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Periodical volume 29. Januar 1908

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1908

gegen die angeführten  M ißstände etw as tu n  will, au s  sei eine derartige V orlage nicht zu billigen, weil 
scheidet einen großen T eil m einer F reunde und mich sie e tw as Zünftlerisches an  sich habe. Aber, m eine 
von ihm , sondern die Ansicht darüber, ob das in H erren, es gibt eben G ew erbe, die im  In teresse  der 
Aussicht genom m ene M itte l richtig ist. Und da bin ; A llgem einheit eingeschränkt w erden müssen. Auch 
ich allerdings der M einung, die ich nach alledem , der G ifthandel ist nicht unbeschränkt erlaubt, und es 
w as heute schon gesagt w orden ist, und bei der vor­ gibt kein Land in der W elt, wo nicht der Alkoholis­
gerückten S tu n d e  nicht noch ausführlicher begründen m us in  irgend einer Weise beschränkt w äre, weil er 
möchte, daß dieses M itte l in der T a t  untauglich und eben ein H andel m it einem  Produkt ist, das geeignet 
daß es ü b erhaup t —  ich stimme darin  m it m einem  ist, große Übelstände hervorzurufen. T ie  E in ­
F reunde M eyer überein —  im  höchsten G rade be­ schränkung gerade dieses G ew erbes hat m it liberaler 
denklich ist, derartige gesunde B estrebungen m it G esinnung m einer M einung nach absolut nichts zu 
finanziellen M otiven  zu verquicken, auch wertn die- tun .
Berquickung eine n u r  äußerliche ist. S o d a n n  hat Kollege Lissauer die V orlage 
Ich  bekenne mich also a ls G egner der V orlage bedauert a ls einen S chritt auf dem  sogenannten 
im  ganzen und in  manchen Einzelheiten, die ich, sozialpolitischen W ege, und in  Übereinstim m ung m it 
wie gesagt, au s  verschiedenen G ründen  jetzt nicht diesem G egner ha t Kollege Hirsch sie bekämpft. J a ,  
m ehr an führen  will. Aber, m eine H erren, ich m eine H erren, w ir treiben eben in  C harlo ttenburg  
möchte S ie  doch bitten, daß w ir u n te r allen Um­ Sozialpolitik, und w ir sind zum Glück auf diesem 
ständen die V orlage an  einen Ausschuß verweisen. G ebiete in .h e rv o rra g e n d e r Weise geradezu vor­
(B ravo  1) bildlich vorgegangen. E s ist hohe Zeit, daß w ir auch 
D as  sind w ir —  darin  stimme ich dem H errn O ber­ auf dem  Gebiete der B ekäm pfung des Alkoholismus 
bürgerm eister zu —  einer ehrlichen Arbeit des energische M aßregeln  ergreifen. Ich  weiß sehr 
M agistra ts durchaus schuldig. W ir müssen auch an ­ wohl, m eine H erren, daß die Parteigenossen des 
erkennen, daß die Erschließung neuer E innahm e­ H errn  Kollegen Hirsch sich zum T eil der B ekäm pfung 
quellen zur F o rtfü h ru n g  der großen A ufgaben, die des Alkoholismus n u r in einer sehr zurückhaltenden 
u n s gegenw ärtig  noch obliegen, durchaus erwünscht Weise w idm en. Aber ich weiß auch, daß zahlreiche 
ist, und w ir dürfen  au s diesem G runde den M ag i­ Kreise ist dieser P a r te i  sich m ehr und m ehr auf den 
strat nicht vor den Kopf stoßen, indem  w ir eine in S tandpunk t stellen, daß die P a r te i  in dieser Hinsicht 
dieser Richtung sich bewegende V orlage von ihm  sich doch nicht auf der Höhe der S itu a tio n  befindet.
sozusagen unbesehen von der Hand weisen. Die (Lachen bei den Sozialdem okraten.)
A usschußberatung ist auch desw egen nötig, weil der M eine H erren, ich habe in  diesen T agen  m it 
erste H err R edner aus der V ersam m lung die recht­ m ehreren führenden Sozialdem okraten gesprochen5 
lichen G rundlagen  der V orlage bezweifelt ha t und es handelt sich nicht um  M itglieder dieser V ersam m ­
weil ich es u n te r allen Um ständen fü r nötig halte, lung. Diese Persönlichkeiten erklärten m ir ganz 
in der Ausschußberatung über diese F rag e  Klarheit offen, daß diejenige In s tan z , welche eine Bekäm p­
zu schaffen. Ich  bitte S ie  daher, m eine H erren, fung des Alkoholismus bei den A rbeitern  nicht au f­
auch w enn S ie  m it m ir G egner der V orlage sind kommen lasse, der Parteibudiker sei, der ja  nicht 
—  die A nhänger der V orlage natürlich erst recht — , bloß bei den Sozialdem okraten eine große Rolle 
die Ausschußberatung zu beschließen. spielt.
(B rav o ! ) (Z uru f bei den Sozialdem okraten.)
N un, m eine H erren, ist gesagt w orden, die 
(Ein von dem S tad tv . Dr P e n z i g  einge­ S te u e r  w ürde nicht beizutreiben sein. Aber ich bin 
brachter Schlußantrag  w ird hierauf angenom m en). der M einung, die S te u e r  w ird beitreibbar sein, und 
es w erden geeignete M itte l dafür durchaus gefunden 
Berichterstatter S tad tv . D zialoszynski (Schluß­ w erden können. I n  Königsberg z. B . ha t m an  ein 
w ort): M eine H erren, ich stehe seit 22 J a h re n  in  der derartiges M itte l gefunden fü r den F a ll, daß die 
juristischen P ra x is  und habe G elegenheit, die B eitre ibung  auf dem gewöhnlichen Wege nicht zu 
pathologischen Erscheinungen unseres Gesellschafts­ einem  R esultat führen sollte. S o d an n  ist hier noch 
lebens täglich zu beobachten. W enn ich unglückliche hervorgehoben w orden, daß b isher n u r e tw a 10 oder 
Ehen sehe, w enn ich in den S tra fkam m ern  tä tig  12 S tä d te  in  P reu ß en  die S te u e r  eingeführt haben. 
bin, w enn ich in die Gefängnisse, in die I r r e n a n ­ Aber die Möglichkeit der E inführung  der S te u e r  ist 
stalten und Krankenhäuser gehe: überall, m eine ja überhaup t eine sehr kurze. W ir w ollen u n s ein­
H erren, der A lkoholism us! N un  sagt der Kollege m al übers J a h r  w ieder sprechen: ich bin überzeugt, 
Hirsch, der Alkoholismus ist nicht im m er die Ursache es wird gar nicht lange dauern , daß gerade diese 
der wirtschaftlichen N ot. Ic h  bin ganz seiner S te u e r, weil sie geeignet ist, den Alkoholismus ein­
M e in u n g : nicht im m er, aber außerordentlich häufig, zuschränken, in einer großen Anzahl von preußischen 
und ich glaube, m eine H erren, daß m ancher von S tä d te n  eingeführt sein wird.
Ih n e n  von feiner negierenden H altung zurück­ Auf eine S e ite  der Sache ist in der Diskussion 
kommen w ürde, w enn er die A usführungen  einer bisher noch gar nicht eingegangen w orden, nämlich 
A u to ritä t wie des H errn S ta d tra ts  S a m te r , welcher, darauf, daß die Konkurrenz der Schankw irte das 
wie ich hoffe, im  Ausschuß erscheinen wird, hören Borgsystem in außerordentlicher Weise begünstigt. 
w ird, daß die Belastung unseres E ta ts , das Elend, Um Kunden heranzuziehen, sehen sich die Schank­
das durch den Alkoholismus hervorgerufen wird, w irte genötigt, zu borgen, und gerade dieses B org­
ein unsägliches ist und daß G enerationen  durch den system ist fü r die Arbeiterklasse verderblich. E in 
Alkoholismus geradezu vergiftet werden. großer T eil des Lohnes geht m eines Ermessens da­
N un, m eine H erren, ist au s  zwei Gesichts­ durch in die Brüche, daß den A rbeitern infolge der 
punkten bezweifelt w orden, daß die V orlage ein großen Konkurrenz der Alkohol dargeliehen wird. 
geeignetes M itte l zur Einschränkung dieser gefähr­ D a s  ist m einer M einung nach noch viel verderblicher 
lichen Volkskrankheit sein w ird. Von der einen a ls die übrigen M om ente, die in der V orlage ange­
S e ite  ist gesagt w orden, vom liberalen S tandpunk t führt w erden. Durch die Beschränkung der Schank-
        
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