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Periodical volume 8. Dezember 1909

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1909

554 Sitzung vom 8.. Dezember 1909
Haupt gibt. Gerade über die Kirchhofsfrage sindj Ich möchte dann aber auch noch auf die jetzigen 
ja fo viele Märchen im Umlauf, und es werden da Verhältnisse exemplifizieren. Wir haben ta t­
so viele Behauptungen aufgestellt, die bei sach­ sächlich in einer ganzen Reihe von S taa ten  — gleich­
verständiger P rüfung sich als vollkommen nichtig viel, ob Preußen dabei ist oder nicht, mich geniert's 
erweisen, daß es sich erübrigt, auf alle Details ein- nicht und wahrscheinlich eine große Zahl von andern 
zu gehen. Nur den einen Punkt möchte ich aus auch nicht — Krematorien. N un sehen S ie  sich 
Pettenkofers Arbeiten hervorheben — und ich mal den Betrieb dieser Krematorien an ! Von 
glaube, die A utorität von Pettenkofer wird wohl Einheimischen läßt sich selten jemand verbrennen; 
keiner von Ih n en , der sich mit hygienischen Fragen in Gotha, der ältesten Anlage, sind, glaube ich, 
beschäftigt hat, anzweifeln — , daß auf einem Kirch­ 3 % Einheimische; es sind meistens also hoch 
hof, auf dem 550 Leichen bestattet waren, und der poetisch, hoch lyrisch angelegte Gemüter, die das 
einen R aum  von ungefähr Vs h»/ also ca. Verbrennen als einen besonderen Vorzug be­
3300 qm einnahm, die gesamte Gasem anation, trachten.
welche in 10 Jah ren  heraustrat — also dasjenige, (Lachen.)
was immer und an erster Stelle als die Schädigung Es ist, ich möchte sagen, eine Art von aristokra­
hervorgehoben wird, welche durch Kirchhöfe ein­ tischem Gefühl; die betreffenden Persönlichkeiten 
tritt — , nicht größer w ar als die Gasentwicklung möchten eben noch etwas Ausschließliches für sich 
einer einzigen Senkgrube in einem größeren haben, und vielleicht erhoffen sie später auch noch 
Mietshause i n  e i n e m  J a h r e .  Die jährliche im Himmel einen besonderen Platz.
Gasem anation aus der Senkgrube war etwa (Lachen und Unruhe.)
6285 cbm und die von dem Kirchhofe 6417 cbm F ü r ein wirkliches Bedürfnis des Volkes, der 
schädlicher Gase in der Kirchhofsluft. Die Gesamt­ großen Gesamtheit ist bisher noch nicht der Beweis 
gasmenge war V5ooo ooo. D as ist eine Verunreini­ erbracht, und genau so wie in Deutschland verhält 
gung, die sich kaum noch chemisch feststellen läßt, ge­ es sich in anderen Ländern, wo die Leichenver­
schweige denn, daß m an hygienische Nachteile daraus brennung statthaft ist, aber fast noch weniger benutzt 
folgern kann. D as sind doch wohl M omente, die wird als bei uns.
nicht ganz außer Betracht gelassen werden sollten. D as sind nur einige M omente, da ich Ih n e n  
Nun ist gesagt worden, wir hätten für unsere hier keine Vorlesung halten möchte. Ich wollte nur 
Kirchhöfe nicht R aum  genug, sie kämen zu weit die praktische Seite der Frage vom finanziellen und 
hinaus. Auch das ist eine Behauptung, die ohne vom Standpunkt der Volkshygiene urgieren. Wenn 
Unterlage ist. wir aber ein Krem atorium  bauen, weil die M ajo­
(Widerspruch.) rität der Stadtverordnetenversam m lung überzeugt ist, daß die Leichenverbrennung hygienisch und 
Wir können auf 1 ha, wenn m an selbst sehr opulent gesundheitlich notwendig und vorteilhaft ist, dann 
mit der Verteilung des Raum es auf Kirchhöfen muß dieses Krem atorium  auch so gebaut werden, 
vorgeht, also für eine Leiche 6 qm rechnet — ich daß sein Gebrauch jedem zusteht und nicht ein 
möchte daraus aufmerksam machen, daß in P aris  Luxus für einige wenige Begüterte bleibt. Falls 
auf dem allgemeinen Begräbnisplatz nur 2 q m  das nicht durchzuführen ist, dann widerspricht es 
gegeben werden und in anderen S täd ten  4 qm meiner Anschauung durchaus nicht, wenn die S tad t 
inklusive der Seitenwege der Gräber schon als einer für Leichenverbrennung gebildeten Ver­
reichlich gelten — wir können also auf 1 ha einigung von Privatleuten einen R aum  auf ihrem 
1660 Leichen unterbringen. Dabei sind schon die Gottesacker gewährt, der zum B au des Krema­
Wege zwischen den Gräbern sowie die Hauptwege torium s genügt; aber daß die Gemeinde auf eigene 
mit in Betracht gezogen. . Wir haben nun im Kosten und m it den M itteln der Steuerzahler 
vorigen Jah re  in Charlottenburg nach dem Ja h re s ­ solchen Versuch machen soll, dazu halte ich die Zeit 
bericht 3218 Sterbefälle von Erwachsenen und für noch nicht gekommen.
Kindern gehabt; um  diese Leichen aufzunehmen, 
würden also 2 ha genügen. Wenn m an nun weiter (Die B eratung wird geschlossen.)
den T urnus für die Gräber in Betracht zieht, so 
schwankt der nach der jetzt üblichen Anschauung Antragsteller Stadtv. Meyer (Schlußwort): 
zwischen 9 Jah ren  — das ist der geringste Obwohl der Herr Vorredner durch seine, wie ich 
T urnus, der heute bei Gräbern gilt —  und gern zugebe, außerordentlich sachkundigen Aus­
60 Jah ren , der noch in B erlin bei einigen Gemeinde­ führungen vielleicht diesen oder jenen überzeugt 
friedhöfen üblich ist. Im m erh in  also würden wir haben wird, daß es ein wahres Vergnügen sein 
bei einem T urnus von 30 Jah ren , also einem muß, im Sande der Mark begraben zu werden, 
Menschenalter, bei dem jetzigen Einwohnerstande so ändert alles, was er vorgebracht hat, doch nichts 
und der jetzigen M ortalität m it einem Kirchhofe an der Tatsache, daß die Zahl der Anhänger der 
von 60 ha auskommen. Daß die Beschaffung eines Feuerbestattung im Steigen begriffen ist. Ich 
solchen Flächenraumes, den m an ebensogut ver­ konnte nach dem vorjährigen Ergebnis der Ver­
doppeln und verdreifachen kann, in der Nähe von handlung nicht erwarten, daß heute ein Wider­
Berlin nicht zu den Unmöglichkeiten gehört, werden spruch erhoben werden würde,
S ie mir zugeben. Denn wir haben ja für unsere (Sehr richtig!) 
S tad t Park- und Erholungsstätten und Rieselfelder und habe deshalb keine Statistik bei der Hand; 
von vielfacher Größe erworben. Ebenso werden aber es ist m ir bekannt, daß von J a h r  zu J a h r  
S ie mir zugestehen, daß bei einigem Verständnis und eine Zunahm e der Feuerbestattungen eintritt und 
etwas reichlichen M itteln auch die Ausstattung eines auch die Zahl der Einheimischen in Gotha bei­
solchen Kirchhofes — ich erinnere an den Ohlsdvrfer spielsweise, wo ich die Verhältnisse zufällig näher 
Kirchhof bei Hamburg — in einer Weise erfolgen kenne, von J a h r  zu J a h r  sich vermehrt hat. Wenn 
kann, . die allen Anforderungen von Geist und wir aber davon ausgehen, daß die Anhänger der 
Gemüt durchaus entspricht. Feuerbestattung zunehmen, dann ist wohl ein
        
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