so vorgegangen wird, fehlt eine jeguche 
Dieses selbe M o m en t  der Industrialisierung Gefahr, und dann  sind diese Bestim m ungen über­
hat auf der anderen S e i te  die Konsumtion an flüssig.
Fleisch erhöht. Auch aus  diesem Werke entnehme Z w eitens sind sie aber gar  nicht m ehr passend. 
ich, daß sich sehr leicht statistisch nachweisen läßt, D enn  der Gesundheitsunterschied zwischen Deutsch­
daß der industrielle Arbeiter, der schwer arbeiten land und den Nachbarländern ist gar nicht mehr der, 
m uß, m it  großer Entschlußfähigkeit, Hin und wieder der er dam als  w ar ,  als die Bestim m ungen gegeben 
schwerer, Hin und wieder auch leichter, sehr viel wurden. Z . B . ist Dänemark, Holland heute genau 
mehr dazu neigt, seinem Körper Fleischnahrung zu­ ebenso gesund wie wir. Allerdings in  R ußland 
zuwenden, als Vegetabilien. Auf diese Weise ist existiert M aul-  und Klauenseuche —  aber in Deutsch­
es gekommen, daß wir in den S tä d te n  53 kg land auch; Österreich ist nicht frei von Schw eine­
Konsum an Fleisch pro Kopf und J a h r  haben, seuche —  aber ein anderes Land weist sie auch au f:  
während er auf dem Lande n u r  35 kg ist. I m  nämlich Deutschland, und das haben wir Char­
Durchschnitt konsumiert der Deutsche heute 44 kg lo ttenburger gelegentlich unserer B era tungen  über 
Fleisch pro J a h r ;  Deutschland bleibt dam it hinter die D reite ilung und die M üllabfuhr sehr deutlich 
England, also dem größten Fleisch konsumierenden e r fa h re n !
Lande in  Europa, n u r  noch u m  4 kg pro Kops zurück. (S e h r  richtig!)
Als ich als junger S tu d e n t  der Medizin zuerst mit Also hier liegt fein Unterschied.
physiologischen S tu d ien  begann, wurde u n s  noch Aber nehmen wir an, die Absperrung wäre 
beigebracht, daß der Stickstoffhaushalt des Eng­ vom hygienischen S tan d p u n k t  no tw endig ; dann 
länders und des Deutschen wesentlich von einander wäre unserer Regierung der V orw urf  zu machen
        
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