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Periodical volume 8. Dezember 1909

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1909

558  Sitzung vom 8 Dezember 1909
zu überweisen; nicht deshalb, weil ich gegen den aber, daß bei der ersten Anfrage im Frühjahr dieses 
Gedanken des M agistrats Einwendungen zu Jah res  sich die Eltern von zirka 70 Kindern melde­
erheben h ä tte , weil ich sie für wesent­ ten, welche ihre Sprößlinge in die Waldschule 
lich verbesserungsfähig hielte und Änderungen aufgenommen zu sehen wünschten. Es bleibe aber 
für notwendig erachtete, sondern weil m ir einige nicht unerwähnt, daß von dieser Zahl 70 eine größere 
Punkte aufklärungsbedürftig erscheinen, ehe wir Anzahl Eltern nur geringere oder gar keine Bei­
die Verantwortung der Zustimmung zu der Borlage träge für ihre Kinder zu zahlen sich imstande er­
ganz und voll übernehmen können. Lassen S ie klärten.
mich einige Punkte, auf die wir im P lenum  ja Der letzte Punkt, der mich an S ie  die Bitte 
nicht einzugehen brauchen, falls wir den Ausschuß richten läßt, die Vorlage einem Ausschuß zu über­
für angemessen halten, hier ganz kurz streifen. weisen, ist die vom M agistrat gewünschte Berech­
Die Vorlage sieht die coedication von Knaben tigung, zu den Kosten 20% zuzutragen, um  hierfür 
und Mädchen vor. Ob die Kgl. Regierung und halbe und ganze Freistellen zu errichten. Meine 
das Provinzialschulkollegium diesem Plane, dem Herren, ich bin nicht etwa gegen die Freistellen, 
ja wohl die Versammlung sympathisch gegenüber­ es fällt m ir nicht ein, den Leuten, welchen es schwer 
steht, durchaus sicher die Genehmigung erteilen wird, ihren Kindern die höhere Bildung zuzuwenden, 
wird, ist aus den Akten nicht unbedingt zu ersehen die große Wohltat der Waldschule dadurch er­
gewesen. schweren zu wollen, daß keine Freistelle vorhanden 
Der L e h r p l a n  einer höheren Waldschule sein solle — durchaus nicht, und meine Freunde 
ist ja naturgem äß viel komplizierter und schwieriger stehen auf dem gleichen Stundpunkt. Aber auf 
als der der Volkswaldschule. Die Notwendigkeit, die Gefahr hin, daß man meine Äußerung vielleicht 
Schüler und Schülerinnen vom humanistischen, vom als ein Kennzeichen unfreundlicher sozialer Ge­
Realgymnasium, von der Oberrealschule, Reform» sinnung auslegt, müßte ich doch sagen: für Rechte 
und Mädchenschule zu vereinigen und ihnen alles sind auch Pflichten in den Kauf zu nehmen: wer 
an Unterweisung zu bieten, — ich komme immer das große Glück hat, derartiger Gemeindeein­
wieder auf dieses Versprechen der M agistrats­ richtungen sich bedienen zu dürfen, der muß auch 
vorlage zurück — daß sie nicht hinter ihre Klassen­ bereit sein, dafür eine Last zu übernehmen, so 
genossen zurückbleiben, erfordert jedenfalls einen schwer er sie nur irgend zu tragen imstande ist. 
großen Aufwand von pädagogischer Klugheit und Daher stehen wir der Frage von halben Freistellen 
Gewandtheit. Ich bin nicht imstande, zu über­ durchaus sympathisch gegenüber, möchten aber 
sehen, ob der vorgesehene Lehrkörper dazu aus­ im Ausschuß zur Erwägung anheimgeben, ob 
reicht oder zu groß ist. Auch das würde Gegenstand sich für die ganzen Freistellen, die also ein Ge­
der B eratung im Ausschuß sein. Im m erh in  ist schenk der Stadtgem einde auf Kosten der S teuer­
mir im einzelnen das folgende aufgefallen: die zahler an Bevölkerungskreise darstellen, die im 
wesentliche Verkürzung der Unterrichtsstunden in allgemeinen —  im einzelnen mag es ja anders 
der Waldschule ist ja wohl eines ihrer Haupt­ liegen — doch aber eigentlich nicht Anspruch 
heilmittel. Ich habe den Waldschullehrplan mit darauf haben, nicht eine Form  finden läßt, die alle 
dem meines Sohnes, welcher die Q uarta  besucht, gesunde und moderne soziale Fürsorge vorsieht 
verglichen und gefunden, daß unter Außeracht­ und doch vor einer Übertreibung halt macht.
lassung der Turnstunde die Zahl der Schulstunden Ich bitte S ie  also, die Vorlage einem Aus­
um  6 reduziert ist. Hierzu kommt eine weitere schuß zu überweisen, und bin überzeugt, daß es 
Verkürzung des Unterrichts durch Abkürzung von gelingen wird, uns über die Punkte, über die ich 
16 Lektionen auf 30 M inuten, so daß im ganzen zirka noch einige Bedenken habe, im Ausschuß aufzuklären.
9 S tunden weniger als in der Stadtschule unter­
richtet wird. Es will meinem Laienverstande nicht Stadtv. Becker: Meine Herren, die Voraus­
ganz fraglos erscheinen, ob das zur Bewältigung setzung des Herrn Berichterstatters, daß diese 
des Pensum s genügt, und ich würde es für eine Vorlage auch bei den übrigen Fraktionen dieses 
bedauerliche Folgeerscheinung des gekräftigten Kör­ Hauses eine beifällige Aufnahme finden würde, 
pers halten, wenn die Kinder nachher in der S tad t­ kann ich, soweit es meine Freunde betrifft, durch­
schule zurückbleiben müßten. Von sachverständiger aus bestätigen: auch wir treten dieser Vorlage 
Seite über diesen Punkt volle Beruhigung zu er­ wohlwollend gegenüber. Wir haben es bei der 
halten, ist im Ausschuß der Ort. bestehenden Waldschule erprobt, welche außer­
Ein weiterer Punkt, den das Aktenstück nicht ordentlichen Vorteile den kränklichen Schülern der 
voll klärt, ist die Frage der F r e q u e n z  von Volksschule zugewendet worden sind, und wir 
120. Ich halte es für richtig, daß ein soziales freuen uns, wenn es möglich ist, auch den Kindern 
Unternehmen wie diese höhere Waldschule, welches der höheren Schulen diese Erholung, diesen Aufent­
sehr erfreulich, sehr willkommen, sehr zu begrüßen halt in der frischen Luft während der Som m er­
ist, doch nur dann gemacht werden darf, wenn monate zu bewilligen. Wir freuen uns, daß wir 
es der S tad t keine Kosten auferlegt; denn bei der Eltern hierdurch ein M ittel bieten können, 
Finanzlage der S tad t, die uns immer sehr un­ sie innerhalb der Kräfte und Geldopfer, die 
günstig geschildert wird, und bei den sehr dringenden sie anwenden können, die Möglichkeit haben, ihre 
sozialen Aufgaben für ärmere Bevölkerungsklassen, Kinder in die frische Luft hinauszubringen. Meine 
die absolut unabweisbar sein werden, darf man Herren, in den großen S täd ten  ist das Zusammen­
doch wohl nach Luxus erst daun greifen, wenn pferchen einer großen Menge von Kindern in den 
für das Notwendigste eine Gewähr geleistet ist. großen Schulgebäuden ein vielleicht notwendiges 
Sind es weniger als 120 Kinder, so verringert sich Übel. Trotz der besten hygienischen Einrichtungen, 
ja natürlich der Berpflegungsetat und auch die die wir in diesen Schulgebäuden treffen, können 
Kosten; aber die großen Hauptkosten bleiben doch wir den Schulkindern nie das bieten, was jeder 
die gleichen. Wie die Zahl 120 gefunden ist, ist aus Dorfjunge hat, d. h. die frische Luft. Die frische 
den Akten nicht genau ersichtlich. Ersichtlich ist Luft ist das Beste, was man den Kindern geben
        
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