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Periodical volume 11. März 1908

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1908

daß da, wo n u r irgendw ie sich H andhaben fü r eine | E s ist ja  ohne w eiteres erklärlich, daß die Heim­
verw altende oder gesetzgebende Körperschaft finden, a rb e it nicht von heute auf m orgen verschwinden 
diesem Elend, dieser N ot und diesem Ja m m e r  kann. D as  g laubt keiner von u ns. S ie  ist eben auch 
E inhalt zu tun , die Verpflichtung in erster Linie n u r  eine Folgeerscheinung der allgem einen w irt­
besteht, hier helfend einzugreifen. E s kommt ja schaftlichen Verhältnisse, und sie w ird nicht aus 
bei der H eim arbeit in  Betracht, daß die H eim arbeiter dem R ahm en des wirtschaftlichen G esam torganis­
und die kleineren H ausindustriellen der A us­ m us herausgerissen w erden können. D arü b er 
nutzung durch den U nternehm er noch m ehr au s­ geben w ir u n s  auch gar keinen I llu s io n en  hin. 
gesetzt sind als die in  den W erkstätten tä tigen  Lohn­ W ir wissen, daß der W iderstand gegen jede ein­
arbeiter. E s ist auch bekannt, daß die Heim ­ greifende Besserung in  der H eim arbeit auf seiten 
arbeiter u n te r äußerst schlechten W ohnungsverhält­ der U nternehm er ungeheuer stark ist. D ie U nter­
nissen zu leiden haben. W ir haben jüngst bei der nehm er fußen ja  in  allererster Linie darauf, daß sie, 
B era tu n g  der Schankkonzessionssteuervorlage von je m ehr H eim arbeiter sie beschäftigen, desto m ehr 
dem M agistrat gehört, daß der M agistrat jede G e­ von all den Lasten befreit sind, die die soziale Gesetz­
legenheit gern ergreife, um  dem W ohnungselend, gebung ihnen scheinbar auferlegt hat. S ie  brauchen 
der M isere in  bezug auf die K indererziehung und in die H eim arbeiter nicht in die Krankenkassen zu 
bezug auf die unhaltbaren  gesundheitlichen V erhält­ tun , sie brauchen nicht die H älfte der B eiträge für 
nisse in  vielen Fam ielin  entgegenzutreten. G erade die Unfall-, Jn v a lid itä ts -  und Altersversicherung 
in der H eim arbeit, bei der H ausindustrie, findet zu zahlen. Gewiß, dieses Sichentziehen der sozialen 
sich diese Notwendigkeit, einzugreifen, doppelt V erpflichtungen gegenüber den H eim arbeitern  
und in  dreifacher Fülle . S ie  haben dort außer den durch die U nternehm er schließt ja  nicht aus, daß die 
ungem ein  schlechten W ohnungsverhältnissen viele H eim arbeiter tatsächlich von der Krankenkassen­
M ängel in  der K indererziehung —  das M ita rbe iten  versicherung irgend welche V orteile haben können. 
der K inder bis in die späte Nacht hinein  — , S ie  W ir haben speziell hier in  C harlo tten  bürg die E r­
haben in V erbindung dam it natürlich auch eine fahrung gemacht, daß die H eim arbeiter, die nicht 
A nhäufung gesundheitlicher M ißstände, wie sie von den U nternehm ern  der Krankenkasse ange­
überhaup t n u r bestehen können. W er das nicht schlossen w orden sind, sich auf G rund eines vorüber­
alles weiß, w em  das nicht au s  seinen eigenen oder gehenden verftcherungspflichtigen A rbeitsverhält­
den^E rfahrungen  anderer bekannt sein sollte, der nisses als M itglieder in  die Krankenkasse haben 
wird ja  ohne w eiteres, w enn er sich der Ausstellung, aufnehm en lassen, nach kurzer Z eit dieses form ell 
die im  J a h re  1906 in  der a lten  Kunstakademie in geschlossene V ersicherungsverhältnis gelöst haben 
B erlin  stattgefunden hat, entsinnt, wissen, daß das und dann  der Krankenkasse als freiw illige M itglieder 
Elend in  der H eim industrie tatsächlich keine Grenze w eiter angehörten . Dadurch wird aber nicht das 
kennt. getroffen, w as w ir treffen  wollen, nämlich die 
Um diesem Elend E inhalt zu gebieten, sind Versicherungsverpflichtung des U nternehm ers 
von der Gesetzgebung schon die verschiedensten festzustellen. Durch die freiw illige Krankenversiche­
Schritte un ternom m en w orden. E s erübrig t sich, rung  belastet sich der H eim arbeiter allein, w ährend 
hier auf die darauf bezüglichen einzelnen Punkte der ganze S in n  der sozialen Gesetzgebung, in 
des näheren  einzugehen. Ich  erinnere aber daran , erster L inie der Krankenversicherungsgesetzgebung, 
daß die ganze Reichsgesetzgebung bisher das Elend daraus hinausgeht, daß der U nternehm er einen 
in  der Heimindustrie in nennensw ertem  M aße T eil der Versicherungskosten zu tragen  hat. D a ru m  
nicht eingeschränkt ha t und nicht eingedäm m t kommt der U nternehm er durch die freiw illige 
haben kann, weil sich die ganze reichsgesetzliche Versicherung der H eim arbeiter herum . E s ist das 
M aterie  im m er n u r auf die Z igarrenarbe ite r und ein doppeltes Unrecht, das an  dem H eim arbeiter 
auf die K onfektionsarbeiter beschränkt, die im durch den U nternehm er verübt w ird ; denn die Ge­
Hause beschäftigt sind. D ie H eim arbeitausstellung fahren durch K rankheiten sind durch die u n h a lt­
im  J a h re  1906 h atte  im  Gefolge, daß von der baren  W ohnungsverhältnisse, die vielfach bei den 
Regierung eine E nquete veranstaltet w urde, über heim arbeitenden F am ilien  anzutreffen sind, in V er­
deren praktische Ergebnisse w ir heute noch im  bindung m it der geringeren Bezahlung, der größeren 
Unklaren sind, w enn m an  nicht am  Ende gar die A usbeutung der F ra u e n  und auch der K inder 
Heimarbeiterschutzgesetzgebung, deren E n tw urf ver­ natürlich um  vieles größer a ls beim  W erkarbeiter.
einigen T agen  im  Reichstage vorgelegen hat, als W ir dürfen u n s auch darüber keinen Illu sio n en  
das R esultat dieser Enquete annehm en will. W enn hingeben, daß vielleicht die H eim arbeit von selbst 
das aber tatsächlich die Frucht jener unendlich verschwinden könnte, daß dieselbe im deutschen 
weit umfassenden Enquete gewesen sein soll, dann W irtschaftsleben gar nicht so arg in die Wagschale 
ist bei der ganzen Geschichte m einer Ansicht nach fallen könnte und nicht stark in  B etracht zu ziehen 
e tw as ungeheuer D ürftiges herausgekom m en. sei. D ie H eim arbeit ha t in Deutschland einen ganz 
D enn selbst dieser jetzt dem Reichstag vorgelegte erschreckenden Um fang angenom m en. Ic h  möchte 
E n tw urf, der sich ja  sinngem äß der G ew erbeord­ mich hier n u r auf das beschränken, w as der neue 
nung angliedern m uß, gibt durchaus nicht das, S taatssekretär des In n e rn , H err v. B e thm ann  
w as m an zur Einschränkung der H eim arbeit und Hollweg bei der B era tu n g  der letzten H eim arbeiter- 
des E lends und der N ot in der H eim arbeit fordern schutzbestimnmngen im  Reichstage dazu angeführt 
kann und m uß. V or allen D ingen  fehlt dem jetzt hat. E r w ies ausdrücklich darauf hin, daß er sich 
im  Reichstage vorgelegten E n tw urf in allererster n u r auf die Z ahlen der G ew erbezählung von 1895 
Linie der H auptpunkt, der in bezug auf die B e­ stützen könnte, daß danach aber allein in der T extil­
kämpfung des H eim arbeiterelends m it Erfolg in industrie in  Deutschland über 195 000 Menschen in 
A nw endung gebracht werden kann: d. h. die E in­ der H eim industrie gezählt w orden sind.
beziehung der gesam ten H eim arbeiter und H aus­ (Z uruf.)
industriellen in die Krankenversicherungs-, die —  Gew iß, diese Z ahlen  sind angewachsen. E s liegt 
Jn v a lid itä ts -  und Altersversicherungsgesetzgebung. m ir aber gar nichts daran , hier schwarz in schwarz
        
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