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Periodical volume 11. März 1908

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1908

Schlüsse gesagt hat, daß C harlo ttenburg  in sozial­ .m ir  noch znm  Schlüsse gestatten. Es ist m ir 
politischer Beziehung m it in erster Linie marschiert. sehr verargt w orden, daß ich die soziale G e­
G egen die Ä nderung des A ntrages, wie sie der setzgebung in Deutschland im  allgem einen hier zu 
V orredner gewünscht hat, w ird wohl von keiner scharf kritisiert habe. D as  lag selbstverständlich vor­
S e ite  ein Einspruch erhoben w erden, und ich kann her nicht in  m einer Absicht; w enn ich es nachher 
wohl auch erklären, daß w ir dam it vollständig ein­ getan habe, so bin ich dazu durch I h r e  Zwischen­
verstanden sind. S o  mochte ich wünschen, meine rufe veranlaßt w orden; anderseits habe ich es 
H erren, daß diese sehr dankensw erte und segens­ auch getan, um  zu einem  T eil den E inw änden  zu 
reiche Arbeit recht bald in die Wege geleitet w erde! begegnen, von denen ich w ußte, daß sie unserem  
(B ra v o !> A ntrage entgegengehalten w erden w ürden. Ich  
nehm e aber durchaus keinen Anstand, zu erklären, 
S ta d tv . F lem m ing: M eine H erren, nach daß w ir im  P rin z ip  nicht gegen die Versicheruugs- 
den eingeheüden A usführungen der H erren Kol­ gesetze sind, daß w ir auch, ein jeder von uns, den 
legen K etsch und M eyer kann ich mich sehr kurz G e r t  der Versicherungsgesetzgebung in Deutsch­
fassen. W ir haben un ter Punk t 10 der T ag es­ land anerkennen.
ordnung eine V orläge angenom m en betr. G e­ (Z uruf.)
w ährung  eines B eitrages fü r eine Robert-Koch- —  D a s  ist nichts N eues, das w ar seit jeher der 
Stzistung zur B ekäm pfung bet Tuberkulose. Ich  Fall. W orum  es sich aber bei uns handelt, das ist 
m eine, w enn S ie  unseren A ntrag  annehm en, eben die m angelhafte A usführung der A rbeiter­
dann  stiften w ir einen w eiteren und höheren B ei­ schutzbestimmungen in  D eutschland; da setzt in 
trag  zur Bekäm pfung der Tuberkulose. D ie A us­ erster Linie unsere Kritik ein. E s ist richtig, 
führungen  des H errn  S ta d tra ts  B oll klangen ja daß w ir sehr weitgehende Schutzbestimmungen 
ehr untröstlich. D as  Krankenversicherungsgesetz in Deutschland haben, die, w enn sie präzis und 
hat sehr viele M ängel. Ic h  will w eiter darauf exakt und gewissenhaft von den U nternehm ern 
nicht eingehen; denn diese sind schon vom Kol­ überall ausgeführt w ürden, den A rbeitern zu 
legen Zietsch eingehend besprochen w orden. N ur großem  V orteil gereichen w ürden.
darauf will ich eingehen, daß gerade u n ter den (U nruhe.)
H eim arbeitern  am  meisten K rankheiten bestehen, Aber, m eine H erren, täuschen S ie  sich doch nicht 
und gerade die Tuberkulose w ü te t u n te r ihnen. darüber: der m angelnde Wille der U nternehm er 
Dieser schlecht gestellten Arbeiterkategorie w äre wird gestützt durch die m angelhafte A usführung  
die Krankenversicherungspflicht in erster Linie der Gesetze durch die R egierung, durch die Exeku­
von nöten. H err S ta d tra t  B oll sagte, vor J a h re n  tive. Ich  habe ferner auf die G erichtsurteile, die 
hätte  m an  den Vorstand der A llgem einen O rts ­ ergangen sind, hingewiesen. Lesen S ie  die J a h r e s ­
krankenkasse gefragt, wie sich die Sache machen berichte der Fabrikinspektoren durch,
ließe.. D ie A ntw ort w ar ebenfalls abweisend. (R ufe: Z u r Sache!) 
W enn vor J a h re n  der Vorstand der A llgem einen die in beweglichen W orten  darüber klagen, daß die 
Ortskrankenkasse sehr viel Rücksicht auf die A rbeit­ Gerichte so lax gegenüber den Verstößen der U nter­
geber genom m en hat, so kann u n s das heute nicht nehm er vorgehen. D an n  dürfen S ie  auch das eine 
abhalten, diesem unseren A ntrage zuzustimmen. Es nicht vergessen: die Sozia lrefo rm  in Deutsch­
ist ja vom  Kollegen M eyer darauf hingewiesen land kann n u r zu dem w erden, w as sie sein soll, 
w orden, daß schon in verschiedenen S tü o ten  ein w enn S ie  auch den A rbeitern  im  allgem einen 
O rtssta tu t besteht, das die Krankenversicherungs­ größere politische und wirtschaftliche F reiheiten  
pflicht fü r H eim arbeiter eingeführt hat. gestatten. S o lange  das nicht der F a ll ist, w ird die 
N un  mochte ich H errn  Kollegen M eyer einm al soziale Gesetzgebung in Deutschland trotz ihres 
fragen, wie er das inbetreff der H eim arbeits­ theoretischen A usbaues nach jeder S e ite  hin ein 
ausstellung gem eint h a t: er sagte, die w äre sehr F rag m en t bleiben müssen. _
einseitig gewesen. Ich  habe sie auch gesehen: ein­ Ich  komme noch auf das zurück, w as H err 
seitig w ar sie deshalb, weil Kleidungsstücke und S ta d tra t  B oll in erster Linie angeführt hat. D a 
sonstige Gegenstände ausgestellt w orden w aren, m uß ich denn sagen: w enn einer unserer F reunde 
die m it hohen A rbeitslöhnen bezeichnet w aren. in  der ersten Sitzung, die w ir in diesem J a h re  ge­
H err Kollege M eyer wird wohl m einen, daß hier habt haben, erklärt hat, daß bisher der M agistrat 
die niedrigsten 'Löhne ausgezeichnet w aren. I n  all von C harlo ttenburg  m it besonderem  Nachdruck 
dieser Hinsicht ha t die H eim arbeitsausstellung auf sein gegenüber der bürgerlichen M ehrheit 
schon das tiefe E lend  der Heim industriellen gezeigt. der S tad tvero rdnetenversam m lung  größeres 
Eine große Schwierigkeit kann m einer sozialpolitisches V erständnis fü r viele F rag en  hin­
M einung  nach aus der D urchführung des A ntrages weisen konnte, so möchte ich dieses Lob aus die 
nicht entstehen; denn heute schon versuchen viele heutigen A usführungen des H errn  B oll hin doch 
auf Um wegen, indem  sie freiw illige M itglieder noch einm al revidieren. D enn  w enn es nach den 
der Ortskrankenkasse w erden, die K rankenver­ Wünschen des H errn  S ta d tra ts  B oll ginge, dann 
sicherungspflicht, die ihnen eigentlich nach dem m üßten  w ir w arten , b is die Reichsgesetzgebung 
Gesetze zustehen m üßte, zu erfüllen. Ich  möchte e tw as geschaffen hat, dann  löste die K om m une 
dringend darum  bitten , daß unser A ntrag  einstimmig ihre soziale V erpflichtung, die ihr aus G rund  der B e­
angenom m en wird, und nach den A usführungen stim m ungen des Krankenversicherungsgesetzes ob­
des H errn  Kollegen M eyer scheint es ja  so, a ls w enn liegt, nicht ein. H err S ta d tra t  B oll sagte auch. ver­
das der F a ll sein wird. schiedenen Krankenkassen sei vielleicht die obliga­torische Verpflichtung der H ausindustriellen gar 
(D ie B era tu n g  wird geschlossen.) nicht angenehm . J a ,  H err S ta d tra t , dem steht doch 
gegenüber, daß die Krankenkassen von den starken 
Antragsteller S tad tv . Zietsch (Schlußw ort): Lasten, die sie au s  ihren V erpflichtungen gegen die 
M eine H erren, ein p aa r W orte müssen S ie H eim arbeiter und H ausindustriellen haben, aus
        
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