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Periodical volume 11. März 1908

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1908

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zu m alen, sondern ich will n u r die Z ahlen von 1895, dem gewerblichen N ähen von Schürzen usw. hier 
die ein e tw as abgeschwächtes Bild geben, vorführen. beschäftigt.
—  I m  Bekleidung?- und R einigungsgew erbe sind W enn nun  auf der einen ©eite d a s  Reich in  V er­
159 000, in der In d u str ie  der Holz- und Schnitz­ bindung m it dem S ta a te  nichts Durchgreifendes 
stoffe 37 000, in der M eta ll verarbeitenden  In d u strie  getan  hat, um  dieser N ot der H eim arbeiter en t­
20  000, in  der N ahruugs- und G enußm ittelindustrie gegenzutreten, w enn es vielleicht durch die u n ­
15 000 Leute Heimindustrie!! beschäftigt gewesen: geheuren Schwierigkeiten der M aterie  im m er ab­
aber allein in der Heim industrie der Textilindustrie gehalten w orden ist, bessernd und m it fester Faust 
sind schon 1895 140 000 Kinder beschäftigt w orden. einzugreifen, w enn  aber auf der andern  S e ite  
D as  sind ganz erschreckende Z ahlen . D er S ta a ts ­ den G em einden ein M itte l in die Hand gegeben ist, 
sekretär des In n e rn , H err v. B e th m an n  Hollweg, in  irgend einer B eziehung die N ot und das Elend 
hat bei A nführung  dieser Z ahlen  auch betont, daß in den H eim arbeiterkreisen zu m ildern, dann  sollte 
seit jener Z eit die A usdehnung der H eim arbeit nicht sich keine K om m une dieser sozialen V erpflichtung 
eingeschränkt w orden ist, sondern daß die H eim arbeit entziehen. Und diese Möglichkeit ist den G em einden 
sich im m er m ehr und m ehr ausgedehnt hat. D as in § 2 Abs. 3 und 4 des K rankenve^icherungsge- 
stimmt im  allgem einen. E s trifft aber nicht n u r  für setzes vom 10. A pril 1892 gegeben. D ie G em einden 
das gesamte deutsche W irtschaftsgebiet zu, sondern haben aber nicht n u r aus dem G efühle sozialer 
auch speziell fü r unseren Jnteressenkreis, fü r Verpflichtung gegenüber den M inderbem itte lten , 
G roß-B erlin , insbesondere C harlo ttenburg, w orauf den wirtschaftlich Unterdrückten von dieser gesetz­
ich nachher noch kurz zu sprechen kommen werde. geberischen H andhabe Gebrauch zu machen, son­
E s ist nicht n u r  die Auffassung m einer dern schon m it Rücksicht auf die großen G efahren, 
P a rte ifreu n d e , daß die H eim industrie ungeheuer die sich in  der H eim arbeit für das allgem eine Leben 
schädigende Folgen m it sich bringt, sondern auch bergen, w erden sie zu energischem H andeln ge­
der S taa tssek re tär des I n n e r n  hat im  Reichstage drängt.
ausdrücklich darauf hingewiesen. E r sag te :
Am lebhaftesten ist das In teresse  wachgerufen Ich  unterschätze nun  durchaus nicht, wie 
— der H eim arbeit m it ih ren  Schäden en tgegen­ ich vorhin schon gesagt habe, die Schw ierig­
zu tre ten  — keiten dieser M aterie , verkenne auch nicht, daß es 
durch die M ißstände, w elcheinderH ausindustrie unserm  M agistrat manches Kopfzerbrechen be­
ganz zweifellos bestehen in  bezug auf die B e­ re iten  wird, in  welcher auch fü r die H eim arbeiter 
schaffenheit von Räumlichkeiten, auf die Her­ ersprießlichen Weise diesem A ntrage stattgegeben, 
richtung der Betriebsgegenstände, auf teilweise wie er in der P ra x is  durchgeführt w erden kann. 
abso lu t' ungenügende Lohnverhältnisse, auf D ie ganze H eim arbeit, auch die H ausindustrie 
G efahren  in  sittlicher und san itärer Beziehung. ist von einer wirtschaftlichen und rechtlichen Kom­
Und dabei ist zu bedenken, daß gerade in  der p liziertheit begleitet, daß eine K lärung sich durch 
H ausindustrie eine Unm enge verschwiegener eine Tagessitzung nicht w ird erreichen lassen. Die 
S o rg e  und verschwiegener N ot sich in den Werk­ einzelne G em einde wird u n te r  Z ugrundelegung 
stätten birgt, in denen H ausarbeit in  fleißiger der in  den verschiedenen G em einden schon ge­
und vielfach überfleißiger Arbeitgeleistet wird. sam m elten E rfahrungen  und geschaffenen S t a ­
Ich  brauche mich ja  des näheren  hierüber nicht tu ten  im m er an  Hand ihrer besonderen E rfahrungen  
auszusprechen. S ie  w erden alle ohne w eiteres vorgehen müssen.
meine Auffassung darüber teilen. W enn ich ge­ Es kann auch vielleicht von irgend einer 
sagt habe, daß die H eim arbeit sich nicht n u r im S e ite  gesagt w erden, mein A ntrag drücke sich 
allgem einen deutschen W irtschaftsgebiet, sondern nicht p räzis genug aus, weil er in  erster Linie die 
auch hier in C harlo ttenburg  ausgedehnt hat, so H eim arbeiter u n te r  das O bligatorium  der Kranken­
weise ich auf das im m er stärkere Anwachsen der versicherung stellen möchte.
Textilindustrie in C harlo ttenburg  hin, m it der die (S e h r  rich tig!)
H eim arbeit ja  Hand in Hand geht. Z ahlen  kann M an  kann da verschiedener Auffassung sein. M an  
ich I h n e n  dafür natürlich nicht anführen, die kann sagen: richtig ist es eigentlich, daß H aus­
stehen m ir nicht zu G ebote; sie w erden aber auch industrielle d a ru n te r begriffen werden,
dem M agistrat oder sonst jem and nicht so leicht (sehr richtig!) 
zu G ebote stehen können, weil es ungeheuer schwer weil ja  die M einung  auf der einen S e ite  besteht, 
ist, diese Z ahlen au s den allgem einen Bevölkerungs­ daß der H eim arbeiter auf G rund des § 1 des 
zahlen herauszuziehen. Zw eifellos besteht aber in Krankenversicherungsgesetzes ohne w eiteres ver­
C harlo ttenburg  auch eine H eim arbeit in  der Z i­ sicherungspflichtig ist. Theoretisch will ich das auch 
garrenindustrie, und ich weiß selbst aus m einer gelten lassen; dem steht aber die P ra x is  entgegen. 
E rfahrung , daß in der B onbon- und Zuckerindustrie G ehen S ie  einm al in die Heimarbeiterkreise und 
Kinder und F rau en  in großer Anzahl in  C har­ fragen S ie  dort nach, wieviel H eim arbeiter ver­
lo ttenburg  zu Hause beschäftigt w erden. Ich  sichert s in d ! J e n e r  Auffassung steht aber auch die 
kenne selbst ein H aus, in dem ich früher gew ohnt praktische E rfahrung  entgegen, die von vielen 
hab«, w orin  einige F am ilien  ihre K inder m it B o n ­ Krankenkassen erlangt w orden ist. Ic h  weiß nicht, 
boneinwickeln beschäftigen. D as  ging selbstver­ ob m an  der C harlo ttenburger Krankenkasse G e­
ständlich nicht n u r in den N achm ittagsstunden legenheit gegeben hat, sich in dieser B eziehung zu 
vor sich, sondern diese Arbeit der K inder dauerte äußern . E s ist aber schon darau f hingewiesen 
häufig bis in  die späten Abendstunden hinein. worden, daß ein großer T eil der H eim arbeiter 
F e rn e r un te rh ä lt die Konfektion in C harlo tten­ freiw illig versichert ist, und darau s ergibt sich doch 
burg auch verschiedene, vielleicht sehr zahlreiche ohne w eiteres, daß der jetzt schon auf G rund des 
H eim arbeiter und H eim arbeiterinnen. D ie Heim ­ § 1 zur A nm eldung verpflichtete A rbeitgeber 
arbeit in der W eißzeugnäherei ist in C harlo tten­ sekundärer A rt —  ich rede nicht von dem A rbeit­
burg auch gar nicht so unbeträchtlich. Es ist eine ziem­ geber in erster Linie —  sich um  die E rfüllung 
lich große Z ahl von heim arbeitenden F ra u e n  m it seiner sozialen Verpflichtung herumgedrückt h a t;
        
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