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Periodical volume 22. Dezember 1909

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1909

566 ,  Sitzung vom 22. Dezember 1969
kriegt der Hausvater Angst. Es wurde danach nicht Dieser Fall liegt bereits sehr lange zurück und hat 
angenommen, daß der Knabe irgendwelche anderen sich in der ersten Zeit des Richterschen Amtes zu­
Selbstmordgedanken, als sie hier scheinbar vor­ getragen. D ie Kinder hatten in der Kirche während 
gebracht worden sind, seiner M utter gegenüber des Gottesdienstes Störungen verursacht, es waren 
geäußert haben könne. Und gerade dieser Fall V II darüber Beschwerden bei dem Hausvater einge­
ist derjenige, von dem der Ausschuß die behaupteten gangen, und als die Kinder nach Hause kamen, 
Tatsachen, für die die neuen Zeugenvernehmungen wurden alle diejenigen, die die Störungen während 
abgelehnt wurden, von vornherein als wahr unter­ des Gottesdienstes hervorgerufen hatten, durch 
stellte und sich nur die Frage vorlegte, ob diese Fälle einen Schlag auf die Hand gezüchtigt. Unter diesen 
so gravierend sind, daß auf schleunige Amts- Kindern befand sich auch Herta Schulz, die allerdings 
entseyung des Herrn Richter erkannt werden müßte. eine kranke Hand hatte; die Erkrankung aber befand 
Er hat —  und meiner M einung nach ganz mit Recht sich auf dem Handrücken, und der Schlag ist in 
—  diese Frage verneint. durchaus zulässiger Weise auf die innere Handfläche, 
Nach diesem Fall V II erklärte Herr Kollege also auf die gesunde S eite  der Hand, geführt 
Zietsch in dem Ausschuß, daß er sein weiteres worden. Der Hausvater Richter hat selbst ange­
M aterial zurückziehe. Es waren aber vorher geben, daß er keine Ahnung gehabt hat, daß die 
noch vier andere Fälle zur Sprache gekommen, und Herta Schulz eine kranke Hand gehabt hat; es hat 
es wurde dann in die Erörterung dieser vier Fälle ferner die Herta Schulz selbst angegeben, daß der 
eingetreten. Vorher hatte der Ausschuß mehrfach Schlag, den sie bekommen hat, gar nicht schlimm 
an Herrn Kollegen Zietsch die B itte gerichtet, die gewesen ist. Ich möchte also auch in diesem Falle  
Zurückziehung seines M aterials nicht aufrecht­ konstatieren, daß eine Überschreitung des Züchti­
zuerhalten, sondern auch sein weiteres M aterial dem gungsrechtes nach Ansicht der Mehrheit des Aus­
Ausschuß zu unterbreiten. Diese vier Fälle, die schusses und nach meiner eigenen Ansicht nicht statt­
dann noch zur Sprache kamen, sind der Fall V III, gefunden hat, und daß also auch dieser Fall für die 
den ich vorhin erörtert habe, und die Fälle IX , X  Begründung des Antrages auf Amtsentsetzung 
und X I. vollkommen ausscheidet und hinfällig ist.
Der Fall IX  ist folgender: Fall X I. Angaben der Antragsteller:
Nach den Angaben der Antragsteller soll D ie Geschwister Zeh sollen so geprügelt 
Erich Helfgott im  Frühjahr 1907 m it dem worden sein, daß die andern Kinder sich 
Besenstiel geprügelt worden sein. darüber erregt haben. Einige Kinder sollen 
D as Ergebnis der Untersuchung des Magistrats bis zu 30 Schlägen gezählt haben.
zeigt, daß von einer Prügelung mit dem Besenstiel Diese Geschwister Zeh hatten sich herumgetrieben 
nicht die Rede sein kann. D ie Sache ist folgender­ und unter der lügenhaften Vorspiegelung den Haus­
maßen gewesen: eltern gegenüber, daß sie Nachhilfeunterricht hatten, 
um Nahrung gebettelt, so daß Personen sich an den 
Der Lehrling Erich Helfgott hat angegeben, Hausvater Richter wandten mit der Frage, ob denn 
daß er m it dem Knaben Alfred Gondeck vom 
S piel zum Kaffeetrinken gerufen worden war. gar keine Ordnung im Hause gehalten würde. Die  beiden Kinder sind wegen ihres Vergehens in 
Helfgott behauptet, in der Badestube mit durchaus zulässiger Weise gezüchtigt worden. 
einem Besenstiel zusammen' mit Alfred Eduard Zeh kann nicht sagen, wieviel Schläge er 
Gondeck einen Schlag vom Waisenvater er­
halten zu haben, weil sie kaltes Wasser in bekommen hat —  das ist ja selbstverständlich — , aber das Ergebnis der Untersuchung des Magistrats 
ihren Kaffee gegossen hatten. Drei hierzu 
vernommene Mädchen haben angegeben, daß hat gezeigt, daß er selbst nicht glaubt, daß es eine 
die Knaben die Züchtigung im  Speisezimmer größere Anzahl gewesen ist, und die Anna Zeh hat selbst angegeben, daß sie nur einige wenige Schläge 
erhalten haben, und zwar, weil sie dem Verbot auf die Hände bekommen hat, so daß also von 
entgegen, das Zimmer verlassen hatten. Auch „bis zu 30 Schlägen" gar keine Rede sein kann. 
ist der Schlag nicht m it einem Besenstiel, 
sondern mit einer Leiste geführt worden, die S om it ist also auch in diesem Falle der Beschluß des Ausschusses vollkommen berechtigt, der ebenso 
Helfgott selbst aus der Handwerkerkammer 
geholt hatte. wie in früheren Fällen lautet, daß dieser Fall als erledigt angesehen wird, und daß der Ausschuß den­
Es war selbstverständlich, daß infolgedessen der selben für die Begründung des Antrages der S tad t­
Ausschuß diesen Fall als erledigt ansah und ihn für verordneten Bartsch und Genossen für belanglos 
die Begründung des Antrages der Stadtv. Bartsch ansieht.
und Gen. als belanglos erachtete. M eine Herren, das sind die Fälle, die dem 
Ich möchte noch darauf hinweisen, daß in Ausschuß vorgelegen haben, und das die M omente, 
diesem Falle den betreffenden Kindern von den auf Grund deren ein verdienstvoller Beam ter 
Hausettern streng verboten war, den Kaffeetisch zu plötzlich und mit Schimpf und Schande seines 
verlassen, weil die Hauseltern durch einen Besuch, Am tes entsetzt werden so llte! Eine Reihe derselben, 
wenn ich mich recht entsinne, ihrerseits stark in und gerade diejenigen, die am schlimmsten aussehen, 
Anspruch genommen waren und für Ordnung und entbehren, wie der Ausschuß festgestellt hat, jeder 
Zucht deshalb nicht eintreten konnten. Daß in tasächlichen Grundlage, und auch in den Fällen, wo 
diesem Falle die Züchtigung —  nicht durch einen geschlagen wurde und geschlagen werden mußte im  
Besenstiel, sondern durch eine dünne Leiste —  Interesse der Erziehung und im Interesse der Auf­
erfolgt ist, ist vollkommen am Platze gewesen und rechterhaltung der Ordnung und Zucht im Hause, 
involviert durchaus nicht eine Überschreitung des ist eine Überschreitung des Züchtigungsrechtes in 
Züchtigungsrechtes. keinem Falle erfolgt. Es kann also keine Rede sein, 
Angaben der Antragsteller im Fall X : daß auf Grund dieser Fälle auf eine schleunige 
Herta Schulz soll über ihre kranke Hand Amtsentsetzung der Hauseltern hätte erkannt werden 
geschlagen worden sein. müssen.
        
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