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Periodical volume 16. Dezember 1908

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1908

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erhoben haben, nicht bloß uns, sondern allen M it­ Antragsteller Stadtv. Vogel I : M eine Herren, 
bürgern soweit wie möglich zugängig gemacht es sind die Krankenkassen zum Schutze für die P e r­
werden. Wir hatten uns gedacht, wie gesagt, daß sonen eingeführt worden, die nicht immer die 
nicht bloß diejenigen Herren, welche im Saale an­ M ittel haben, gleich den Arzt zu bezahlen. M an 
wesend waren, und die Gemeindebeamten, sondern ist vielfach der M einung, daß alle Unbemittelten 
alle unbesoldeten Beam ten davon Kenntnis er­ versichert sind. D as ist aber ein großer I r r tu m . 
halten, daß sogar noch weiter darüber hinaus auch Es gibt viele unbemittelte und wenig bemittelte 
die Schulen hineingezogen werden. Der Redner Personen, die nicht bei den Krankenkassen nach den 
selbst ist ja leider im S aale  nicht anwesend. Wir Bestimmungen versichert zu sein brauchen und die 
haben keine Machtmittel, ihn zu zwingen. Ander­ dann, wenn sie oder einer ihrer Angehörigen er­
seits meine ich, liegt doch aber die Sache so, daß krankt, sehr in Verlegenheit kommen. Den Armen­
er wohl auf Grund der von m ir gegebenen Motive arzt wollen viele nicht in Anspruch nehmen, es bleibt 
seine Konzession dazu geben wird, daß die Rede ihnen oft nur übrig, nach B erlin in eine Poliklinik 
an  etwa 1500 Personen verschickt wird. zu gehen und sich dort behandeln zu lassen. D as 
Ich bitte S ie, in  dem S inne zu beschließen, ist doch ein Übelstand und, ich möchte sagen, auch 
daß die Reden — ich meine nicht bloß die Rede nicht passend für eine Großstadt wie Charlotten­
von Herrn S tad tra t Dr Jastrow , sondern auch die burg. M eine Fraktionsgenossen waren daher damit 
des Herrn Oberbürgermeisters — nach dem steno­ einverstanden, daß ich, nachdem ich in die Kranken­
graphischen Bericht m it den Abänderungen der hausdeputation gewählt war, dort den Antrag auf 
Herren Redner gedruckt und zur Versendung ge­ Einführung einer städtischen Poliklinik einbringe. 
bracht werden. Aber gleich in der ersten Sitzung, an der ich teil­
nahm, regte schon Herr Kollege Bollm ann diese 
Bürgermeister M ailing: Ich möchte noch Frage an. Ich schloß mich ihm an. Es wurde ihm 
einmal die Erklärung abgeben, daß die Reden in aber damals sehr scharf von einigen Ärzten, die 
einem so weiten Kreise werden verteilt werden, als den Gedanken ablehnten, entgegengetreten, und 
wir es mit Zustimmung der beiden Festredner tun damit schien die Sache erledigt zu sein. Es fand 
können. M ehr kann ich nicht in Aussicht stellen. keine weitere Erörterung darüber statt.
W ir waren nun der Ansicht, daß wir die An­
Stadtv. Freund : M eine Herren, ich habe gelegenheit nicht auf sich beruhen lassen können. 
mich nur zum Worte gemeldet, um nam ens meiner Deshalb stellte ich m it Wissen meiner Fraktions­
Freunde zu erklären, daß auch meine Freunde da­ genossen im P lenum  den Antrag auf Errichtung 
mit einverstanden sind, wenn die bei der Erinnerungs­ einer städtischen Poliklinik. Wir glaubten, im städ­
feier gehaltenen Reden gedruckt werden; es scheint tischen Krankenhause würde sie am besten abzu­
m ir aber zu genügen, wenn die Verbreitung der halten sein. Vorher wurde jedoch in der Kranken­
Reden dann nur soweit geschieht, wie es vom hausdeputation eine Sitzung anberaum t. D er 
Magistrat vorgeschlagen wird. Ich  bitte S ie, dem Antrag war am 8. J a n u a r  d. I .  gestellt, die Ver­
Antrage in diesem S inne zuzustimmen. handlung sollte am 29. stattfinden. Auf den 
dritten Februar war eine Sitzung der Krankenhaus- 
Stadtv. H olz: Meine Herren, ich weiß nicht, deputation angesetzt. Ich beantragte nun in der 
ob ich nach den W orten des Herrn Bürgermeisters Plenarsitzung vom 29. Ja n u a r, m an möchte doch 
in der Lage bin, meinen Antrag in irgendeiner m it der Besprechung des Antrages warten, bis die 
Weise zu modifizieren. Wenn ich den Herrn Bürger­ Sitzung der Krankenhausdeputation stattgefunden 
meister richtig verstanden habe, so ist er dam it ein­ hätte. D a ist m an nun wieder dem Antrage sehr 
verstanden, daß der Antrag, wie er gestellt ist, zur scharf entgegengetreten, sämtliche Ärzte waren da­
Annahme gelangt, daß bloß die Art und Weise der gegen, der Antrag wurde natürlich abgelehnt und 
Ausführung in  das Ermessen des M agistrats gelegt statt dessen zum Ausdruck gebracht, es wäre kein 
wird. Dagegen habe ich meinerseits und haben auch Bedürfnis dafür vorhanden, außerdem ein Antrag 
meine Freunde, die den Antrag mit gestellt haben, des Herrn Kollegen Dr Nöthig angenommen, bei 
nichts einzuwenden. Ich bitte S ie also, den An­ den Polikliniken in B erlin anzufragen, wieviel 
trag, so, wie er gestellt worden ist, anzunehmen. Charlottenburger denn im Jah re  1907 hei ihnen 
behandelt worden wären. Es verging eine ganze 
(Die B eratung wird geschlossen. Die Ver­ Zeit, ehe m an etwas erfuhr. D ann hieß es, 'es 
sammlung stimmt dem Antrage der S tadtv . Holz sei bei 366 Polikliniken in Berlin angefragt worden, 
und Gen. zu.) davon hätten 295 gar nicht geantwortet. D as war 
der größte Teil. 76 lehnten aus M angel an Zeit 
Vorsteher S tellv . Dr. Hubatsch: Punkt 18 die Beantw ortung ab, 74, also etwa ein Fünftel, 
der Tagesordnung: teilten mit, daß in ihren Kliniken im Jah re  1907 
2638 Personen aus Charlottenburg behandelt wor­
Antrag der Stadtv. Vogel und Gen. betr. P o li­ den wären. Von 34 Berliner Augenkliniken be­
klinik und Mitteilung des Magistrats hierzu. — richteten nur 4, und diese teilten mit, daß sie von 
Drucksachen 68, 475. 456 Charlottenburger Einwohnern im Jah re  1907 
konsultiert worden seien. Von 61 Polikliniken für 
D er Antrag der S tadtv . Vogel und Gen. Frauenkrankheiten gaben 18 Auskunft, daß sie von 
lau te t: 688 Charlottenburgerinnen konsultiert worden seien. 
Die Stadtverordnetenversam mlung wolle be­ Diese Zahlen sind ja unvollständig, aber sie sind 
schließen: doch so bedeutend, daß m an nicht sagen kann, die 
Der M agistrat wird ersucht, die Ein­ Charlottenburgerbrauchten keine Polikliniken. Wenn 
führung einer Poliklinik im neuen Kran­ auch nur ein kleiner Teil der Polikliniken geant­
kenhause so bald als möglich zu veran­ wortet hat, so ergibt sich schon daraus, daß der 
lassen. Prozentsatz ganz bedeutend ist.
        
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