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Periodical volume 14. März 1910

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1910

1 2 0 Sitzung vom 14. März 1910
Der Magistrat wird ersucht, zu erwägen, wendigerweise herübergenommen werden und 
ob und inwieweit die durchgeführten M aß­ schließlich erst nach langem Quälen zum Schaden 
nahm en betr. Hebung der Volksschulen nun­ der Eltern und ihrer eigenen Entwicklung versagen 
mehr die Aufhebung auch der zurzeit b e ­ und die Mitschüler aufhalten; daß ferner auf der 
s t e h e n d e n  Vorschulen an den höheren andern Seite solche ungeeigneten Schüler befähigten 
Lehranstalten gestatten. Kindern aus den ärmeren Schichten den Platz 
Dieses Ersuchen charakterisiert sich als die logische in den Klassen wegnehmen. Hier muß entschieden 
Konsequenz des Gemeindebeschlusses, höhere Lehr­ eine Änderung getroffen werden — darüber 
anstalten in Zukunft ohne Vorschulen zu bauen. mögen zunächst die Herren Sachverständigen sich 
Wir gehen dabei von der Voraussetzung aus, daß aussprechen — , eventuell durch Trennung der 
dadurch die Plätze, die jetzt durch die finanziell Vorschulen und der höheren Schulen. Aber die 
besser gestellten Kreise der Bevölkerung in den Vorschule nun ganz aufheben, meine Herren, das, 
Vorschulen für ihre Kinder m it Beschlag belegt glaube ich, heißt, das Kind m it dem Bade aus­
werden, die durch die Versetzung nach der Sexta schütten. W as soll denn dam it erreicht werden? 
das Recht ersitzen, in diese aufgenommen zu werden, M eine Herren, wenn wir auf dem Standpunkt 
und sie tatsächlich füllen, in Zukunft auch für die stehen, daß dem Interesse der ärm eren Schichten 
begabten und guten Kinder aus den Gemeinde­ in jeder Weise entgegengekommen ist, dann, glaube 
schulen freigegeben werden, die dank unsern ge­ ich, können doch auch die andern Klassen der 
hobenen Volksschulen künftig in verhältnismäßig Bevölkerung, der Mittelstand und der B eam ten­
kurzer Zeit den Anschluß an die höheren Lehr­ stand, die höheren S tände im allgemeinen — 
anstalten erreichen werden. wie S ie  sie auch nennen wollen —, ebenso be­
Neu in unserm Etat tritt die heute mehrfach anspruchen, daß ihre berechtigten Wünsche gleich­
erwähnte Waldschule auf. Dieselbe ist zu unserer falls berücksichtigt werden. Und wenn S ie auch 
Freude von privater Seite so freigebig finanziert die Einheitsschule für das erstrebenswerte Ziel 
worden, daß damit die für sie veranschlagten halten, jedenfalls sind doch noch Tausende in 
Kosten aus diesem Etat verschwinden dürften. unserer M itte der Ansicht — und insbesondere die 
Wir hoffen und wünschen, daß diese Waldschule M ütter — , daß sie nicht wünschenswert ist. Es 
Förderung und Heil vielen unserer Kinder bringen würde also direkt ein Zwang gegen die M ütter 
werde. ausgeübt werden und gegen viele von den Vätern, 
Nun noch einige mehr untergeordnete Punkte. den ich nicht gerade für berechtigt halte.
Nachträglich hat der Magistrat noch beschlossen, Meine Herren, I h r  ideales S treben bei 
die Hilfsschuldienerstelle an der Realschule in eine Schaffung einer Einheitsschule geht dahin, daß Sie 
Schuldienerstelle umzuwandeln. M ehrausgaben schon frühzeitig unter den Kindern darauf hin­
entstehen hierdurch nicht. Es treten dadurch aber wirken wollen, daß ein gutes Einvernehmen 
noch folgende Änderungen ein: und ein gegenseitiges Sichverstehen zwischen allen 
Ausgabe. Schichten der Bevölkerung hergestellt werde. J a ,  
A b s.ch n  i t t 1. glauben Sie, daß dies gerade dadurch erleichtert 
Nr. 1 bis 186 soll lauten: wird, daß S ie nun Kinder der verschiedensten 
Nr. 1 bis 187 — Besoldungen — 1 040 425 M Gewohnheiten, der verschiedensten Ansichten, der 
(mehr 1500 M). verschiedensten häuslichen Erziehung zusammen­
Die Num m ern 187 bis 208 werden Nr. 188 bis 209. bringen? Wenn S ie mir das Beispiel von S ü d ­
Ab s c h n i t t  8. deutschland vorhalten — ja, je weiter S ie nach 
Nr. 4 soll lauten: dem Süden kommen, desto mehr schleifen sich die 
Invaliden- und Krankenversicherung für Unterschiede ab. Sehen S ie sich die gesellschaftliche 
die Reinigungshilfskräfte des Schuldieners Zusammensetzung in einem Brauereikeller in M ün­
100 M  (weniger 1500 M ). chen an, vergleichen S ie damit die Bierlokale hier — 
Ich beantrage, mit diesen Änderungen die wie ganz anders dort alle Klassen der Bevölkerung 
Vorlage des M agistrats anzunehmen. miteinander verkehren! ,
(Zurufe.)
Stadtv. Dr. Liepm ann : Meine Herren, nur G lauben Sie denn, daß nun gerade Kinder, deren 
in einem Punkte möchte ich dem Antrage des Herrn Urteil und Verstandeskraft nicht so geschärft ist, 
Referenten widersprechen, und das ist derjenige nicht viel mehr als Erwachsene Anstoß nehmen 
hinsichtlich des Ersuchens wegen Aufhebung der an dem Unterschied zwischen Reicheren und Är­
Vorschulen. Ich stehe allen Bestrebungen wegen m eren? Wenn das reichere Kind in dem Wagen 
Hebung der Volksschule und einer raschen Erreichung der Eltern angefahren kommt, wenn es schön 
dieses Zweckes durchaus sympathisch gegenüber. ausstaffiert ist in der Kleidung, ein luxuriöses 
Ebenso wünschen meine Freunde und ich, daß den Frühstück herausholt und das ärmere Kind sich 
befähigten Kindern aus den ärm eren Klassen in der damit vergleicht —  wird nicht oft gerade dadurch 
größtmöglichen Weise der Besuch der höheren erst Mißgunst und unerfüllbares Verlangen erweckt ? 
Schulen auf Gemeindekosten ermöglicht wird. Zufriedenheit und Einvernehmen wird jedenfalls 
Wir gehen noch weiter — wie S ie wahrscheinlich so nicht gefördert werden.
auch alle — und wünschen, daß das auch geschehen Und nun, meine Herren, w arum  wollen Sie 
möge hinsichtlich der Erleichterung des Universitäts- denn m it diesem Suchen, Harmonie der Bevölkerung 
studiums für befähigte Schüler aus den ärmeren zu schaffen und zu verbreiten, gerade bei den 
Schichten. Ferner erkenne ich auch bereitwilligst Kindern anfangen ? Sollten doch diejenigen Herren, 
die Bedenken an, die gegen die Verbindung der die sich immer als die eigentlichen V ertreter der 
Vorschulen mit den höheren Schulen, wie sie Volksinteressen ansehen, und die. die Kinder, 
jetzt ist, bestehen; daß Kinder, die nicht für die sobald sie groß geworden sind, in den Klassenkampf 
Laufbahn in den höheren Schulen geeignet sind, hineinziehen, doch zunächst unter den Erwachsenen 
aus den ihnen angehängten Vorschulklassen not­ die Klassengegensätze zu vermindern und eine
        
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