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Periodical volume 23. Juni 1909

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1909

288 Sitzung vom 2 :. Juni 1909
2. April 1902, als der Bau des neuen Krankenhauses geklagt. Dazu kommen, wie auch der Herr Vorred­
unternommen war, wurde von der Stadtver­ ner erwähnt hat, jetzt die schlechten wirtschaftlichen 
ordnetenversammlung ein Beschluß betreffs dieses Zustände, oft ungenügende Ernährung und in den 
neuen Krankenhauses gefaßt, der 5 Punkte enthält. meisten Fällen ungenügende Desinfektion. I n  
Uns interessiert jetzt nur der Punkt 5, welcher den Krankenhäusern ist dafür genügend gesorgt, 
lautet: nur sie bieten Schutz gegen eine Verschlechterung des 
Der Magistrat wird ferner ersucht, darauf allgemeinen Gesundheitszustandes.
Rücksicht zu nehmen, daß bei der Eröffnung Eine weitere Folge der Erhöhung der Ver­
des neuen Krankenhauses der Verpflegungs­ pflegungssätze würde sein, daß nicht allein weniger 
satz auf mindestens 2,50 M  pro Kopf erhöht Private die Krankenhäuser aufsuchen, sondern auch 
wird. die Krankenkassen nicht imstande wären, so viele 
Diese Resolution hatte, wie der Herr Vorredner Patienten in die Krankenhäuser zur Verpflegung 
schon erwähnte, eine Diskussion hauptsächlich zu geben, wie sie es bisher getan haben. Die 
zwischen den Liberalen und Sozialdemokraten Wiedererlangung der Arbeitskraft würde dadurch 
einerseits und auf der andern Seite der damals verzögert, und die Armenverwaltung würde ent­
größten Fraktion der Unpolitischen zur Folge. Für schieden mehr in Anspruch genommen werden. 
diese Resolution stimmte von den Liberalen nur W ir sind in der erfreulichen Lage, gerade in der 
ein einziger; es war der damalige Stadtv. Heyse. heutigen Vorlage eine Ausführung zu finden, daß 
Die Sozialdemokraten stimmten geschlossen dagegen. der Zuschuß an die Armenverwaltung im Vorjahre 
Außerdem stimmte von den Unpolitischen noch wesentlich geringer gewesen ist, als die Einstellung 
Herr Kollege Gredy dagegen. im Voranschlag betragen hat. Wenn Sie aber den 
(Zuruf: Freie Vereinigung!) Krankenhäusern die Möglichkeit nehmen, die Är­
— Na ja, freie Vereinigung. — Die Resolution meren in genügender Zahl aufzunehmen, dann ist 
wurde trotzdem angenommen. Der Magistrat es unausbleiblich, daß die Kosten der Armenver­
brachte dann die Vorlage, sie kam, nachdem eine waltung wieder größer werden. Unsere Stadt hat 
lebhafte Verhandlung vorhergegangen war, am das große Renommee, eine der gesündesten in 
20. Januar. 1904 zur Abstimmung. Der Magistrat Deutschland zu sein. Wollen Sie es riskieren, 
hatte beantragt, die Verpflegungssätze in  der daß dieses Renommee durch die unausbleiblichen 
dritten Klasse in  folgender Weise zu erhöhen: für Folgen eingeschränkter Krankenhauspflege ge­
hiesige Erwachsene auf 2,50 M,  für Kinder unter schädigt wird? Ich glaube nicht, daß Sie das ver­
12 Jahren auf 2 M,  für auswärtige Kinder auf antworten können und daß Sie den Vorwurf, 
2,50 M;  für die erwachsenen Auswärtigen sollte der dann Ihnen m it Recht gemacht würde, ertragen 
der Satz von 3 M  bleiben. Hierüber fand eine wollten. Deshalb werden Sie, denke ich doch, 
längere Diskussion statt. Dabei zeigte sich schon, nicht nur für die Auswärtigen, wie der Herr Vor­
daß ein größerer Prozentsatz der Liberalen geneigt redner schon gesagt hat, sondern auch für die ganze 
war, den Anträgen des Magistrats zuzustimmen, und dritte Klasse den Satz nicht erhöhen. Die Ver­
es stellte sich in der Tat bei der namentlichen Ab­ pflegung der Kranken im Krankenhause ist doch so 
stimmung, die stattfand, heraus, daß 8 Liberale für wesentlich für die öffentliche Hygiene, daß man sich 
und 8 Liberale gegen die Erhöhung stimmten. da auf die Erhöhung der Betriebskosten nicht stützen 
Die Hälfte hatte also schon umgeschwenkt. darf.
Nun wird nach 5 Jahren schon wieder eine Meine Herren, wenn Sie aber durchaus die 
weitere Erhöhung beantragt: es wird beantragt, Krankenkosten erhöhen wollen, dann möchte ich Sie 
für Einheimische, sowohl für Kinder wie Erwachsene, bitten, nicht bloß bei der dritten Klasse zu bleiben, 
den Preis auf 3 M,  für Auswärtige auf 3,50 M sondern auch die erste und zweite Klasse zu erhöhen, 
vom 1. Oktober ab und für Gemeinden ohne die das im allgemeinen doch besser ertragen können. 
Gegenleistung auf 5 M  sofort zu erhöhen. Der Ich stelle daher den Antrag, für den Fall, daß Sie 
Magistrat begründet diese Erhöhung außer m it den durchaus die Sätze für die dritte Klasse erhöhen 
erhöhten Betriebskosten und dem Hinweis auf die wollen, den Verpflegungssatz in der zweiten Klasse 
Erhöhung in anderen Kommunen durch folgende für Hiesige auf 7 M,  für Auswärtige auf 8 M,  in 
Worte: der ersten Klasse für Hiesige auf 12,50 Jt,  für Aus­
Für die Erhöhung spricht ferner der Um­ wärtige auf 15 M  zu erhöhen. Es wäre m ir aber 
stand, daß das Fortbestehen der bisherigen lieber, wenn das nicht nötig wäre, wenn Sie über­
geringen Sätze einen vermehrten Andrang haupt von einer Erhöhung absehen würden.
zu unseren Krankenhäusern zur Folge haben 
würde, was nicht im Interesse der Stadt­ Stadtv. Dr. Stadthagcn: Meine Herren,
gemeinde liegt, da schon jetzt die Unter­ wenn man die Frage der Kurgelder von all­
bringung der Patienten zeitweise Schwierig­ gemeinen Gesichtspunkten auffaßt, so wird man 
keiten bereitet hat. sagen müssen, daß eine Festsetzung bestimmter Be­
Dieser Furcht hat ja auch der Herr Vorredner Aus­ träge unseren heutigen sozialen Anschauungen über­
druck gegeben. Meine Herren, denken Sie denn haupt nicht entspricht. Ich gebe vollkommen den­
gar nicht daran, daß die Verbreitung von Krank­ jenigen recht, die sagen: beim Kranksein soll man 
heiten gerade durch die Unbemittelten erfolgt und nicht diejenigen, die sich in  schlechter Lage befinden, 
daß sie am meisten dann erfolgt, wenn diese Un­ in eine besonders ungünstige Lage bringen. Ich 
bemittelten nicht in den Krankenhäusern behandelt stehe daher auf dem Standpunkt, daß man die 
werden? Deshalb ist es ein Grundzug der heutigen Kurgelder in Verbindung bringen sollte m it der 
modernen Hygiene, die unbemittelten Kranken Steuerleistung der Betreffenden. Dieser Gesichts­
soviel wie möglich in Krankenhäusern zu verpflegen, punkt ist aber bisher im Deutschen Reiche noch nicht 
wo eine Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten durchgeführt worden und auch noch nicht in Kom­
besser verhütet werden kann. Es wird ja so oft über munen durchgeführt worden. Also müssen w ir 
die schlechten hygienischen Zustände der Wohnungen uns auf den Standpunkt stellen, dem w ir bisher
        
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