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Periodical volume 8. Dezember 1909

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1909

5 4 0 Sitzung tiom 8. Dezember 1909
Der erhoffte Erfolg ist nicht ausgeblieben. Stadtv. Dr. Stadthagen : Meine Herren,
Um so mehr halten wir uns jetzt für ver­ eine Bemerkung des Herrn Kollegen Zietsch ver­
pflichtet, die Kolonien in den schwierigen dient doch, etwas erörtert und zurückgewiesen zu 
Jah ren  der Entwicklung nicht im Stiche zu werden. Er meinte, wir — ich nehme an, daß er 
lassen. die bürgerlichen Parteien  dieses Hauses gemeint 
Daß diese schwierigen Jah re  der Entwicklung mit h a t; ich kann natürlich nur für mich und meine 
dem Jah re  1909 nicht abgeschlossen sein werden, Freunde sprechen, aber ich nehme an, daß die 
dürfte auch den Herren bewußt sein, die auch heute anderen Herren auf demselben Standpunkte stehen 
ivieder für eine Unterstützung der Bodelschwingh- — wir bekämpften immer ihren Weg, dem Laster, 
schen Kolonien eintreten. D arin bin ich auch der der Arbeitslosigkeit usw. entgegenzutreten, ihren 
M einung des Herrn Kollegen Protze: die schwierige Weg, der namentlich in der O r g a n i s i e r u n g  
Lage der Bodelschwingh'schen Kolonien bei Bernau der Arbeiter bestände. Meine Herren, w i r  b e ­
wird so lange anhalten, bis die Obstbäume Früchte k ä m p f e n  d u r c h a u s  n i c h t  d i e  B e s t r e ­
trägem  D arauf wollen wir aber nicht warten, b u n g e n ,  d i e  a u f  O r g a n i s i e r u n g  d e r
dieses Risiko können wir nicht übernehmen. Wir A r b e i t e r  a b z i e l e n .  Was wir bekämpfen, 
wollen nicht weitere Verpflichtungen gegenüber! ist etwas ganz anderes. Wir wollen den Orga- 
den Bodelschwingh'schen Unternehmen dadurch ein- I nisationen aber nur dann Unterstützung von 
gehen, daß wir diesmal wieder 5000 M  bewilligen, j städtischer Seite zuteil werden lassen, wenn sie nicht 
Es ist mit den bisherigen Bewilligungen von j politische Zwecke verfolgen. Es ist aber auch voll-
23 000 M  genug. Wenn wir jetzt nicht bald die kommen falsch, wenn Herr Kollege Zietsch be­
Schraube oben abdrehen, kann sie endlos weiter hauptet, daß nur auf diese Weise die Schwierig­
gedreht werden. Meine Freunde sind gegen die keiten, die hier beseitigt werden sollen, beseitigt 
Vorlage. werden könnten. Diese Organisationen, d i e 
s o z i a l d e m o k r a t i s c h e n  G e w e r k s c h a f ­
Stadtrat Sehdel: R ur einige wenige Worte t e n  z. B.  , h a b e n b i s h e r d e n  S t r o m  b e t  
auf die letzten Ausführungen. Es ist zunächst er­ A r b e i t s l o s e n  v o n  d e r  L a n d s t r a ß e  
klärlich, meine Herren, daß eine Vorlage, die den­ n o c h  n i c h t  f o r t b r i n g e n  k ö n n e n .  Es 
selben Gedanken verfolgt wie eine frühere, dieser ist ja allgemein bekannt, daß diese Organisationen 
auch in W orten und Wendungen ähnlich ist. Ich nur die gut zahlenden, die gut situierten Arbeiter 
darf dabei persönlich bemerken, daß ich bei Ab­ umfassen. D as haben die Herren so und so oft 
fassung d i e s e r  Vorlage die Vorlage vom vorigen selber zugegeben, daß sie gar nicht sich das Ver­
Jah re  kaum angesehen habe - das macht sich ganz dienst zubilligen können, daß sie gerade die Kreise 
von selbst, daß einem bei derselben Sache die­ zu bessern vermögen, die v. Bodelschwingh bessern 
selben Worte in die Feder fließen. Ebenso ist es will, oder die durch andere, ähnliche soziale Ein­
nicht unnatürlich, wenn d a m a l s  die Vorlage richtungen gebessert und gehoben werden sollen. 
dam it begründet wurde, daß größere Geldmittel Ih n e n  ist das bisher in keiner Weise gelungen.
für Neubauten erforderlich seien, daß nun zur Be­ Ich glaube also doch, neben Ih re n  Bestre­
gründung der h e u t i g e n  Vorlage ausgeführt bungen, die bis zu einem gewissen Grade auch von 
wird, daß jene Neubauten inzwischen errichtet sind; uns moralische Unterstützung verdienen, und denen 
— nämlich deshalb, weil das Geld, das damals ja ähnliche, aus unseren Kreisen hervorgegangene 
dafür gesammelt wurde, und wozu auch wir unser Organisationsbestrebungen zur Seite zu stellen 
Scherflein beigetragen haben, n i c h t  g e r e i c h t  sind, neben diesen Bestrebungen müssen hier 
hat; die Belastung der Kolonie war eben inzwischen auch noch andere soziale Wege beschritten werden. 
zu stark geworden. Dazu hat die Kolonie in diesen Ich muß sagen, die Herren, die draußen gewesen 
Jah re  zum erstenmal ein Defizit gehabt; das hat sind, werden sicher den Eindruck gewonnen haben, 
uns ganz besonders mit bestimmt, ihr jetzt wieder daß die Bodelschwingh'schen Einrichtungen, wo 
zu helfen. Wir hoffen allerdings, und ich halte e i  n e U n t e r  st ü t z u n g n u r g e g e n A r  b e i t  
das auch für selbstverständlich, daß in späteren g e w ä h r t  w i r d ,  tatsächlich etwas sehr Unter* 
Jah ren  — nicht, wie Herr Zietsch meint, in einer stützenswertes sind.
sehr fernen Zukunft, sondern in einer ziemlich M eine Herren, die Entscheidung über die 
nahen Zukunft — schon ein gewisser Ertrag aus Frage, wie weit wir als Kommune Charlottenburg 
den Obstbäumen zu erzielen sein wird. Es sind dabei beteiligt sind, wie weit wir dadurch Vorteile 
zum Teil Sträucher, die schon jetzt tragen, zum Teil haben, wie hoch' sich der Zuschuß bemessen und auf 
ist es Zwergobst, das in absehbarer Zeit zu tragen wie lange er sich erstrecken soll, ist natürlich Sache 
anfangen wird. Ich  bin sogar davon überzeugt, daß der persönlichen Auffassung. Nach dieser Richtung 
wir nicht mehr allzu lange zu warten brauchen, wird es sich vielleicht auch empfehlen, bei der 
bis die Kolonie soviel abwirft, daß sie sich selbst nächsten Etatsberatung einmal die F rage zu be­
erhalten kann. Natürlich bin ich nicht in der Lage, rühren. Wir haben bei der vorjährigen E tats­
heute die Erklärung abzugeben, daß der Magistrat beratung beschlossen, daß die ganzen Vereins­
Die heutige Forderung für die letzte hält, die er beiträge, die wir zahlen, einmal einer Revision 
bewilligen zu können glaubt. Nach dem Urteil unterzogen werden sollen, und der Magistrat hat, 
des Sachverständigen, der sich über die Ertrag­ wenn ich nicht irre, sich bereit erklärt, in eine P rü ­
fähigkeit der Obstbäume geäußert hat, ist ein fung der Pereinsbeiträge einzutreten. Bei dieser 
nennenswerter Ertrag nicht vor 5 bis 6 Jah ren  zu Gelegenheit wird vielleicht die Frage auch mit er­
erwarten. Wir werden daher künftige Anträge örtert werden können, ob die Höhe der Sum m en, 
der Kolonie ebenso gewissenhaft prüfen müssen die wir bereits bewilligt haben und in Zukunft
wie die bisherigen, und können nicht etwa heute i  noch bewilligen werden, mit den Vorteilen im Ent­
biet- schon sagen: wir werden in Zukunft weitere klang steht. F ü r heute werden wir, glaube ich,
Beiträge nicht bewilligen. Ich bitte jedenfalls, gut tun, dem Antrage des Berichterstatters zu 
die heutige Vorlage zu genehmige«. folgen und die Sum m e zu bewilligen.
        
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