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Periodical volume 16. Dezember 1908

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1908

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brauchte diese Arbeit nicht als Notstandsarbeit unsere Zweifel damit, daß der ganze Zählmodus 
hingestellt zu werden — : daß bei diesen beiden Ar­ kein glücklicher gewesen ist.
beiten überhaupt nur 106 Personen beschäftigt (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)
worden sind. Es ist gesagt worden, die Kolonnen Ich mache deswegen der Stadtverwaltung keinen 
zur außerordentlichen Reinigung jener Straßen  Vorwurf, auch nicht den betreffenden Herren 
könnten event, verstärkt werden, so daß 200 Arbeits­ Dezernenten. Ebensowenig der Stadtverordneten­
lose dabei Beschäftigung finden könnten. I n ­ versammlung. Wir haben selbst damals den Kredit 
zwischen werden aber die Arbeiten mit der Um­ für diese Zählung bewilligt und haben für diesen 
grabung des Romposthausens aufgehört haben, Zählmodus gestimmt, weil wir unter dem Druck 
denn diese sind zeitlich begrenzt, sie können nicht einer allgemeinen Vereinbarung mit Groß-Berlin 
bis ins Unendliche ausgedehnt werden. Nehmen gehandelt haben. Aber dieselben Eindrücke, die wir 
wir aber wirklich an, es könnten bei diesen beiden hier gewonnen haben, dieselbe Abneigung, die wir 
Veranstaltungen, bei den Arbeiten auf dem Kom­ gegen diesen Zählmodus empfinden, haben sich 
posthaufen und bei der Straßenreinigung dauernd auch in den Kreisen unserer Freunde in den andern 
vielleicht 260 Personen beschäftigt werden —  Gemeinden von Groß-Berlin und in Berlin selbst 
darüber hinaus wird ja eine Beschäftigungsmöglich­ geltend gemacht. Wir stehen auf dem Standpunkt, 
keit nicht gegeben sein nach den Darlegungen, die daß ein erschöpfendes Resultat nur eine Zählung 
uns von dem Herrn Magistratsvertreter in der hätte ergeben können, die auf Grund des Haus- 
gemischten D eputation gemacht worden sind — , listenzählsystems durchgeführt worden wäre. Wir 
so muß ich erklären, daß die Beschäftigung von nehmen dabei durchaus nicht einen Standpunkt 
diesen 260 Personen durchaus nicht in irgend­ ein, der aus besonderen parteipolitischen Gründen 
einem durchgreifenden Maße eine Arbeitslosen­ hervorgegangen ist, sondern selbst Leute, die ganz 
fürsorge darstellt. Namentlich nicht in Ansehung außerhalb unseres Lagers stehen, die ganz andere 
der Zahlen, welche die letzte Arbeitslosenzühlung sozialpolitische Anschauungen vertreten als wir, 
in Charlottenburg am 17. November ergeben hat. z. B . der Zentrumsabgeordnete Trimborn, sind 
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten. derselben Ansicht, daß nur durch das Hauslisten-
Ferner kommt hinzu, daß die Umgrabung des zählspstem ein wirklich zutreffendes Resultat vom  
Komposthausens und die außerordentliche Straßen-1 Umfang der Arbeitslosigkeit ermittelt werden könnte, 
reinigung von einem Herrn Magistratsvertreter in j  I n  Verbindung damit richte ich gleich an den
der gemischten D eputation als —  wie soll ich sagen Magistrat die B itte —  und wenn der Magistrat 
—  nicht gerade ganz besonders notwendige Arbeiten besondere Gelegenheit haben wollte, unseren 
bezeichnet worden sind; d. h. man wollte nicht direkt Wünschen entgegenzukommen, so werden wir ihm 
sagen: die Arbeiten sind nutzlos. Nutzlos an und diese Gelegenheit geben, sich noch einmal aus­
für sich sind ja diese Arbeiten auch nicht, denn die führlich darüber auszusprechen — , daß die nächste 
Ilmgrabung des Komposthaufens mußte einmal Zählung am 17. Februar 1909 in  Charlottenburg
vorgenommen werden, und schließlich müssen auch nicht mehr auf Grund des Zähllokalsystems, sondern
mal die Straßen öfter gereinigt werden. Also auf Grund von Zählungen nach Hauslisten aus­
ganz unproduktive Arbeiten sind es nicht, sie werden geführt werde. D ie dazu erforderlichen Personen, 
aber nur als halbproduktive Arbeiten, als sogenannte die Zählerkräfte würden wir dem Magistrat sehr 
Notstandsarbeiten von dem Magistrat angesehen. gern zur Verfügung stellen. D as Resultat der
Und da haben wir in der gemischten D eputation j  Zählung vom 17. November ist aber doch so inter-
den Standpunkt vertreten, daß wir an der Aws essant, daß ich Ih n en  nur einige Zahlen daraus 
führung solcher Notstandsarbeiten, die irgend­ vortragen möchte.
welchen Vorteil für die Stadt nicht bieten, kein W enn es sich um die Fürsorge von Arbeits­
Interesse haben. Wir bedauern auch, daß solche losen handelt, dann tauchen immer Bedenken auf, 
Notstandsarbeiten unternommen werden und daß und es wird gesagt: Für wen erfüllen wir eigentlich 
m an dabei Löhne zahlt, über deren Unzulänglich­ die Fürsorge, sind das Leute, die unverschuldet in 
keit in unseren Kreisen eine geteilte M einung nicht die Arbeitslosigkeit gekommen sind, sind es P er­
besteht. Selbst die bei den Notstandsarbeiten sonen, die würdig sind, durch die Stadt unterstützt 
beschäftigten Arbeitslosen haben doch auch gewisse zu werden, sind es in letzter Linie ortseingesessene 
Ansprüche an das Leben, denen sie gerecht werden Bürger, die wir unterstützen, oder ist es nur ein 
müssen, und es ist ganz unlogisch und unrichtig, fluktuierendes Element, das gerade durch die 
daß man diese Notstandsarbeiten nur für einen Arbeitslosigkeit nach Charlottenburg geschleudert 
augenblicklichen Notbehelf ansieht, der geringere worden ist, weil Charlottenburg die vermögende 
Löhne rechtfertige. S v  lange die Leute bei diesen S tadt ist, in der angeblich so viele reiche Leute 
Arbeiten tätig sind, müssen sie ihre Kraft dafür wohnen und deren allgemeine Einrichtungen als 
einsetzen, und darum müssen sie auch so bezahlt Lockmittel für solche vagabondierenden Elemente 
werden, daß sie diese aufgewendete Kraft ganz dienen können, die der Fürsorge teilhaftig werden 
ersetzen können. möchten, die hier für die Arbeitslosen ausgeübt 
D ie Arbeitslosenzählung hat am 17. November wird? Nun, meine Herren, von den 1879 Arbeits­
stattgefunden. S ie  hat durchaus nicht in allem  losen waren 955 verheiratet, und diese hatten 1472 
dem entsprochen, w as wir von ihr erwaret haben. Kinder unter 16 Jahren zu versorgen. Es ist auch 
Daß das Resultat, das bekannt geworden ist, ein Irrtum , wenn man annimmt, daß der größte 
wonach ohne die Rentenempfänger —  die rechne T eil der Arbeitslosen sich aus sogenannten 
ich nicht —  an männlichen und weiblichen Arbeits­ ungelernten Arbeitern zusammensetzt. Von diesen 
losen 1879 Personen gezählt worden sind, ein ganz 1879 arbeitslosen Arbeitern waren gelernte Arbeiter 
zutreffendes Bild der Lage gibt, darein müssen 1038,
wir verschiedene Zw eifel setzen. Ich meine nicht, (hört! hört! bei den Sozialdemokraten) 
meine Herren, daß die Zählung selbst nicht korrekt also w eit über die Hälfte. An sogenannten un-
vorgenommen worden ist, sondern wir begründen1 gelernten Arbeitern —  d. h. dieselben können früher
        
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