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Periodical volume 8. September 1909

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1909

Sitzung vom 8. September 1909 3 7 3
genügend großes Gelände zur Verfügung gestellt in der Sitzung vom 21. Dezember 1904 ist ausdrück­
hätte. Meine Herren, daß bei uns eine Kirchhofsnot lich der Antrag angenommen worden:
oder ein Geländehunger besteht, das weiß jeder Der Magistrat wird dringend ersucht, so 
Terraininteressent; wir haben soviel darüber er­ schnell als möglich von der Aufsichtsbehörde 
örtert, und von Ih r e r  Seite wenigstens- ist es so die Genehmigung zur Anlage eines Ge­
deutlich zum Ausdruck gelangt, daß der Preis  dabei meindefriedhofs zu erlangen.
gar keine Rolle spielt, daß jeder, der nur irgendwie Sie sehen: das Verlangen ist durchaus da, den 
in der Lage gewesen wäre, uns ein solches Gelände Gemeindefriedhof zu errichten.
anzubieten, es uns auch offeriert hätte. Wir haben Und wir wollen auch einen ordentlichen, wirk­
tatsächlich seit der letzten Verhandlung auch einige lich schönen Gemeindefriedhof haben. Was sind 
Angebote noch erhalten; aber auch diese Angebote denn die schönsten Gemeindefriedhöfe Deutsch­
haben sich als vom Standpunkt des Magistrats lands? Das sind die Waldfriedhöfe bei München 
unannehmbar erwiesen, sie weisen durchweg Preise und in Osdorf bei Hamburg.
auf, die mindestens bis zu 4000 M  erreichen — sogar (Sehr richtig!)
bis zu 25 000 und 30 000 M  gehen sie in der Nähe Und, meine Herren, ist es denn unmöglich für uns, 
von Reinickendorf — , die aber vor allen Dingen den einen ebenso schönen Waldfriedhof zu errichten? 
Mangel haben, daß die Berkehrsverbindungen in Wir haben die Jungfernheide. Die Jungfernheide 
keiner Weise gesichert sind. Selbst für diejenigen ist zum Teil sumpfig, aber zum Teil hat sie auch 
Gelände, die an der Döberitzer Heerstraße hinter ganz gutes Terrain. Das Terrain zwischen dem 
Spandau  liegen, kann heute in keiner Weise schon Genesungsheim und dem Spandauer Schiffahrts­
festgestellt werden, in welcher Weise später der kanal im Jagen  6 — das ist das höchst gelegene — 
Verkehr geregelt werden soll und wird. ist sehr schön trocken und dazu geeignet. Es sind 
S o  lange diese Schwierigkeit besteht, so lange auch noch andere Terrains da, auf der andern Seite 
werden Sie dem Magistrat nicht zum Vorwurf des Genesungsheims, nach dem Königsweg zu; 
machen können, daß er Ih re  Wünsche nicht erfüllt. auch da um dem Spielplatz herum. Aber haupt­
Denn ultra posse nemo obligatur. An unserem sächlich Jagen  6 zwischen dem Genesungsheim und 
guten Willen hat es wahrhaftig nicht gefehlt — dem Spandauer Schiffahrtskanal ist viel besser ge­
die Versicherung ist Ih n e n  wiederholt abgegeben eignet als z. B. die Kirchhöfe in Britz: die haben 
worden, und ich glaube, den Glauben haben Sie viel schlechteres Terrain.
alle. Wir haben einfach nicht die Möglichkeit gehabt, Und was die Genehmigung durch den Ober­
Ih r e  Wünsche, die auch die unseren waren, durch­ präsidenten betrifft, so liegt ihre Verweigerung 
zusetzen. hauptsächlich daran, daß die Genehmigung nicht 
für sumpfiges Terrain, wie z. B. die Mückeritz­
wiesen, erteilt wird und dann nicht für zur Be­
S tad tv .  Vogel I :  Meine Herren, Sie haben 
eben gehört, daß von dem Magistrat weiter nichts bauung erschlossenes Terrain, wie den früheren Exerzierplatz. Dagegen für das trockene Gelände 
in Aussicht gestellt wird als Stahnsdorf. Privatim der Jungfernheide würde die Genehmigung wohl 
ist mir mitgeteilt worben: es soll die Leichenver­ erteilt werden.
brennung gefordert werden. Und wir können uns kein besseres Terrain 
Was den Stahnsdorfer Friedhof betrifft, so wünschen. Es ist so nahe gelegen. Von der End­
haben wir eben gehört, daß es ein konfessioneller station der Straßenbahn 54, Schönhauser Allee nach 
Friedhof werden soll, im Gegensatz zu dem Kom­
munalfriedhof, den Berlin hat. Außerdem haben der Jungfernheide, sind noch 1100 m bis zur J u n g ­
ja auch noch einige andere, sogar ganz kleine Ge­ fernheide. Dieser Teil des Tegeler Weges wird doch früher oder später bebaut, wird reguliert, und dann 
meinden Gemeindefriedhöfe; da ist Niederschön­ kann die Straßenbahn weiter geführt werden. Die 
hausen und Niederschöneweide; ich weiß nicht, ob Entfernung ist auch sonst ganz gering. Es läßt sich, 
es noch mehr sind. Ich bin der Meinung, daß, wie gesagt, nichts Besseres wünschen.
wenn so kleine Gemeinden einen Gemeindefriedhof Wir haben die Jungfernheide seit Ende 1904. 
haben können, dann Charlottenburg auch dazu in Was bis jetzt geschehen ist, ist, daß zwei Dutzend 
der Lage ist. hölzerne Bänke hingestellt worden sind: sonst ist 
Was die Leichenverbrennung anbetrifft, so absolut nichts geschehen. Die Jungsernheide soll 
hat sie viele Vorzüge; das läßt sich nicht bestreiten. Volkspark werden. Es ist bald Zeit. Aber dadurch, 
Aber es geht damit, ich möchte sagen, wie mit dem daß der Gemeindefriedhof dahin kommen würde, 
Selbststillen der Säuglinge: das hat auch gegen würde dieser Zweck nicht verhindert; deswegen 
die Kuhmilchernährung der Säuglinge viele Vor­ kann sie auch noch Volkspark werden. S ie  wird 
züge, aber deshalb kann man die Kuhmilcher­ dann kein Rummelplatz; im Gegenteil, in sittlicher 
nährung doch nicht ganz aus die Seite werfen; das Beziehung wird die Gegend durch den Gemeinde­
würde viele Schädigungen nach sich ziehen. Des­ friedhof sicher gehoben.
halb können wir auch von der Errichtung des Ge­ Und dann: der Herr Kämmerer wird den Ein­
meindefriedhofs nicht absehen, weil die größte wurf wegen der Bezahlung des Gemeindefriedhofs 
Mehrzahl der Menschen sich nicht verbrennen lassen nicht mehr machen. Dieser ist unser E igen tum !
kann, der Kosten wegen. Ich könnte Ih n e n  die Aus allen diesen Gründen möchte ich bitten, die 
Kosten mitteilen; aber das würde zu weit führen. Frage einer gemischten Deputation zu überweisen, 
Daß wirklich das Bedürfnis für den Ge­ und zwar mit Einschluß der Tiefbau- und Park­
meindefriedhof vorliegt, kann man schon daraus deputation, damit diese das Gelände ansehen und 
ersehen, daß im Laufe der letzten 5 Jah re  eine ganze dann denjenigen Teil bezeichnen, der auch ihrer 
Reihe von Petitionen an den Magistrat gerichtet Meinung nach der bestgeeignete ist. Denn dabei 
worden sind — von Mitgliedern dieser Versamm­ bleibe ich: einen schöneren Friedhof können wir uns 
lung: Protze, Bollmann, früher Dr. Penzig — , nicht wünschen als die Jungfernheide, wenn im 
die alle den Gemeindefriedhof haben wollten, und Frühjahr die Eichen im ersten Grün sind. T a n n
        
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