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Periodical volume 8. September 1909

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1909

Sitzung Dom 8. September 190!) 3 7 1
müssen wir doch für völlig unzulänglich die Regelung Möglichkeit eines w ürdigen Nachrufs auch bei
in  bezug auf die Dissedenten erklären, w enn  sie Bestattung solcher Leute gegeben werde, die der 
lediglich darin  besteht, daß auf diesem Kirchhof Kirche nicht angehören. Und wenn die F rage  sich 
ein Block zur Verfügung gestellt wird. Herr nicht anders regeln ließe als durch Benutzung 
Bürgermeister M atting  führte aus, daß der M agistrat eines Blockes auf dem S tah n sd o rfe r  Friedhofe, 
an  das Königliche Konsistorium der P rovinz  B ra n ­ m üßten  wir mindestens von dem Magistrat ver­
denburg zwei F ragen  gerichtet hat;  die eine F rage  langen, daß er feine an das Konsistorium gerichteten 
betrifft die Verkehrsverhältnisse, die Herstellung Fragen  nach dieser Richtung hin ausdehnt.
der V erbindungen nach S tah n sd o rf :  die zweite Aber auch selbst wenn die F rag en  dahin a u s ­
F rage  lautet: gedehnt und zufriedenstellend beantw orte t  würden, 
ob die in der M itte ilung vom 24. April 1909 würde die Regelung uns  nicht befriedigen. D enn  
enthaltene Bestätigung des Ausweises einer wir können überhaupt nicht anerkennen, daß die 
Parzelle  für Andersgläubige auch wirklich Bestattung auf einem besonderen Block etwa 
den Charakter einer dauernden Einrichtung unseren Anschauungen, nicht bloß den Anschauungen 
trage, die verbürge, daß die Einrichtung von Dissidenten, sondern überhaupt den An­
dauernd bestehen bleibe, und daß sie un te r  schauungen modern empfindender Menschen, auch 
denselben Bedingungen bestehen bleibe, w as  solcher, die der Kirchengemeinde angehören, ent­
den Tarif  und sonstige Gesichtspunkte an­ spricht. Wir meinen, daß m odern  empfindende 
betrifft, wie für evangelische M itbürger. Von Menschen einen Unterschied der Verstorbenen nach 
der zufriedenstellenden B ean tw ortung  dieser ihrem Glauben überhaupt nicht als berechtigt an ­
beiden F ragen  hat der Magistrat seine weitere erkennen, sondern daß verlangt werden muß, daß 
S te l lungnahm e zu dem Projekt eines Kom­ nicht gesondert nach dem Glauben die Seichen auf 
munalfriedhofs abhängig gemacht. dem Friedhof beerdigt werden.
M eine  Herren, danach wollte also der Magistrat Sovie l zur Begründung unseres Antrages, 
von der weiteren Verfolgung des Projekts eines soweit er die Dissidenten betrifft.
Kömmunalfriedhofs Abstand nehmen, w enn erstens Aber auch darüber h inaus können wir nicht 
die F rage  nach der Herstellung von besseren V er­ anerkennen, daß selbst bei zufriedenstellender B e ­
bindungen befriedigend beantw orte t  wird, und an tw ortung  auch der ersten Frage , der F rage  nach 
wenn zweitens dauernd G ew ähr geleistet wird für den Verkehrsverbindungen nach S tahnsdorf ,  eine 
die Bereitstellung eines Blocks für Andersgläubige. angemessene Lösung der Friedhofssrage für die 
Angenommen, die Verbindungen feien be­ Bew ohner Charlottenburgs, auch die der Kirche 
friedigend, und m an  könnte sich über die Über­ angehörenden Bew ohner Charlo ttenburgs, ge­
windung der Entfernung hinwegsetzen, so können funden ist. Die Entfernung  ist eben derartig groß, 
doch die Andersgläubigen, die ihre Angehörigen daß selbst bei Herstellung genügender und besserer 
bestatten wollen, keineswegs dam it zufrieden sein, Verbindungen, als  sie gegenwärtig bestehen, ich
daß ihnen ein Block angewiesen wird. I n  keiner will nicht sagen: eine würdige Bestattung unmöglich 
Weise ist durch die Anweisung eines besonderen wird, jedenfalls aber unmöglich wird eine pietät-
Blockes die G ew ähr dafür gegeben, daß die Be volle Pflege der Gräber. D azu ist die Entfernung 
stattung auch in einer würdigen und angemessenen eben zu groß, und deshalb verlangen wir nach wie 
Weise vor sich gehen kann. I n  keiner Weise ist durch vor, daß der Magistrat sich energisch bemüht, diese 
die F rage  des M agistrats das Konsistorium ge­ F rage  zu fördern und ein T e rra in  zu gewinnen, das 
bunden oder verpflichtet, die Bestattung Anders­ für einen Gemeindefriedhof geeignet ist.
gläubiger würdig vor sich gehen zu lassen. I n  Freilich sagte der Herr Bürgermeister in 
keiner Weise angedeutet hat der Magistrat, wie seiner A ntw ort am  30. J u n i :  er sage den Leuten, 
das Konsistorium sich zu der F rage  —  ich will mal die m it  solchen Anforderungen an ihn heran trä ten , 
sagen: der Friedhofspolizei stellen will, wie es sie sollten ihm doch ein solches T erra in  nachweisen, 
sich stellen will zu der F rage  der Reden, die bei der der Magistrat finde kein angemessenes T erra in  in 
Bestattung auf diesem Blocke gehalten werden. der ganzen näheren  —  das W ort „näheren" sogar 
Eine würdige F o rm  der Bestattung kann darin  schon e tw as sehr weit gefaßt —  Umgebung Char­
nicht erblickt werden, wenn der Verstorbene voll­ lottenburgs. N un, meine Herren, ich bin nicht so 
kommen stumm in die Erde gelegt wird, w enn außerordentlich lokal bewandert, u m  ein T e rra in  
möglichst schnell das Grab zugeschaufelt wird und ohne weiteres nachweisen zu können. Aber, meine 
der Friedhofsaufseher m it peinlicher So rg fa l t  darauf Herren, diesen Grund  lasse ich und können meine 
zu achten hat, daß n u r  ja  n iem and von den An­ Freunde nicht gelten lassen. W ir können es keines­
gehörigen auch nur  ein W ort dem Verstorbenen wegs für eine unbedingte Voraussetzung unserer 
in die G ruft  nachruft. W ir haben es ja  schon er­ S te l lungnahm e zu einem solchen A ntrage erklären, 
lebt, daß das bloße Aussprechen des Satzes: „Fahre  daß wir imstande sind, ein solches T e rra in  nach­
wohl!" von den Friedhofsbehörden als das Halten zuweisen, sondern wir müssen von dem Magistrat 
einer Rede betrachtet wurde, daß daraufhin eine verlangen, daß er sich weiter um  ein solches Terra in  
Anzeige bei der S taatsanw altschaft  erfolgte und bemüht, und ich werde m ir  auch nicht die M einung 
daß Bestrafungen wegen derartiger „Reden", die im putieren  lassen, daß gerade Charlottenburg so 
zu halten unzulässig sei, erfolgt sind. W ir müssen außerordentlich andersartig  gelegen ist als alle 
doch unbedingt verlangen, daß, w enn die S ta d t  andern  S täd te ,  auch von G roß-B erlin , daß gerade 
Charlottenburg erklären soll, sie sei m it einer für Charlottenburg sich ein Friedhof absolut nicht 
solchen Regelung der Bestattung von Dissidenten finden läßt.
einverstanden, dann die volle G ew ähr dafür ge­ sS tad tv .  B o llm ann : D ie haben auch S tah n sd o rf  
geben werden muß, daß nicht die engherzigste B e­ nicht!)
vorm undung seitens der kirchlichen Behörden gegen­ —  Ich  habe den Zwischenruf nicht verstanden. —  
über den Leidtragenden geübt wird. W ir müssen Es handelt sich darum , daß S tah n sd o rf  zu weit
verlangen, daß vollkommene G ew ähr für d ie 1 liegt. W enn ich H errn  Kollegen B o llm ann  richtig
        
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