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Periodical volume 22. Juni 1910

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1910

Sitzung vom 22. Juni 1910 305
Wir kommen nunm ehr zu Punkt 15 der Tages­ die N atur, sondern auch in die Herzen des M agistrats 
ordnung : ein. Die Winterstürme wichen dem Wonnemond, 
(Heiterkeit) 
und die Frühlingsgefühle des M agistrats 
Borlage betr. Beaufsichtigung der Pflegekinder, (Rufe: Oho! — Erneute Heiterkeit) 
Haltekinder und unter Generalvormundschaft gegenüber den Waisenpflegerinnen
stehenden Mündel unter einem Jahre durch die (anhaltende Heiterkeit) 
Säuglingsfürforgestcllen. — Drucksache 199. verdichteten sich zu der Vorlage, die wir heute zu 
beraten haben. Auf den einstimmigen Beschluß 
Berichterstatter Stadtv. Jastrow : Meine der D eputation für die Waisenpflege und Gesund­
Herren, das R eferat über diese Vorlage könnte m an heitspflege wie auch auf Anregung von Waisen­
am besten m it den W orten des D ichters-einleiten: pflegerinnen im Ehrenamte, die in  der Versamm­
„Die W affen ruhn, des Krieges S tü rm e schweigen." lung am 21. M ärz gegeben worden war, macht uns 
Ich würde am liebsten gar nicht mehr auf diese jetzt der M agistrat die Vorlage, die Zahl der 
Kämpfe früherer Tage eingehen; aber zum besseren Schwestern in den Säuglingsfürsorgestellen durch 
Verständnis der Vorlage muß ich es doch tun, muß Neueinstellung von zunächst je einer Schwester für 
wenigstens m it einigen W orten darauf zurück­ zwei Fürsorgestellen zu vermehren, und zwar zur 
kommen. Überwachung der Kinder unter einem Ja h r . M einer 
Ansicht nach bedeutet dieser Antrag eine große Ge­
I m  E tat für das Armenwesen, Abschnitt 5 Nr.8, nugtuung für die Waisenpflegerinnen, es ist ta t­
w ar vom M agistrat beantragt worden, für Ge­ sächlich ein großes Entgegenkommen, denn sie be­
hilfinnen zur Beaufsichtigung aller Kostpflegekinder halten die Kinder von 1 bis 2 Jah ren  in  ihrer Pflege, 
unter 2 Jah ren  3060 Jl  zu bewilligen. D am it war außerdem werden sie nicht aus der Fürsorge für die 
die Anstellung von 2 besoldeten Waisenpflegerinnen Kinder bis zu einem J a h r  vollständig herausge­
gemeint. Wie S ie  sich erinnern werden, hat dieser drängt, sondern die Schwestern an den Fürsorge­
Antrag eine große Aufregung unter unseren Waisen­ stellen, die durch ihre Vorbildung und ihre Sach­
pflegerinnen hervorgerufen; sie betrachteten dies kunde für die Pflege der Säuglinge besonders ge­
gleich von vornherein als ein M ißtrauensvotum  eignet sind, können von ihnen auch hierbei in einge­
gegen ihre Tätigkeit. I m  Etatsausschusse kam schränkter Weise unterstützt werden. Wie ich es 
diese S tim m ung durch einige Stadtverordnete, die schon erwähnte, haben in der Versammlung am 
dieselbe Auffassung hatten, zum Ausdruck. Der 21. M ärz einige D am en selbst diesen Vorschlag ge­
Etatsausschuß beschloß und beantragte auch, diese macht.
Position zu streichen, nahm dafür aber eine 
Resolution an, die folgenden W ortlaut h a tte : Meine Herren, ich denke, wir sehen bei dieser 
Der Magistrat wird ersucht, die D eputation Vorlage nicht so sehr auf die statistischen Notizen, 
für die Waisenpflege über die Frage der An­ die uns aus den verschiedenen S täd ten  gebracht werden, ob sich die Einrichtung schon da und oort 
stellung besoldeter Waisenpflegerinnen noch­ bewährt hat oder nicht und ob sie infolgedessen 
m als zu hören und alsdann eventuell eine be­ auch für Charlottenburg geeignet ist oder nicht, 
sondere Vorlage zu machen. sondern wir wollen die Vorlage betrachten, wie sie 
Nach diesem Beschlusse des Etatsausschusses hat der ist und was sie uns bringt. Und da muß ich sagen: 
M agistrat folgendes getan. Er hat sofort, ohne die die Vorlage ist außerordentlich wohltue,rd, nam ent­
Sitzung der Stadtverordnetenversam mlung ab­ lich für diejenigen, die uns am meisten am Herzen 
zuwarten, die D eputation einberufen, und diese liegen müssen, für die Kinder unter einem Jah r. 
beschloß nun, ihren Antrag aufrecht zu erhalten. F ü r diese haben wir zu sorgen, und es wird für sie 
D as war ein Vorgehen, das selbst diejenigen S ta d t­ durch die Vorlage in vorzüglicher Weise gesorgt. 
verordneten, die auf der Seite des M agistrats Die Fürsorgeschwestern stehen mit den Säuglings­
standen, doch für taktisch nicht richtig erachteten, es fürsorgestellen in  Verbindung. Die Pflegeeltern 
war ein Vorgehen, das sich im Grunde genommen und alle diejenigen, die m it der Pflege der Kinder zu 
nicht rechtfertigen ließ. Der Magistrat hatte erst tun  haben, haben schon an sich m it den Fürsorge­
einmal abw arten sollen, wie die S tim m ung in der stellen Verbindung; sic haben auch mit den Süug- 
Stadtverordnetenversam m lung über diese An­ lingsfürsorgeärzten zu tun, so daß dadurch den 
gelegenheit war. Nun folgte die Sitzung der S ta d t­ Schwestern ihre Aufgabe sehr erleichtert wird.
verordnetenversammlung am 9. M ärz. Hier wurde 
wieder die Position von 3060 M gestrichen, die Nach der Vorlage soll für je zwei Säuglings­
Resolution des Etatsausschusses angenommen, und fürsorgestellen eine Schwester eingestellt werden. 
weiterhin wurde noch zu dieser Resolution ein Wir haben in  Charlottenburg 6 Süuglingsfürsorge- 
Amendement beschlossen, das dahin ging, daß vor stellen, an denen 8 Schwestern angestellt sind. 
der Einbringung einer neuen Vorlage auch die im Es würde sich also um eine Vermehrung der Zahl 
Ehrenam te tätigen Waisenpflegerinnen gehört der Schwestern um 3 handeln. Das Gehalt der 
werden sollten. Am 21. M ärz tagte die Versamm­ Schwestern beträgt 1300 bis 1660 M.  Die Be­
lung der Waisenpflegerinnen, die m it großer willigung neuer M ittel wird nicht erforderlich, 
M ajorität den Antrag ablehnte. denn es sind bei der Position „Milchbedarf" an den 
Fürsorgestellen dadurch Ersparnisse gemacht worden, 
Wie S ie sehen, meine Herren, w ar damals daß die M ütter ständig auf die Brusternährung hin­
S tu rm  auf allen S e iten ; es bestand eine außer­ gewiesen worden sind. Diese letztere fortgesetzte 
ordentlich gereizte S tim m ung sowohl bei den Anregung hat zur Folge gehabt, daß, soviel ich ge­
Waisenpflegerinnen wie auch bei einer großen An­ hört habe, etwa 7 bis 8000 M  bei dieser Position 
zahl unserer S tadtverordneten. So w ar die gespart worden sind. D as Gehalt der 3 Schwestern 
S itua tion  im M ärz. N un kam der Frühling, und würde diesen Betrag nicht erreichen, so daß neue 
der drang m it elementarer Gewalt nicht allein in M ittel nicht einzustellen sind.
        
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