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Periodical volume 24. Februar 1909

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1909

von Schöneberg in dieser Frage an den Tag gelegt Aber m it dem Augenblick, wo die Konjunktur 
haben? Hier in Charlottenburg haben S ie sich wieder anschwillt, wo wir wieder einen wirtschaft­
geweigert, die Gewerkschaften für ihre Zählung lichen Aufschwung haben, werden wir in Charlotten­
zu unterstützen. burg zweifellos auch wieder eine W ohnungsnot 
(Sehr richtig! bei den Liberalen-) haben. Deswegen sage ich, es wäre unsere Pflicht, 
I n  Schöneberg hat der Herr Oberbürgermeister beizeiten Fürsorge zu treffen, damit nicht wieder 
selbst warm für eine derartige Unterstützung plädiert. solche Zustände eintreten, wie wir sie zu Beginn 
T a  sehen Sie, meine Herren, wieweit S ie  im Laufe dieses Jahrhunderts in Charlottenburg erlebt haben.
der Jah re  zurückgekommen sind, Meine Herren, ich komme hier bei dem Punkt 
(seht richtig! bei den Sozialdemokraten; Lachen bei Sozialpolitik auf die F o r d e r u n g e n  d e r  
den Liberalen) s t ä d t i s c h e n  A r b e i t e r .  Die städtischen Ar­
und wie wenig S ie heute noch berechtigt sind, sich beiter haben bereits zum vorjährigen E ta t sehr 
Ih re r  sozialen Fürsorge zu rühmen. bescheidene Anträge bei der S tadtverordneten­
D er Herr Vorsteher hat von der W o h n u n g s ­ versammlung und dem M agistrat eingereicht. Es 
f r a g e  u n d  W o h n u n g s i n s p e k t i o n  ge­ ist ihnen nicht einmal eine A ntw ort darauf zuteil 
sprochen. D as ist auch so ein Lied, das m an nun geworden.
seit 10 Jah ren  in der Stadtverordnetenversam mlung (Hört, hört! bei den Sozialdemokraten.)
singen hört. Aber weiter auch nichts. Machen S ie Den Hausagrariern wäre wahrscheinlich sofort eine 
doch endlich einmal einen ernsten Schritt auf diesem Antwort erteilt worden. Die Arbeiter haben nun 
Oiebiete! Vor vier, fünf Jah ren  wurde uns gesagt: ihre Anträge wiederholt. Es sind das im wesent­
es ist alles sehr schön ausgearbeitet- Möglich ist lichen die Forderungen, die auch wir zu wieder­
es ja, daß irgendwo Akten liegen, in denen die holten M alen in der Stadtverordnetenversam m lung 
Grundzüge einer Wohnungsinspektion entworfen in  Form  von Anträgen gestellt haben, Forderungen 
sind. Bloß damit ist noch nichts erreicht. Selbst also, wie sie bescheidener überhaupt nicht gedacht 
wenn die Wohnungsinspektion ins Leben tritt, werden können. Ich  kann erklären, daß wir alles 
so ist damit noch nicht viel gewonnen, wenn nicht daran setzen werden, endlich einmal die Erfüllung 
nebenher noch M aßnahm en zur Schaffung von dieser Forderungen zu erreichen. S ie haben ja 
W ohnungen gehen. Es wird gesagt, augenblicklich kürzlich im Prinzip  Ih re  Sym pathie für eine V er­
haben wir eine große Zahl leerstehender Wohnungen. kürzung der Arbeitszeit ausgesprochen. D as ist 
M eine Herren, was sind das für W ohnungen? meiner M einung nach eine der allerwichtigsten 
D as sind nicht W ohnungen für die minder bem ittel­ Forderungen. Eine ganze Reihe von S täd ten  hat 
ten Schichten, bereits die Verkürzung der Arbeitszeit für ihre 
(Zuruf: Doch!) städtischen Arbeiter eingeführt. Ich will auf diese 
— nicht Wohnungen für die minder bemittelten Frage heute nicht näher eingehen, ich behalte m ir 
Schichten der Bevölkerung. vor, bei der speziellen B eratung des E tats darauf 
(Zuruf bei den Liberalen.) zurückzukommen. Ich  möchte nur den Herren, 
—  Na, in Ih rem  Hause vielleicht, Herr Kollege- namentlich den Herren vom M agistrat, die aus­
Wenn Herr Kollege Schwarz einem freundlich gerechnet haben, daß eine Verkürzung der Arbeits­
zuwinkt, dann weiß man, daß einer seiner M ieter zeit so kolossal viel kostet —  160 000 M wurde uns 
gekündigt hat ausgerechnet — , den R at geben, sich einmal den 
(Heiterkeit) Bericht zu verschaffen, der kürzlich über die Ver­
und daß er daraus auf einen kolossalen W ohnungs­ kürzung der Arbeitszeit in  den Württembergischen 
überschuß schließt. S taatsbetrieben erschienen ist. Da wurde das 
(Heiterkeit.) getan, was wir leider in  Charlottenburg vergebens 
M an muß sich doch etwas eingehender mit der Sache bisher erstrebt haben: die Arbeitszeit wurde von 
beschäftigen. Die Statistik beweist, daß tatsächlich 10 auf 9 S tunden  herabgesetzt. Als der Antrag 
die Zahl der leerstehenden Wohnungen für die gestellt wurde, erhob sich dasselbe Geschrei wie bei 
minder bemittelten Kreise nicht allzu groß ist. uns. Es wurde gesagt: das kostet 2 '/4 Millionen. 
Aber selbst, wenn die Zahl heute normal wäre, W as hat sich gezeigt? F ü r einen großen Teil der 
selbst dann sind die W ohnungen so teuer, daß Arbeiter, nämlich für alle die, die im Stücklohn 
tatsächlich der Lebensunterhalt einer großen Anzahl arbeiten, haben sich überhaupt keine Mehrkosten 
von Fam ilien nicht ausreicht, um sich menschen­ ergeben und für die andern Arbeiter nur ein Auf­
würdige Wohnungen zu beschaffen. wand von im ganzen 17 000 M.  W enn S ie das 
S ie  dürfen auch nicht vergessen, daß unter den auf Charlottenburger Verhältnisse umrechnen, dann 
Wohnungen, die bewohnt sind, sich eine ganze werden S ie einsehen, daß die Mehrbelastung des 
Reihe von solchen befindet, die kaum auf den E tats nur ganz m inimal sein wird.
Nam en menschliche Behausung Anspruch erheben Ebenso werden wir daran festhalten, daß endlich 
können- Sehen S ie sich einmal verschiedene den Arbeitern ein auskömmlicher Lohn zugesichert 
Armenwohnungen in Charlottenburg a n ! Da wird. Wir haben in  Charlottenburg in  den städtischen 
werden S ie finden, wie es dam it aussieht. Nun Betrieben noch eine ganze Reihe von Arbeitern, die 
heißt es: Wohnungsinspektion. Bei einer Woh­ nicht einmal das Existenzminimum an Lohn er­
nungsinspektion würden zweifellos solche W ohnun­ reichen. M eine Herren, wir können nicht verlangen, 
gen und ein ganz Teil anderer geräum t werden daß die städtischen Arbeiter darauf Rücksicht nehmen, 
müssen. Dann würde der V orrat von leerstehenden daß augenblicklich die Finanzlage der S tad t schlecht 
W ohnungen sehr bald verschwinden. W enn wir ist. Denn die städtischen Arbeiter haben ja gar 
augenblicklich einen größeren V orrat von leer­ keinen Vorteil davon, wenn die Konjunktur gut ist. 
stehenden Wohnungen haben, so hängt das m it der Wir haben ihnen in Zeiten guter Konjunktur nicht 
ganzen wirtschaftlichen Lage zusammen. S ie etw a gesagt: jetzt geht es uns gut, wir haben riesige 
werden immer finden, daß in Zeiten einer wirtschaft­ Überschüsse, also sollen auch die Arbeiter davon be­
lichen Depression keine W ohnungsnot vorhanden ist. kommen. Nein, die Löhne der städtischen Arbeiter
        
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