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Periodical volume 16. Dezember 1908

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1908

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zeugung, daß cs in unserer Stadtverordnctenver- Arbeiter aus einer Beschäftigung, die sie bisher 
sammlung in diesem Falle wie in wenigen Fällen regelmäßig gehabt haben, aus welcher sie einen ge­
nicht an dem Bestreben fehlen wird, die Tatsachen wissen Lohn, der ihnen dasExistenzminimum sicherte, 
möglichst objektiv darzustellen und zu würdigen. bezogen hatten, gleich in die sogenannte Notstands­
Ich glaube, auch der Herr In te rp e llan t wird dem arbeit hinübergehen. Aber sehr viele Leute, welche 
Magistrat die Anerkennung nicht versagen, daß er zur Notstandsarbeit gekommen sind, sind schon 
seinerseits bestrebt ist, das Tatsachenmaterial so gut M onate lang vorher arbeitslos gewesen,
zu sammeln und zugänglich zu machen wie nur (sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) 
irgend möglich. Ich erinnere daran, daß die S tad t haben M onate lang Ausgaben hinausschieben 
Charlottenburg die erste in Deutschland gewesen müssen, deren Erledigung brennend geworden ist. 
ist, die aus der beständigen Verfolgung des Arbeits­ Denn schließlich brauchen sie auch mal Kleidung, 
marktes ein D ezernat gebildet hat. Der Magistrat die sie sich M onate lang nicht haben kaufen können: 
zu Charlottenburg war der erste, der in periodischen sie haben sich die Stiefel M onate lang nicht besohlen 
Zwischenräumen, ohne Rücksicht darauf, ob An­ lassen können, sie fitib vielleicht mit ihren M iets­
regungen vorlagen oder nicht, sich von dem Dezer­ beträgen 1, 2 Zahltermine im Rückstand, und 
nenten regelmäßig über die Lage des Arbeits­ schließlich haben sie auch der S tad t die S teuern  nicht 
marktes Bericht erstatten ließ, und ich glaube, die zahlen können.
S tad t Charlottenburg war — ich weiß nicht, ob die (Sehr g u t ! bei den Sozialdemokraten.)
erste, aber wohl auch eine der ersten, die hierin Ich glaube nicht, daß den Arbeitern, wenn sie bei 
m it der alten Geheimniskrämerei gebrochen hat. Notstandsarbeiten beschäftigt werden und auch nur 
Früher, wenn eine Arbeitslosigkeit im Anzüge war, ein geringes Einkommen beziehen, daraufhin die 
sagte m an: nur möglichst alles, was m an erfährt, Kommunal- und S taatssteuern erlassen oder für 
geheimhalten, nur ja nicht Aufhebens davon machen, längere Zeit gestundet werden. D a wird die Behörde 
dam it sich kein Gerede verbreite! Ich glaube, die nicht sagen: das sind Ausgaben, die hinausgeschoben 
Herren aus der Versammlung, die sich mit diesen werden können. Unserer Auffassung nach sind das 
Dingen beschäftigen wollten, werden den Magistrat allerdings Ausgaben, die am weitesten hinaus­
jederzeit bereit gefunden haben, das ganze M aterial geschoben werden können und müßten.
zur Verfügung zu stellen. Wir wissen, daß wir hier Wir standen damals in der gemischten D epu­
einer sehr schwierigen Aufgabe gegenüberstehen, so­ tation auf dem Standpunkt: Notstandsarbeiten, 
wohl was die Erfassung der Lage des Arbeits­ namentlich solche, wie sie vom Herrn S tad tra t 
marktes betrifft, als noch vielmehr die M ittel zur Jastrow  damals beschrieben worden sind, sind zum 
Abhilfe, und wir haben zu allen Teilen der Ver­ großen Teil ganz unproduktive Arbeiten, die nur 
sammlung das volle Zutrauen, daß sie uns in dieser zur Verschleierung einer Unterstützung an die 
schweren Aufgabe unterstützen werden. Arbeitslosen dienen. Weshalb hat m an nicht offen 
(Lebhaftes Bravo.) den Weg eingeschlagen und die Arbeitslosen nicht 
direkt unterstützt, wie wir es gefordert haben? 
S tad tv . Zietsch: Herr S tad tra t Dr Jastrow  D as würde doch nur die Konsequenz des Handelns 
hat eine Rede gehalten, die auch von unserm S tan d ­ sein, das Herr S tad tra t Dr Jastrow  hier vertreten 
punkt aus manches Anerkennenswerte, soweit es hat! Doch auch wir wissen: das Problem  der 
sich auf das von uns anzuerkennende M aterial be­ Arbeitslosenversicherung ist nicht so einfach zu lösen, 
schränkt, enthalten hat. Ich möchte nur verschiedenen wie die momentane Fürsorge für Arbeitslose 
Ausführungen entgegentreten, die meiner Auf­ durch eine gelegentliche Beschäftigung der Arbeits­
fassung nach so, wie sie vorgetragen worden sind, losen bei sogenannten Notstandsarbeiten. Aber das 
nicht der Wirklichkeit entsprechen. Herr S tad tra t Almosen, das die Arbeiter dadurch bekommen, bleibt 
Jastrow  sagte, es sei den M itgliedern der gemischten trotz allem ein Almosen, wenn auch Herr S tad tra t 
D eputation unbenommen gewesen, auch Fragen Dr Jastrow  das Feingefühl hat, die Leute nicht 
auszuwerfen, die für die Beseitigung der gegen­ merken zu lassen, daß sie unproduktive Arbeit leisten. 
wärtigen Not der Arbeitslosigkeit in Betracht Vielleicht merkt es einer der Arbeiter von selbst und 
kommen konnten. Ich erinnere daran — der Herr hat dadurch keine große Lust, an solcher Arbeit teil­
S ta d tra t wird das auch wissen, —, daß es zu ver­ zunehmen. Auch m it der Politik der kleinen 
schiedenen M alen, als solche Vorschläge in der ge­ Kartoffeln ist nicht sehr weit zu kommen, denn mit 
mischten D eputation gemacht worden sind, geheißen den kleinen M itteln kann m an eben den Leuten 
hat: das beschäftige die gemischte Deputation nicht, nicht über eine längere Arbeitslosigkeit hinweg­
die Vorschläge kann der Magistrat nicht entgegen­ helfen. W enn der M agen leer ist, so reichen kleine 
nehmen — und die Diskussion mußte über solche Kartoffeln nicht aus, um  ihn zu füllen.
Vorschläge auch abgebrochen werden. Herr S tad tra t Jastrow  vertritt eine andere 
(Zuruf vom Magistratstisch.) Auffassung über das Ergebnis der Statistik als ich. 
— Wenn es falsch ist, so kann es von den Herren Wenn er sie m it der Statistik, die im Jah re  1895 
M agistratsvertretern berichtigt werden. Wir, mein erhoben worden ist, vergleicht, so gebe ich ihm voll­
Freund Borchardt und ich, haben uns gerade auf kommen recht darin, daß 1905 eine andere P rozent­
Grund dieser Festlegung des M agistrats weiterer zahl der Arbeitslosen sich ergeben hat. Ich habe 
Vorschlüge in der gemischten D eputation enthalten. aber gerade bei der Begründung unserer I n te r ­
W enn Herr S tad tra t Jastrow  sagt: Die Not­ pellation ausgeführt, daß die Ergebnisse der jetzigen 
standsarbeiten sollen den Arbeitern keinen Ersatz Statistik nicht als zutreffend erachtet werden können 
für das bieten, was sie bei regelrechter Arbeit ver­ wegen des unglückseligen Zählmodus, den m an an­
dienen, sie sollen gerade nur dazu dienen, um  die gewendet hat. I m  Jah re  1895 ist die Zählung 
Arbeiter über Wasser zu halten, und der Arbeiter auf Grund der Hauszählkarten vorgenommen 
könnte sonstige Ausgaben bis zu einer Zeit hinaus­ worden. D a ist die Zählung gründlicher gewesen. 
schieben, wo er wieder regelmäßige Arbeit hätte —, Wenn am 17. Februar 1909 die Zählung in der­
so mag das vielleicht annehm bar sein, wenn die selben Art wie 1895 vorgenommen wird, so werden
        
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