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Periodical volume 25. März 1908

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1908

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immer besser, daß man sich von solchen Sachen I führungen angehört haben, dann allerdings wundert 
fernhält, mit denen man nichts zu tun hat. es mich nicht, wenn S ie  zu solchen Schlüffen kommen.
(Zuruf bei den Sozialdemokraten.) (Zuruf bei den Liberalen: W enn!)
Ich kann es ihm daher allerdings heute nicht er­ D er Herr Oberbürgermeister sagt-: „E s ist 
sparen, daß ich ihm den Vorwurf mache, daß er alles erwiesen, was ich gesagt habe". Ich  muß 
sich ungerufen in die Dinge hineingemischt und das das auf das allerentschiedenste bestrebten. Es tu t m ir 
tatsächlich friedliche Verhältnis, das zwischen leid, daß ich noch einmal auf einige- Ausführungen 
Arbeitgeber und Arbeitnehmern bestand, in Un­ des Herrn Oberbürgermeisters vom  15. M ai zurück­
frieden umgewandelt hat. kommen muß, die ich lieber übergangen hätte. D er Herr Oberbürgermeister sagte dam als:
W as den Fall m it dem Revolverschießen Die Leute wurden aufs roheste beschimpft, 
anbetrifft, so kann ich auch darüber Aufklärung es wurden die S tränge durchgeschnitten, 
geben. Ein Ju n g e  von 14 Jah ren , der in der Leute und Pferde wurden m it großen, 
Erregung gewesen ist und gesehen hat, daß ein schweren S teinen  beworfen.
anderer geschlagen worden ist, hat in der Angst J a ,  wo ist das erwiesen? D as wurde vor Gericht 
einen geladenen Revolver, den er hatte, hervor­ von einigen Zeugen behauptet, von anderen wurde 
gezogen und gesagt: „Laßt das sein, ich schieße!" das Gegenteil behauptet, und daß S tränge durch­
D as hat er zwei- oder dreimal gerufen; dann ist schnitten worden sind, davon ist überhaupt nichts 
ihm ein Erwachsener in den Arm gefallen und hat bewiesen worden!
ihm den Revolver weggenommen. I n  Wirklichkeit Weiter hat der Herr Oberbürgermeister gesagt
ist also nicht geschossen worden, sondern ein 14jäh- — nun kommt der Fall, den ich vorhin erwähnt 
riger Ju n g e  hat dam it gedroht. Die Sache ist habe — : '
also nicht so schlimm, wie sie schien. Im m erh in  An einer S telle jenseits der Spree, wo nicht 
erkenne ich an: es ist nicht schön, daß jemand mit viele bewohnte Häuser stehen, ist einer dieser 
dem Revolver droht. Aber wenn die Dinge so schweren W agen m it den darauf sitzenden 
liegen, wenn Haß und Erregung einmal vorhanden drei Leuten von Leuten auf der S traße 
sind, sind die Menschen nicht mehr in der Lage, umgestürzt und in einen Graben geworfen 
die Tragw eite ihrer Handlungen zu übersehen und worden. Die Leute sind blutig un ter dem 
sich im Zaum e zu halten. Deshalb soll m an von Wagen vorgezogen worden. Es ist eine 
vornherein sich hüten, solche Dinge anzuregen. glückliche Fügung Gottes, daß hier kein 
Dagegen habe ich mich dam als gewendet. Todesfall vorgekommen ist.
Ich schließe also damit, daß ich zu meinem Wo ist das erwiesen? Vor Gericht? D as Gericht 
Bedauern nicht in der Lage bin, dem Wunsche des hat g e r a d e  d a s  G e g e n t e i l  als erwiesen 
Herrn S tad tv . Hirsch stattzugeben und zu sagen: angenomm en! D as Gericht hat festgestellt, daß 
es ist alles nicht wahr, was ich dam als gesagt habe, der W a g e n  i m  S a n d e  s t e c ke n  g e ­
— sondern ich muß zu meinem lebhaften Bedauern b l i e b e n  i st.
feststellen, daß durch die polizeilichen und gericht­ (Oberbürgermeister Schustehrus: Und dafür hat 
lichen Verhandlungen die Tatbestände durchaus der M ann einen M onat Gefängnis bekommen?!)
erwiesen sind, und daß sich alles im wesentlichen — Der Herr Oberbürgermeister ruft m ir zu: 
so verhalten hat, wie ich es dam als vorgetragen habe. „D afür hat der M ann einen M onat Gefängnis 
(Lebhaftes Bravo.) bekommen?!" Nein, meine Herren, ich habe vorhin 
gesagt, daß der M ann wegen anderer Dinge, wegen 
Stadtv. Hirsch: Meine Herren, daß S ie Bravo verübter Roheiten, einen M onat Gefängnis be­
schreien würden, wenn der Herr Oberbürgermeister kommen hat, nicht, weil er den Wagen umgeworfen 
seine Behauptungen vom 15. M ai wiederholt, hat, sondern der Wagen ist stecken geblieben!
(lebhafte R ufe: Schreien?!) (Lachen.)
stand ja fest. D er Herr Oberbürgermeister kann D er M ann ist wegen einer andern Sache verurteilt 
sagen, was er will, Ih re n  Beifall findet er immer. worden.
JLebhafter Widerspruch.) (Lebhafte Rufe: Ganz vorlesen!)
W as hat der Herr Oberbürgermeister getan? — D as ist meine Sache, was ich verlese.
Er hat im wesentlichen das, was er am 15. M ai (Rufe: Aha! und Sachen.)
gesagt hat, in milderer Form  wiederholt; er hat Aber im übrigen kann ich S ie beruhigen: ich war 
einige der schwersten Behauptungen ganz außer eben dabei, das vorzulesen.
acht gelassen, einige Darlegungen von m ir in (Erneute R ufe: D as G anze!)
anderer Weise wiedergegeben und sich dann hin­ — Ich  kann Ih n e n  noch mehr vorlesen, wenn Sie 
gestellt und gesagt: es ist alles im wesentlichen Zeit haben.
richtig, was ich gesagt hatte. (Lebhafte R ufe: Wir haben Zeit!)
Wie wenig der Herr Oberbürgermeister infor­ Ich  muß vorausschicken, daß es sich hier um  ein 
m iert ist — auch jetzt noch — , dafür möchte ich nur Berufungsurteil handelt. Es wird darin Bezug 
einen Beweis anführen. Der Herr Oberbürger­ genommen auf das Urteil des Schöffengerichts, 
meister sagte, als ich den Fall von dem Wagen das beide Angeklagten verurteilt h a tte :.
anführte, der im Sande stecken geblieben ist, I n  der erneuten Hauptverhandlung, in 
(Lachen) welcher P . seine Freisprechung, D. eine 
ich hätte hier witzig gesagt, daß der Wagen im Sande mildere Bestrafung beantragt, geben die 
stecken geblieben sei. Nein, Herr Oberbürger­ Angeklagten zunächst glaubhaft an, sie hätten 
meister, ich habe das nicht gesagt, sondern ich habe zu denjenigen Müllkutschern gehört, die einen 
Ih n e n  das vorgelesen, was das Landgericht III höheren Lohn bei ihrem Arbeitgeber an­
festgestellt hat. Wenn S ie  Ih re  Inform ationen  strebten und, weil diesem Wunsche nicht ge­
auch so gründlich durchsehen, wie S ie  meine Aus» willfahrt wurde, das Arbeitsverhältnis lösten
        
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