Path:
Periodical volume 11. März 1908

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1908

151
denn sonst w ürden  sich die H eim arbeiter nicht fre i­ daß sie in  Wirklichkeit häufig noch nicht m al zu 25 %  
willig w eite r versichern. D adurch ist schon der B e­ durchgeführt wird,
w eis geliefert, daß in der P ra x is  von diesem theo­ (W iderspruch) 
retischen Grundsatz erheblich abgewichen wird. daß häufig die D urchführung der sozialen Gesetz­
Ich  sträube mich selbstverständlich nicht dagegen, gebung in  Deutschland scheitert vielleicht an  dem  
erkläre mich sogar gern dam it einverstanden, 'm angelnden  W illen der R egierung, vielleicht aber 
daß der M agistrat in weitgehendster loyaler Weise j  auch an  ihrer m angelnden K raft gegenüber dem  
m einen A ntrag  in  der Weise auslegt, daß es nicht U nternehm ertum  in  Deutschland.
heißt in diesem beschränkteren S in n e  „H eim ­ (Widerspruch und U nruhe.)
arbeiter", sondern „H ausindustrieller". W enn W enn der Wille bei der deutschen Reichsregierung 
ich bloß in m einem  A ntrage gesagt h ä t te : es sollen vorhanden w äre, dann  hätte  sie dafür sorgen müssen
H ausindustrielle m it einbegriffen w erden, dann —  und nicht n u r sie, sondern auch die Einzelland- 
w ürde das selbstverständlich an dem  bestehenden tage — , daß die G ew erbe- und Fabrikinspektion 
Z ustande in der T a t recht wenig ändern . W ir entsprechend den von der Arbeiterschaft gestellten 
w ollen ja, daß diese B estim m ung der K rankenver­ A nträgen ausgebau t wird. D as  ist bisher nicht ge­
sicherung strikt durchgeführt wird, daß die H eim ­ schehen. D an n  wissen S ie  auch jedenfalls aus 
arbeiter tatsächlich versichert w erden, daß die eigener E rfahrung , besser noch als ich, wie milde 
A rbeitgeber ihre sozialen V erpflichtungen ihnen einzelne Gerichte Überschreitungen der sozialen 
gegenüber einlösen müssen. H ätte ich gesagt Gesetzgebung beurteilen — von B estrafung kann m an 
„H ausindustrielle", dann  w ürden  u n s  doch wieder nicht reden.
die größeren Kreise der H eim arbeiter entwischt sein; (W iderspruch.)
dann  hätten  w ir die p aa r sekundären Arbeitgeber — S ie  bezweifeln das, m eine H erren ?
erwischt und nichts w eiter. (Z u ru fe : S e h r!)
(Z uruf des S tad tv . Holz: „D ie H ausindustriellen" D an n , bitte, lesen S ie  die betreffenden G erichts­
gehen w eiter!) urteile  durch, durch welche die körperliche V er­
letzung eines A rbeiters, die nachweislich durch die 
— D ie „H ausindustrie llen" gehen nicht w eiter. M an  Schuld des A rbeitgebers entstanden ist, dadurch, 
kann den B egriff w eiter fassen m it der von m ir ab­ daß der A rbeiter keine Schutzvorrichtungen an  den 
gegebenen Erklärung: aber S ie  dürfen nicht ver­ Maschinen gehabt hat, und andere V erfehlungen 
gessen: w enn S i e  sich auch sicher sind über den geahndet, w erden m it 3 J L  10 JL usw.,
B egriff „H eim arbeiter" und „H ausindustrielle", (Z u ru f : G ehört nicht h ierher!) 
die H eim arbeiter und H ausindustriellen sind es wo die ganz maßlose Ausnutzung der weiblichen 
noch lange nicht. Viele H eim arbeiter stehen auf dem A rbeitskraft und der A rbeitskraft der K inder m it 
S ta n d p u n k t: sie sind H ausindustrielle, und mancher 20 und 25 M. bestraft wird ! W enn die Gesetzgebung 
H ausindustrielle steht auf dem  S tan d p u n k t: er ist in  Deutschland in  dieser A rt gehandhabt w ird, 
H eim arbeiter. D arüber w erden die M einungsver­ dann  ist sie keine soziale Gesetzgebung m ehr. D an n  
schiedenheiten in der P rax is  noch w eiter gehen. haben S ie  recht, zu sagen: „E s steht n u r auf dem  
Ich  verhehle m ir keinen Augenblick, daß eine p rä ­ P a p ie r" . W enn ein derartiges O rtssta tu t fü r 
zise F orm , die juristisch und fü r die P rax is  e inw and­ C harlo ttenburg erlassen w erden soll, ohne daß durch 
frei niedergelegt werden könnte, nicht so leicht eine kräftige K ontrolle fü r seine Verwirklichung 
zu finden  sein w ird . Ic h  weiß auch, daß es schwer gesorgt wird, dann  haben S ie  auch recht, gegen 
sein w ird , nachher in diesem O rtss ta tu t festzu­ die gute W irkung eines derartigen  O rtss ta tu ts  m iß­
stellen: w er ist zur A nm eldung der H eim arbeiter trauisch zu sein.
b eip flich tet?  derjen ige, der die A rbeit in erster > E s kommt aber ferner hinzu, daß nicht n u r B e r­
L in ie  ausg ib t, z. B . in  der K onfektionsbranche, lin in dieser Weise vorgegangen ist, sondern auch 
der eigentliche U nternehm er, der eigentliche in jüngster Z eit B reslau . Es w ar ungefäh r vor 
K aufm ann , oder der Zw ischenm eister? Durch 14 T agen , a ls die B re s lau e r S tad tv e ro rd n e ten ­
das O rtssta tu t, das m an  in  B e rlin  hat, ist ja  die versam m lung ein O rtssta tu t, wie es B erlin  schon 
Sache so geregelt, daß in  erster L inie der H aus­ besitzt, angenom m en hat. M an  hat auch in B reslau  
industrielle der A nm eldeverpflichtete ist, in  zw eiter gesagt: w arum  sollen w ir u n s denn dam it beeilen? 
L inie der p rim äre  A rbeitgeber. D er den B eitrag  D ie B reslau e r haben sich drei J a h re  Z eit gelassen, 
Leistende ist in  letzter L inie selbstverständlich im m er um  das O rtssta tu t in  die F o rm  zu gießen, in  der 
der p rim äre  A rbeitgeber, und das w ird auch hier es jetzt vorliegt, und bürgerliche S tad tv e ro rd n e te  
durchgeführt w erden müssen. daselbst haben noch in letzter S tu n d e  die E in ­
D ie A usdehnung der Versicherung auf alle w endung gemacht, daß sich B res lau  m it dieser 
diese Arbeiter, auf H ausindustrielle und Heim ­ Sache gar nicht zu beeilen brauchte, weil das 
arbeiter, ist unbedingt notw endig, um  eben die Reich in allernächster Z eit eine R egelung auch 
E rfüllung der sozialen Verpflichtungen der A rbeit­ dieser M aterie  vornehm en w ürde. M eine 
geber durchführen zu können. W enn die M aterie  H erren, w enn S ie  sich auf die soziale Gesetzgebung 
auch schwierig ist, in  B erlin  hat m an  doch ver­ im  Reiche verlassen w ollen, dann  dü rften  neben 
sucht, sie zu regeln. Es ist ja  richtig, daß das B er­ I h n e n  in allererster Linie die H eim arbeiter ver­
liner O rtssta tu t vielleicht nach der Auffassung ein­ lassen bleiben. E s ist ja durchaus nicht zu verkennen, 
zelner H erren gut auf dem  P a p ie r  sich ausn im m t, daß m an vielleicht in der nächsten Z eit zu einer 
in Wirklichkeit aber nicht durchführbar ist. D a  Vereinheitlichung der Arbeiterversicherungsgesetz- 
nehm e ich keinen Anstand, hier zu erklären, daß gebung, der Kranken-, Jn v a lid itä ts -  und A lters- 
unsere ganze soziale Versicherungsgesetzgebung, versicherungs- sowie der berussgenossenschastlichen 
unsere ganze Arbeiterschutzgesetzgebung, die w ir Gesetzgebung gelangen wird. Aber ob m an  dam it 
in Deutschland haben, zum großen Teile n u r  auf zu gleicher Z eit die soziale Gesetzgebung yach dieser 
dem P a p ie r  steht, S e ite  hin ausdehnen wird, ist fü r mich um  so zweifel­
(n a! n a!) hafter, als w ir jetzt anscheinend u n te r  dem starken
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.