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Periodical volume 4. Dezember 1907

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1907

schule geben, statt auf die Vorschule, werden — zu tun, dam it die drohende Ferienverkürzung schon 
wenn sie auch Kinder auf höheren Lehranstalten für das im Frühjahr beginnende Schuljahr ab­
haben — in die Lage kommen, zu erfahren, daß gewendet werden kann.
ihre Kinder ungleich lange Ferien haben. Und 
dann leiden die Kinder, die Geschwister auf den Stabtb. Dr. Frentzel: Meine Herren, gestatten 
Gemeindeschulen haben, unter der Verkürzung der S ie  mir, den bisher vorgebrachten Gründen, welche 
Ferien mit. alle darauf abzielen, der drohenden Ferienver­
Einer S tad t wie Charlottenburg, die nach so kürzung entgegenzutreten — eine Tendenz, welcher 
vielen Richtungen hin schätzenswerte und wertvolle ich mich vollständig anschließe — , noch einige Worte 
Versuche macht, kann nichts unangenehmer sein, als vom Standpunkt des Arztes und vor allem vom 
wenn Fragen entweder der Erziehung oder der Standpunkt des Vaters anzufügen.
Gesundheit für alle Gemeinwesen im Lande über Eine Verkürzung gerade der kleineren Ferien 
einen Kamm geschoren werden, und ich kann nur erscheint m ir bedenklich, und zwar aus folgenden 
wünschen, daß wir uns so frei wie möglich nach Gründen. W as von den Schülern der höheren 
dieser Richtung hin halten. Ich kann deshalb nur Schulen — die augenblicklich ja nicht in Frage 
bitten, daß S ie sich aus hygienischen, pädagogischen stehen — , aber auch von den Gemeindeschulen 
und finanziellen Gründen den Ausführungen des geleistet werden muß, das ist nach meiner Erfahrung 
Herrn Kollegen Dr Nöthig anschließen. immerhin so viel, daß es von den mittelbegabten 
Schülern und Schülerinnen nur dann geleistet 
Stabtb. Otto: Meine Herren, an die S ta d t­ werden kann, wenn der gesamte A pparat des Hirns 
verordnetenversammlung Charlottenburgs ist in und der Nerventätigkeit während der ganzen D auer 
dieser Angelegenheit eine Petition des Lehrer­ der Schule in Anspruch genommen wird.
vereins ergangen, und eine Petition des Lehre­ Meine Herren, ein so kleines Hirn, so eine 
rinnenvereins ist an die Schuldeputation gerichtet. Schülerseele gerät dadurch in den Zustand einer 
I n  dieser Petition der Lehrerinnen wird der Wunsch vibrierenden Maschine, und wenn m an auch den 
ausgesprochen, daß der M agistrat bezw. die Schul­ Gang etwa abstellt, so dauert es doch immer eine 
deputation bei der Regierung in Potsdam  dahin gewisse Zeit, ehe ein Ruhestadium eintritt, das 
vorstellig werden möchte, die S tad t Charlottenburg dann für Körper, Geist und Seele wirklich erholungs­
von dem Geltungsbereiche der neuen Ministerial- bringend ist. Wird dieses Ruhestadium zu kurz 
verfügung auszuschließen. Es liegt wohl ziemlich bemessen, so genügen schon wenige Tage, um  für 
sicher auf der Hand, daß ein derartiges Vorgehen sehr viele, namentlich für nervös beanlagte Kinder 
nicht den geringsten Erfolg haben würde; denn es den Nutzen der Ferien überhaupt illusorisch zu 
wäre unmöglich, die S tad t Charlottenburg allein machen. Deshalb halte ich es für sehr falsch, wenn 
von dem Geltungsbereich einer solchen Verfügung m an die kürzeren Ferien, die neben der großen 
auszuschließen. Der Wunsch der Lehrerinnen wird Pause sehr zweckmäßig in das gleichmäßige Leben 
sich also nicht gut erfüllen lassen. Der Lehrerverein der Schule eingeschaltet werden, noch beschneiden 
drückt sich in  seiner Petition  allgemeiner aus: er will.
bittet nur, ihn in dem Bestreben, die den Gemeinde­ Und zweitens vom Standpunkt der Eltern, 
schulen drohende Ferienverkürzung verhindern zu vom Standpunkt des V aters aus, der hier bisher 
wollen, m it allen tunlichen M itteln nachdrücklich noch nicht in Rücksicht gezogen ist, möchte ich doch 
zu unterstützen. Ich habe aus dem bisherigen Ver­ bemerken, daß auch die Eltern eine gewisse Be­
lauf der Besprechung der ganzen Angelegenheit rechtigung haben, öfters in dem Jah re  m it ihren 
den Eindruck gewonnen, daß die S tadtverordneten­ Kindern mehr zusammen zu sein, als die Schule 
versammlung von Charlottenburg bereit ist, diese und der regelmäßige Gang des Unterrichts ihnen 
Unterstützung der Volksschule und der Volksschul­ ermöglichen. M eine Herren, darüber ist ja wohl 
lehrerschaft zuteil werden zu lassen. nicht zu streiten, und auch die anwesenden Vertreter 
Der Herr Stadtschulrat hat bereits darauf hin­ des Lehrerstandes werden es m ir nicht übelnehmen, 
gewiesen, daß in einigen Vororten Berlins die Frage wenn ich sage: uns Eltern raubt die Schule die 
ebenfalls erörtert worden ist. D as ist geschehen in Kinder bis zu einem gewissen Grade. D as ist ja 
Schöneberg, es ist geschehen in W ilmersdorf. M ir auch absolut nicht anders möglich. Aber da ist es doch 
erscheint deshalb der von dem Herrn Stadtschulrat sehr schön, und es ist auch für die Gesamterziehung 
vorgeschlagene Weg, uns mit unseren Nachbar­ der Kinder genau ebenso notwendig wie die Schul- 
gemeinden und vor allem auch m it der S tad t Berlin, erziehung, wenn auch die häusliche Erziehung, 
die ebenfalls von dieser Verfügung betroffen wird, das heißt das gegenseitige Kennenlernen zwischen 
in Verbindung zu setzen, geeignet zu sein. Wir Eltern und Kindern, das gegenseitige Beeinflussen 
dürfen hoffen, daß dieser vereinte Widerspruch in ihr Recht tritt. D as ist ein Wunsch und ein Ver­
vielleicht einigen Erfolg hat. Die S tad t Königsberg langen, das Eltern haben müssen und m it vollem 
in Preußen hat bereits durch ihre Stadtverordneten­ Rechte stellen können. Zunächst wünschen wir, 
versammlung eine Resolution beschlossen des I n ­ solange die Kinder klein sind, sie kennen zu lernen, 
halts, daß sie aus pädagogischen, hygienischen und und später, wenn sie größer und verständiger sind, 
sozialen Gründen gegen die Verkürzung der Volks­ wünschen wir, daß auch sie ihre Eltern in ihrer 
schulferien Einspruch erhebt. Ich bin überzeugt, Eigenart kennen und würdigen lernen, um  alles 
wenn es geschäftsordnungsmäßig zulässig wäre, das zu verstehen, was im Hause um  sie herum  
an eine Anfrage einen Antrag zu knüpfen, daß vorgeht.
auch diese Versammlung womöglich einstimmig Und endlich, meine Herren, auch vom S tan d ­
einem derartigen Beschlusse zustimmen würde. Da punkt der Lehrer, der Lehrerschaft aus halte ich 
es geschäftsordnungsmäßig nicht angängig ist, so eine Verkürzung gerade der schon kurz bemessenen 
hoffe ich, I h r  stillschweigendes Einverständnis an­ kleinen Ferien für sehr falsch. Wir verlangen 
nehmen zu dürfen, wenn ich an den Magistrat die — und wir haben die feste Zuversicht, daß es ge­
B itte richte, das, was er tun will, möglichst bald schieht — , daß unsere Lehrer sich stets wissenschaftlich
        
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