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Periodical volume 9. September 1908

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1908

und in seiner Art, wie er sich m it Bitten an alle Welt I zu lösen, daß w ir es nicht verantworten können, 
wendet, bin ich überzeugt, wird er dieses Wort zum fremden Personen dafür Geld hinzugeben.
Vorwand nehmen und im nächsten Jahre wieder Der Herr Bürgermeister wunderte sich auch, 
an die Stadtverordnetenversammlung herantreten. daß mein Freund Zietsch trotz der anerkennenden 
Es ist charakteristisch, wie der Umschwung zu­ Worte, die er dem Pastor von Bodelschwingh gezollt 
gunsten der Bodelschwinghschen Kolonien sich inner­ hat, doch nachher zu einer ablehnenden Haltung 
halb der Stadtverordnetenversammlung vollzogen kam. Ja, ich kann doch sehr wohl der Person große 
hat. Ich erinnere an die Vorlage vom Jahre 1905, Hochachtung zollen, ohne m it seinen Bestrebungen 
die eine Bewilligung von 3000 M  verlangt hatte. irgendwie einverstanden zu sein. Gerade die Aus­
Der Ausschuß war säst einstimmig der Ansicht, daß führungen meines Freundes Zietsch zeigen ja, wie 
w ir das Werk Bodelschwinghs nicht unterstützen sehr w ir imstande sind, die Person von der Sache zu 
dürften; namentlich hat sich Herr Kollege von Liszt trennen, daß w ir uns lediglich von sachlichen Er­
sehr energisch gegen jede Unterstützung ins Zeug wägungen leiten lassen. Und wenn der Herr Bürger­
gelegt. Damals wurden w ir eingeladen, das Werk meister meinte, schon die persönliche Hingabe des 
zu besichtigen, und nun trat der Umschwung in  den Mannes an sein Werk verdiene Unterstützung, so 
Ansichten ein. ist ihm das wohl in der Hitze des Gefechts entfahren. 
Aber warum ist uns das Wichtigste in den An­ W ir können nicht jeden, den w ir persönlich hochachten, 
stalten überhaupt nicht gezeigt worden? Sic haben unterstützen, sondern »vir haben zu fragen, ob w ir 
die äußeren Einrichtungen gesehen; aber das, worauf das Werk des Betreffenden unterstützen wollen. 
es ankommt: in  welchem Zustande die Menschen Ich glaube, der Herr Bürgermeister hat das auch 
dorthin kommen, und wie es Herrn Pastor von so gemeint.
Bodelschwingh gelingt, sie wieder zu arbeitsfähigen W ir sind aber auch deswegen gegen jede Unter­
Elementen zu machen, und vor allen Dingen der stützung, weil uns jede Kontrolle fehlt, wie das 
Umstand, auf den cs uns am allermeisten ankommt: Geld verwendet wird.
nämlich zu erfahren, ob denn die Leute auch wirklich Aus allen diesen Gründen werden w ir gegen 
für ihre Tätigkeit einen einigermaßen entsprechenden die Unterstützung stimmen. Ich glaube, daß die 
Verdienst bekommen, darüber ist uns keineAuskunft Mehrheit sich doch noch überzeugen läßt, daß w ir 
gegeben worden: gerade über diese sozialen Punkte, nicht in der Lage sind, dauernd solche Summen für 
die dabei in Betracht kommen, schweigt sich Herr die Kolonien Hoffnungstal usw. zu bewilligen. 
Pastor von Bodelschwingh vollständig aus. Sollten Sie aber doch der Meinung sein, daß Sie 
Nun, w ir haben vor drei Jahren 3000 M, mt etwas bewilligen sollen, dann, meine ich, genügt 
vorigen Jahre 10 000 Ai bewilligt; jetzt sollen w ir der Antrag Stadthagen vollkommen..
wieder 10 000 .M bewilligen. Es ist möglich, daß w ir 
bald eine dauernde Position in unserem Etat finden Stttbtb. Zietsch: Ich muß noch mit einigen 
werden, daß w ir dauernd diese Anstalt unterstützen Worten auf die anscheinenden Widersprüche zurück­
sollen. Das wollen w ir gerade nicht. Der Herr kommen, die m ir vom Herrn Bürgermeister und 
Bürgermeister sagte, diese Anstalt bilde ein Muster. von Herrn Kollegen Dr Frentzel vorgeworfen worden 
Das glauben w ir nicht; w ir sind nicht überzeugt, daß sind. Mein Freund Hirsch hat schon ausdrücklich 
es sich hier um eine Musteranstalt handelt. Deshalb darauf hingewiesen, daß es m ir in  erster Linie 
tonnen w ir es nicht verantworten, hierzu M itte l der darum zu tun war, die Person des Pastors von 
Allgemeinheit zu verwenden. Bodelschwingh von seinem Werk zu trennen. Ich 
Nun ist Herr Kollege Zietsch vom Herrn Bürger­ habe absichtlich mich in  Einzelheiten nicht ergehen 
meister und namentlich von Herrn Kollegen Frentzel wollen, um Ih re  Zeit nicht zu mißbrauchen; sonst 
vollkommen mißverstanden worden. Herr Kollege hätte ich ausgeführt, daß ich und meine Freunde 
Frentzel sagte, daß sich in den Ausführungen meines uns absolut m it manchem nicht einverstanden er­
Freundes Zietsch ein Widerspruch finde: der Kollege klären können, was w ir dort gesehen haben. Was 
Zietsch hätte einmal den Gemeinden und dem Staat w ir anerkennen, ist, daß w ir den M ut des Pastors 
vorgeworfen, daß sie selbst nichts tun, um der Ob­ von Bodelschwingh bewundern, der als allein­
dachlosigkeit zu steuern, und hier, wo sie einmal stehende Person es unternommen hat, jener großen 
einen Schritt in der Richtung unternehmen wollten, Not und dem Elend in der heutigen Gesellschafts­
da falle er ihnen in den Rücken. So sind die Aus­ ordnung entgegentreten zu wollen. W ir haben 
führungen meines Freundes Zietsch nicht zu ver­ dort gesehen, daß die Leute durchaus nicht so 
stehen. Mein Freund Zietsch hat den Gemeinden wohnen, wie es zu fordern ist; die ganzen Bauten, 
und dem Staate den Vorwurf gemacht, daß sie die dort aufgeführt worden sind, sind durchaus 
selbst aus eigenen M itte ln nichts tun, daß sie selbst nicht so, wie w ir sie fordern müssen; es ist nichts 
aus eigenen Machtbefugnissen keinerlei Maßnahmen Stabiles und Reelles in den Bauten zu suchen, es sind 
ergreifen, um der Obdachlosigkeit zu steuern, daß Barackenbauten m it Rabitzwänden und allen dem 
sie sich darauf beschränken, das zu unterstützen, was Zeug. Wer die Kolonien gesehen hat, der wird 
andere tun, ohne zu prüfen, ob es gut ist oder diese Sammlung von Arbeitslosen, Heimatslosen 
nicht. W ir verlangen aber, daß der Magistrat selbst durchaus nicht als eine Anleitung zur Arbeit an­
die nötigen Maßnahmen ergreift. Welche heftigen erkennen wollen. Es ist auch durchaus verkehrt, 
Kämpfe haben w ir hier in der Stadtverordneten­ daraus einen Grund für die Unterstützung dieser 
versammlung geführt, bis es uns endlich gelungen Kolonien herleiten zu wollen, daß durch sie die 
ist, wenigstens den Ausbau des Familienhauses zu Vagabondage, die Plage des Herumziehens für 
einem Obdachlosenasyl zu ermöglichen! Irgend­ Charlottenburg eingedämmt werden sollte. I n  die 
welche anderen Maßnahmen gegen die Obdach­ ganzen Bodelschwinghschen Anstalten gehen ein 
losigkeit sind überhaupt noch nicht ergriffen; nament­ paar hundert Leute hinein, wenn es hoch kommt; 
lich besteht noch immer kein Asyl für Nächtlich- was wollen gegenüber den Tausenden und Aber­
Obdachlose. Also w ir haben hier in Charlottenburg tausenden auf der Landstraße herumziehender 
noch so ungeheuer viele Aufgaben auf diesem Gebiete Leute diese paar hundert Leute bedeuten! Aber,
        
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