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Periodical volume 13. April 1910

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1910

182  Sitzung vom 13. April 1910
er mir zugeben, daß durch gemeinnützige B au-  ,§ Jch weiß wirklich nicht, w as das mit der Vorlage, 
genossenschäften hier sehr viel Arbeit geleistet werden die u n s  beschäftigt, zu tun  hat.
kann, die zur Entlastung des städtischen E ta ts  bei­ Ebenso wenig hat es mit der Vorlage e tw as 
trägt. —  D a s  sind natürlich nu r  allgemeine M o ­ zu tun, w enn Herr Haack —  allerdings in vollkom­
mente, die ich hervorhebe. Ich  habe von der G e­ mener Verkennung der Verhältnisse —  von einem 
nossenschaft, die u n s  augenblicklich beschäftigt, nicht bevorstehenden S t r e i k  im Baugew erbe  spricht. 
gesprochen. W enn Herr Haack die Z e itungen  liest und sich u m  
Herr Haack begeht weiter den großen Fehler, die Angelegenheit kümmert, so wird er doch zu­
daß er n u r  die augenblicklichen Zustände heran­ geben, daß m an  bisher nu r  im m er e tw as  von 
zieht. Gewiß, augenblicklich kann m an  nicht sagen, drohender A u  s s p e r  r  u  n  g im B augew erbe ge­
daß wir in Charlottenburg eine W ohnungsnot lesen hat. Vielleicht gehen diejenigen, die an  der 
haben, abgesehen von der latenten W ohnungsnot, Erzeugung einer künstlichen W ohnungsnot in­
die ja dauernd in allen großen S tä d te n  besteht. teressiert sind, absichtlich darauf aus, durch die 
Aber die Zeiten können sich sehr leicht ändern, und Arbeiteraussperrung eine W ohnungsnot herbei­
w enn m an  die Bew egung auf dem W ohnungs­ zuführen und dann auf die bösen Arbeiter zu 
markt verfolgt, wird m an  finden, daß jedesmal, schimpfen.
w enn wir eine wirtschaftliche Krisis haben, ein (Heiterkeit.)
Überfluß an W ohnungen vorhanden ist, daß aber D a s  M anöver kennt m a n  ja. M a n  weiß ja, welches 
m it  dem Augenblick, wo die P rosperitä t  einsetzt, falsche, niederträchtige S p ie l  von einer gewissen 
der Überfluß an W ohnungen abnim m t, und daß Se ite  —  natürlich nicht hier im Hause —  von ge­
ant Ende der Prosperitä tsperiode eine W ohnungs­ wissen Unternehmerkreisen getrieben wird. Die 
not vorhanden ist. D a s  sind Erscheinungen, die Arbeiter werden auf das  Pflaster geworfen,_ die 
sich fast regelmäßig mit mathematischer Gewißheit B au ten  werden nicht fertig gemacht, es entsteht 
wiederholen, und m an  kann mit ziemlicher B e ­ eine W ohnungsnot, und dan n  heißt es: ja, d a ran  
stimmtheit darauf rechnen, daß, w enn die jetzt ein­ sind die Arbeiter schuld! —  schuld insofern, als sie 
setzende, bessere wirtschaftliche Konjunktur ihren sich nicht alles von den U nternehm ern gefallen 
Höhepunkt erreicht hat, dann  in Charlottenburg lassen wollen. Ich  halte es doch für nötig, in  dem 
auch wieder eine W ohnungsnot vorhanden ist. ersten Augenblick, wo hier der A nfang  gemacht 
D a s  kommt daher, daß zahlreiche Industr iearbeiter  wird, solche Märchen zu verbreiten, dem  ganz 
in  die Großstädte ziehen, daß eine große Nachfrage energisch entgegenzutreten.
nach W ohnungen vorhanden ist und infolgedessen F e rne r  hat Herr Haack nicht die Vorteile hervor­
natürlich die Mietpreise ganz gewaltig in die Höhe gehoben, die die M ieter in Genossenschaftshäusern 
gehen, denn die W ohnungsnot besteht nicht n u r  haben. Gewiß, die Mietspreise sind nicht geringer 
darin, daß m an  überhaupt keine W ohnung finden als sonst, wenigstens nicht viel geringer. Aber das 
kann, sondern auch darin, daß ich teilte W ohnung allein ist nicht' ausschlaggebend. Es kommen a n ­
finden kann, die meinem  Einkommen entspricht. —  dere M om ente  in  Betracht, vor allem das M om ent,  
B ei der Gelegenheit darf ich vielleicht H errn  Haack daß die Leute, die in den Genossenschaftshäusern 
auf einen I r r t u m  aufmerksam machen. Er sagte, wohnen, ein gewisses Gefühl der Sicherheit haben, 
daß im  allgemeinen der siebente Teil des Einkom­ sie brauchen nicht zu fürchten, bei jedem Kündigungs­
m ens für W ohnungsm iete  gerechnet wird. D a s  term in gesteigert und eventuell vom W irt auf die 
trifft für mittlere Einkommen zu, aber nicht fü r  die S tra ß e  geworfen zu werden. D a s  spielt gerade 
Einkommen der Arbeiterklasse. Die Arbeiter können bei den kleinsten Leuten eine ganz gewaltige Rolle. 
damit rechnen, daß sie durchschnittlich mindestens Die kleinen Leute müssen sich die M etss te igerung  
den vierten Teil ihres Einkommens für W ohnungs­ gefallen lassen, weil ein Umzug gewöhnlich noch 
miete ausgeben. teurer ist als der P re is ,  u m  den die W ohnungs- 
(Z uruf:  D en  fünften  Teil!) miete steigt. Die anderen Vorteile, die die M ieter 
J e  höher das Einkommen ist, desto geringer ist der in Genossenschaftshäusern haben, finden S ie  in der 
Prozentsatz, den wir für  die W ohnungsm iete  a u s ­ Vorlage selbst angegeben. Ich  brauche darauf nicht 
zugeben haben. Auch insofern sind also die A us­ einzugehen.
führungen des H errn  Haack nicht richtig. —  Ich  D an n  hat Herr Brode gemeint, m an  solle 
sagte also, daß wir augenblicklich in Charlottenburg überhaupt in einer Großstadt keine Arbeiter- und 
eine große W ohnungsnot nicht haben. Aber es B eam tenw ohnungen  schaffen, denn die B eam ten  
ist Aufgabe der S tadtgem einde, auch für die Z u ­ w ürden  in solchen Häusern leicht von ihren V or­
kunft zu sorgen und vorzubeugen für die Zeit, gesetzten kontrolliert werden. Ach, meine Herren, 
wo etw a eine W ohnungsnot entstehen könnte. so schlimm ist es nicht. Gewiß, wir wollen ja auch 
Auf Einzelheiten, die Herr Haack noch ange­ keine W ohnungen für  B eam te  und Arbeiter haben, 
führt hat, möchte ich hier nicht entgehen. Ich  glaube, in  denen diese Kategorien unserer M itglieder un ter  
dazu wird in der Kommission der O rt  sein. M a n  eine Kontrolle gestellt werden, gleichviel un te r  
soll aber doch eine Vorlage wie die u n s  hier be­ welche Kontrolle. Aber fürchtet m an  denn wirklich, 
schäftigende, die —  das werden doch auch die daß die hohen B eam ten  in  diese W ohnungen  ziehen? 
Gegner zugeben —  von einer gewissen sozial­ Glauben S ie  wirklich, der Herr Oberbürgermeister 
politischen B edeutung ist, nicht durch solche A rgu­ wird in die W ohnung ziehen und  dort vielleicht 
mente  bekämpfen, wie sie Herr Haack angeführt die G asarbeiter  beobachten?
hat. W as hat die S te igerung  der M aurerlöhne (Heiterkeit.)
von 1871 bis jetzt mit dieser Vorlage zu t u n ?  Doch S ie  können sicher sein, daß ein solcher F a ll  nicht 
absolut nichts. W as will es denn sagen, w enn Herr eintritt. Es sind gewöhnlich die gleichen B eam ten ­
Haack auf die M aurerlöhne seit 1871 hinweist. kategorien, die dort wohnen. Gewiß, Neid und M iß ­
Ebenso hätte er die Löhne der M au re r  und der B a u ­ gunst spielen im m er eine Rolle; beobachtet wecden 
handwerker aus  dem Mittelalter an führen  können. die Leute auch, aber das passiert nicht nur in Ge­
(Heiterkeit.) nossenschaftshäusern, sondern überall in  den M ie ts-
        
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