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Periodical volume 9. September 1908

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1908

tat, Gnadental und Lobetal zusammen 410 Einzel­ I Unwesen befreit; aber bei der ganzen örtlichen 
stübchen vorhanden; jedoch ist der Andrang von Lage ist wohl Berlin der mehr beteiligte Ort. 
Arbeitslosen so groß, daß die Kolonien nicht imstande Ich bin fest davon überzeugt, daß der Weg, den 
sind, sie unterzubringen, da es ihnen an Wohnungen der mit klarem Realismus gepaarte Idealism us 
fehlt. Der Vorstand hatte beschlossen, dieser des Pastors von Bodelschwingh gewiesen hat, 
Wohnungsnot ein Ende zu machen, indem er noch weiter beschritten werden muß; ich bin auch über­
zwei Wohnungen für Hauseltern und 30 Einzel­ zeugt, daß, wenn Charlottenburg ein Asyl ein­
stübchen einrichten will. Außerdem will er, damit richten wird, es gut tun wird, die Erfahrungen, 
die Sache sich rentiert, Anpflanzungen von Obst­ die in Bernau gesammelt sind, sich zunutze zu 
bäumen und Gemüse vornehmen und ebenso eine machen und ähnliche Einrichtungen zu treffen, 
Wasserleitung und eine Obstbereitungsanstalt er­ sofern es nicht durch die Errichtung eines Asyls 
richten. Dazu braucht er ca. 100 000 M .  Der geradezu eine Plage hier in Charlottenburg schaffen 
Vorstand bemerkt ausdrücklich, daß diese Ausgabe will. Aber, meine Herren, wir müssen anderseits 
für den Ausbau der Kolonien nicht etwa eine sagen, daß die ganzen Einrichtungen eigentlich 
„Schraube ohne Ende" ist, sondern daß, wenn diese einen mehr provinziellen Charakter tragen; es ist 
Anlagen jetzt eingerichtet sind, er in fünf, sechs oder ja auch früher von anderer Seite darauf hinge­
sieben Jahren so weit ist, daß die Kosten der Kolonien wiesen worden, daß man eventuell die Sache auf 
durch den Verkauf von Obst und Gemüse vollständig den Provinzialfonds übernehmen würde, daß dann 
gedeckt sein würden; er spricht sogar noch von einem eventuell auf uns — es ist in den früheren Debatten 
Überschuß. Meine Herren, nur wollen wünschen, auch von mir darauf hingewiesen worden — auch 
daß dies eintritt; wenn es aber auch nicht eintreten ein ziemlich hoher Betrag entfallen würde.
sollte, so ist die Sache doch so gut, daß man sie unter­ M an darf anderseits bei der Neuheit des 
stützen sollte. Meine Herren, viele von uns, vom Unternehmens nicht mathematisch genau aus­
Magistrat und von der Stadtverordnetenversamm­ rechnen: wieviel entfällt auf uns? Aber da der 
lung, waren ja im April da und haben ja die ganze Wunsch, auch weiterhin mitzuwirken, zweifellos 
Einrichtung und Anlage angesehen, und soweit an uns herantreten wird, so glauben meine Freunde, 
ich gehört habe, waren sie im allgemeinen mit der daß der Magistratsantrag zweckmäßig anzunehmen 
Sache zufrieden. wäre mit der Modifikation, den Betrag auf 5000 M  
Pastor von Bodelschwingh bittet zwar um festzusetzen. Meine Herren, die Befürchtung, die 
15 000 M ; der Magistrat ist jedoch der Meinung, man vor einem Jah re  hegen konnte, und die ich 
daß er, wie im vorigen Jahre, wieder 10 000 M  für selber auch ausgesprochen habe, daß man mit einem 
den Zweck opfern möchte, und ich bitte Sie, der zu kleinen Beitrage etwa den Fortbestand des 
Magistratsvorlage zuzustimmen. Unternehmens gefährden tonnte, braucht man 
jetzt nach der Ansicht meiner Freunde nicht mehr 
Stadtv. Dr. Stadthagen : Meine Herren, zu hegen. Das Unternehmen ist, wie wir, die wir 
der Gedanke des Pastors von Bodelschwingh ist da waren, gesehen haben, so gut fundiert, daß es 
sicherlich, auch nach Ansicht meiner Freunde, ein nicht davon abhängt, ob Charlottenburg 15 000, 
trefflicher: der Gedanke, den Arbeitslosen nur dann 10 000 oder 5000 M  gibt; davon ist keine Rede. 
Unterkunft und Nahrung zu geben, wenn sie auch Es handelt sich jetzt für uns darum, zu überlegen: 
Arbeiten übernehmen. Diejenigen, die sich die welcher Betrag entspricht wohl unseren Verhält­
Asyle in Bernau angesehen haben oder die Ein­ nissen? und dabei im Auge zu behalten: wieweit 
richtungen des Pastors von Bodelschwingh und haben wir andere Verpflichtungen, und wieweit 
nachher das Asyl der Obdachlosen in Berlin, werden können wir andern Verpflichtungen auf den: Ge­
den Unterschied recht wohl bemerkt haben, nicht biete des Armenwesens und der Unterstützungen 
bloß in der ganzen Organisation, im Äußern der überhaupt sonst nachkommen oder, nicht nach­
Anlagen, sondern auch in der W i r k u n g  a u f  kommen? Gerade die schwierige Lage, in der 
d i e  M e n s c h e n .  Ich kann für meine Person wir uns auf diesem Gebiete sowohl in unserer 
sagen, daß ich den Eindruck habe, daß das Werk städtischen Verwaltung als auch gegenüber manchen 
des Pastors von Bodelschwingh auf dem richtigen Privatunternehmungen befinden, veranlaßt uns 
Wege ist, und daß man es unterstützen muß. Auch dazu, den Antrag zu stellen, den Beitrag auf 5000 M  
meine Freunde sind der Ansicht, daß das Unter­ festzusetzen, in voller Würdigung und Anerkennung 
nehmen weiter unterstützt werden muß. des Werkes des Pastors von Bodelschwingh.
Fraglich ist es aber natürlich, i n w i e w e i t  
Charlottenburg als eines der Teile Groß-Berlins Stadtv. Zietfch: Meine Herren, als wir im 
Veranlassung hat, an diesem Werke mitzuarbeiten.. April dieses Jahres den Pastor von Bodelschwingh 
Wir haben vor einem Jahre ungefähr einen Betrag' in den Kolonien Hoffnungstal, Lobetal usw. be­
von 10 000 M  einmalig bewilligt; jetzt nach einem sucht haben, hatte ich schon damals — und auch 
Jahre kommt ein neuer Antrag des Pastors von meine Freunde — geahnt, daß uns die dort servierte 
Bodelschwingh.auf eine Bewilligung von 15 000 M .  Tasse Kaffee etwas teuer zu stehen kommen würde.
Berlin zahlt jährlich ungefähr 38 000 M .  Daß das (Heiterkeit.)
Größenverhältnis der beiden Städte diesen Zahlen Heute wird uns die Rechnung präsentiert: es sind 
nicht entsprechen würde, ist ja klar. 10 000 M .  Wir wollen auch mit der teilweise« 
Nun kann man aber fragen: hüt Charlotten­ Anerkennung, die wir dem Unternehmen des 
burg ein größeres Interesse an den Einrichtungen Pastors vonBodelschwingh zollen müssen,nicht zurück­
in Bernau als Berlin? Diese Frage, glaube ich, halten. Es ist anzuerkennen, daß gegenüber dem 
muß man gerade verneinen. Man kann sagen: fast grenzenlosen Elend und der Not, die namentlich 
auch Charlottenburg hat ein Interesse, auf diesem in diesem Jahre  infolge der schlechten Konjunktur 
Wege vielleicht von der Vagabondage zum Teil wieder die Heere der Arbeitslosen ergriffen hat, 
befreit zu werden, und wird auch wohl durch ein einzelner Mann inmitten unserer Gesellschafts­
die Einrichtung von Bernau zum Teil von diesem ordnung es fertig gebracht hat, diese schwersten
        
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