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Periodical volume 30. Oktober 1907

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1907

Fragesteller Stadtv. Lingner: Meine Herren, Punkt 8 der Tagesordnung:
der größere Teil von Ih n e n  wird sich wohl noch er­
innern, daß bei der Errichtung des Kaiser-Friedrich- A n trag der S ta d tv . D r . S ta d th a g e»  und 
Denkmals auf dem Luisenplatz dem göttlichen Apollo G en . betr. H eranziehung von  Frauen zur 
ein sehr menschliches Schicksal zugestoßen ist: beim städtischen V erw a ltu n g . — Drucksache 441.
Aufwinden auf sein Postament hat er sich seiner 
Fesseln entledigt und ist, statt in die Höhe zu ent­ Der Antrag lautet:
weichen, in die Tiefe gestürzt, hierbei hat er sich Die Unterzeichneten beantragen, den M a ­
leider das Genick gebrochen. Nun ist damals nur keine gistrat zu ersuchen, 
Möglichkeit mehr gewesen, den Schaden rechtzeitig, daß er eingehende Erwägungen anstellen 
d. h. zur Enthüllung wieder in Ordnung zu bringen; und der Stadtverordnetenversammlung dar­
man hat vielmehr vorgezogen, den Kopf wieder auf­ über berichten möge, ob eine weitergehende 
zusetzen und den Apollo einstweilen provisorisch auf Heranziehung von Frauen zur städtischen 
das Postament zu stellen. Es wurde uns damals Verwaltung auf den Gebieten der weiblichen 
aber mitgeteilt, daß die neue Figur in kurzer Zeit Erziehung und der Wohnungsfürsorge mög­
aufgestellt werden soll. Das sind nun 2'/2 Jah re  lich, zweckmäßig und durchführbar ist.
her, und es ist bis dato noch nichts geschehen. Des­
wegen richte ich die Anfrage an den Magistrat. Antragsteller Stadtv. Br. Stadthagen: Meine 
Herren, über die Stärkung, die die Stellung der 
F rau  im öffentlichen Leben in den letzten Jah ren  er­
Borsteher Rosenbcrg: Der Magistrat ist bereit, fahren hat, sind wir alle orientiert. Wir wissen, wie 
die Anfrage zu beantworten. sprunghaft beinahe die Bedeutung der F rau  ge­
wachsen ist, wir sehen das z. B. aus der Vorlage 
Stadtbaurat Brcdtschneider: Es ist allerdings unter Nr. 10, in welcher der Magistrat ja erklärt, 
richtig, daß die Apollofigur beim Aufwinden auf heute auf einem wesentlich anderen Standpunkt 
ihren S tandort  beschädigt worden ist; aber sie hat zu stehen als früher, nämlich auf dem, den die S tad t­
sich nicht das Genick gebrochen, sondern der ausge­ verordnetenversammlung schon vor drei Jahren  
streckte Arm ist abgebrochen. Das war kurz vor der eingenommen hat. Damals konnte sich der Magi­
Enthüllung. M an hat den Arm mit mächtigen strat noch nicht für diesen Standpunkt erklären; heute 
bronzenen Bändern wieder an die Figur befestigt, nimmt er denselben ein. Meine Herren, so geht es, 
und die F igur aufgestellt. Der Erbauer des Denk­ möchte ich sagen, den Frauen überall im öffentlichen 
mals, Herr Professor Uphues, ist vom Magistrat ver­ Leben, und es ist Sache der städtischen und der 
anlaßt worden, eine neue Figur aufzustellen und staatlichen Gewalten, den richtigen Moment abzu­
hat zur Sicherung seiner Verpflichtung bei dem passen, wo es angebracht erscheint, den Forderungen 
Magistrat eine Kaution von 10 000 ,#  hinterlegt. unsrer weiblichen Genossen — im weitesten Sinne 
Anfangs schien es, als wenn das Zusammenflicken des Wortes — entgegenzukommen. Die Antrag­
der Apollofigur von Dauer sein würde, und Herr steller haben nun geglaubt, es wäre jetzt wohl an der 
Professor Uphues scheint sich eine Zeit lang mit der Zeit, daß der Magistrat eingehende Erwägungen 
Id e e  getragen zu haben, er würde vom Magistrat anstellt, i n w i e w e i t  i n  u n s e r e r  st ä d t i - 
von der Verpflichtung; die Apvllofigur zu erneuern, scheu V e r w a l t u n g ' ;  d e r  F r a u  w e i t e r e  
entbunden werden. Seit einem Jah re  aber haben M i t w i r k u n g  e i n g e r ä u m t  w e r d e n  
sich dort, wo das Bronzeband in die Nähe des Halses k a n n ,  als es bisher geschehen ist.
kommt, Rostflecke oder vielmehr rote Flecke gezeigt, Es ist von vornherein zuzugeben, daß die F rau  
welche die Figur verunstalten, und seit jener Zeit im allgemeinen nicht die Schulung in den öffent­
hat Herr Professor Uphues sich davon überzeugen lichen Dingen besitzt, die wir M änner haben. Es ist 
müssen, daß die Figur unmöglich so bleiben kann. Er aber ebenso zuzugeben, daß da, wo die F rau  Ge­
hat in Erfüllung seiner Verpflichtungen nunmehr legenheit gehabt hat, sich auch öffentlich zu betätigen 
den Marmorblock bestellt, der, wie er schreibt, sehr und zu lernen, sie wenigstens in vielen Fällen sich 
umfänglicher Natur ist und sein muß, weil ja die den Aufgaben, die an sie herantreten, gewachsen ge­
ganze Figur mit dem ausgestreckten Arm aus einem zeigt hat.
einzigen Block gehauen werden muß. Der Block ist, Andererseits kann man, glaube ich, nicht ver­
wie Herr Professor Uphues in einem Schreiben vom kennen, daß bezüglich der Frage der w e i b l i c h e n  
28. dieses M onats mitteilt, in Carrara gebrochen E r z i e h u n g  im weitesten Sinne, bezüglich des 
und bereits im Rohen punktiert. Herr Professor Unterrichts auf den Gemeindeschulen, in den F ort­
Uphues wird zur näheren Bestätigung seiner M it­ bildungsschulen, auf den höheren Schulen für die 
teilung eine Photographie von diesem Block her­ Mädchen es jedenfalls heutzutage doch eine gewisse 
senden, damit wir uns auch überzeugen können, daß Anomalie ist, wenn die Frauen gar nicht oder so gut 
er nunmehr wirklich Ernst mit der Erneuerung der wie gar nicht mitzuwirken haben. Und es ist wohl 
F igur macht. Er schreibt, der Block werde dem­ zu überlegen, >vie man einen Weg finden kann, der 
nächst hier ankommen und von ihm hier weiter be­ unbeschadet der gesetzlichen Bestimmungen und un­
arbeitet werden; er hofft, im Dezember oder J a n u a r  beschadet der sonstigen Wünsche, die wir für die ord­
fertig zu werden; er bittet aber, ihn davon zu ent­ nungsmäßige städtische Verwaltung hegen müssen, 
binden, mitten im Winter die Figur aufzustellen; er doch den Frauen ein gewisses Mitwirkungsrecht 
werde, sobald das Frühjahr ins Land kommt, sie auf einzuräumen ermöglicht. Ich darf nur kurz darauf 
den Platz bringen und an Stelle der altenFigur auf­ hinweisen, daß an einzelnen Stellen auch schon Vor­
stellen. gänge vorhanden sind. Ich erwähne, daß in Offen­
burg z. B. die Frauen im Aufsichtsrat für Mittel­
schulen sitzen.
Vorsteher Rosenberg: Wir verlassen diesen Ein weiterer Punkt betrifft die F ü r s o r g e  
Gegenstand. für  di e W o h n u n g e n .  D a geht die Meinung
        
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