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Periodical volume 16. Oktober 1907

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1907

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werden müssen. Daß da eine so kleine Unterlassung^ - ein recht gutes Gedächtnis und tragen sie uns lange 
fünde, wenn ich es so nennen darf, begangen ist, nach. Es wird die Herren erstaunen — auch m ir 
ist sehr zu bedauern; ob die Herren aber gerade war es entfallen — , daß in Berlin in diesem 
deswegen zur Rechenschaft gezogen werden sollen, Jahre zwei kolossale Störungen eingetreten waren. 
das möchte ich doch verneinen. Ich sage das nicht, um das Berliner Werk herunter­
Nach der Besichtigung unserer gesamten Rohr­ zusetzen, sondern nur, um zu zeigen, daß in Gleich­
leitungen spricht sich Herr Oberingenieur Hillger, stromwerken die Verhältnisse gerade so liegen wie 
nachdem er seine Erinnerungen gezogen hat, über in Drehstromwerken. Das Werk in der Voltastraße 
die gesamten Dispositionen, wie folgt,-aus: hat 5 Tage keinen Strom abgeben können —• es war 
Bei meiner Besichtigung konnte ich Mängel vom 3. bis 7. April dieses Jahres — , und Stadt­
in der Disposition der Rohrleitungen nicht teile, so groß wie ganz Charlottenburg, haben keinen 
wahrnehmen; es war durch Anbringung ge­ Strom bekommen können, erst am fünften Tage 
eigneter Kompensationsrohre für die Wärme­ ist die Stromabgabe wieder aufgenommen worden. 
dehnung der Leitungen genügend Sorge Damals ist auch von den Berliner Elektrizitäts­
getragen, .so daß nach dieser Richtung hin ein werken eine Erklärung zu der Sache erfolgt, in der 
Mangel nicht erhoben werden konnte. Im  sich folgender Passus befindet:
übrigen ist bei sachgemäßer Ausführung der Leider gibt es solchen elementaren Ereignissen 
Rohrleitung in der Gesamtdisposition eine gegenüber keine Vorkehrungen, die den un­
große Sicherheit gegen Betriebsstörungen gefährdeten Betrieb einer Unterstation 
vorhanden, wie sie in einem großen städtischen sichern könnten.
Elektrizitätswerk durchaus am Platze ist. Also auch hier wird erklärt: elementaren Er­
Daraus, meine Herren, können Sie die Be­ eignissen gegenüber ist man machtlos.
ruhigung nehmen, daß in der Tat in unserem Werke Und, meine Herren, ein Elektrizitätswerk be­
alles in bester Ordnung sich befindet und daß die findet sich in dieser Beziehung in einer ganz anderen 
Rohrleitung nunmehr allen Beanspruchungen ge­ Lage als irgendein anderes industrielles Werk. 
wachsen sein wird. Wenn Sie es m it unseren anderen industriellen 
I n  den Blättern ist darauf hingewiesen worden, Werken vergleichen, m it den Wasserwerken, den 
daß w ir hier in Charlottenburg ohne genügende Gaswerken, so wird Ihnen auffallen, daß bei diesen 
r Reserven arbeiten. Meine Herren, wer das schreibt, Werken derartige Störungen nicht so leicht vor­
muß wirklich von der Sache unendlich wenig ver­ kommen. Das ist ganz natürlich: sie können auf 
stehen, denn wenn bei einem solchen Ereignis bereits Vorrat arbeiten. Wenn ein Wasserwerk seine 
nach b/4 Stunden der Betrieb wieder aufgenommen Reservoirs aufgepumpt hat, kann schon Erhebliches 
werden kann, so ist das ein Beweis, daß für alles passieren, ohne daß irgendein Mensch davon etwas 
reichliche Reserven vorhanden sein müssen. erfährt. Ebenso liegt es m it den Gaswerken: 
Es ist ja auch in keiner Beziehung gespart diese haben ihre großen Gasbehälter; kommt einmal 
worden. Sie wissen, daß die Ansprüche, die das eine Störung vor, so merkt das Publikum sie gar 
Elektrizitätswerk an die Geldmittel der Stadt stellte, nicht, das Gaswerk kann von dem Vorrat abgeben.
durchaus nicht bescheiden waren; Sie haben die Es ist ja ein scheinbarer Vorzug des Gleichstrom­
Forderungen bereitwillig bewilligt, und es ist alles systems, daß es sich durch Akkumulatoren gleich­
geschehen, was überhaupt geschehen konnte. Wenn falls Vorräte halten kann. Aber, meine Herren, 
w ir trotzdem zeitweise nicht m it allen Reserven ar­ für eine Stadt wie Charlottenburg würde eine 
beiten konnten, so ist das allein darauf zurückzu­ solche Einrichtung kolossale Dimensionen annehmen 
führen, daß uns die Lieferanten im Stich gelassen müssen, wenn sie nur für eine halbe Stunde aus­
haben. Die Lieferanten beanspruchen Liefer­ reichen sollte. W ir haben uns für die Straßen­
fristen von einem Jahre für große Maschinen und bahnen eine Reserve dadurch geschaffen, daß 
liefern unter Umständen nach °/4 Jahren. W ir sind unsere Betriebsleitung m it den benachbarten Werken 
fast zu jeder Zeit in  den letzten Jahren m it Bauten ein Abkommen getroffen hat, sich in solchen 
und Neueinrichtungen beschäftigt gewesen. Durch Fällen gegenseitig beizuspringen. Passiert also 
die Hochkonjunktur der Industrie sind die meisten etwas, so werden unsere Bahnen auf Berlin oder 
Lieferanten m it ihren Lieferungen erheblich in Südwest umgeschaltet und umgekehrt. Natürlich 
Verzug geraten. Dagegen ist man machtlos. vergeht darüber einige Zeit.
Trotzdem sind w ir immer auf der Höhe geblieben Die zweite große Betriebsstörung in Berlin 
und haben g r ö ß e r e  Betriebsstörungen nicht ge­ trat ca. 5 Wochen nach jenem Ereignis ein, am 
habt. 8. Mai. Damals lagen von abends 8 Uhr bis 
Nun ist weiter gesagt worden: ja, wenn w ir abends 12 Uhr die Leipziger Straße, die große 
nur den Gleichstrom hätten, der Drehstrom ist Friedrichstraße bis zu den Linden, die Linden 
unser Unglück. Meine Herren, w ir haben seinerzeit selber, das Opernhaus und das Schauspielhaus im
die ersten Autoritäten auf dem Gebiete des Elek­ Dunkeln-------------die „Macht der Finsternis" ist
trizitätswesens zu Rate gezogen; diese Herren haben im Opernhause viel vollkommener als bei uns 
uns das Drehstromsystem anempfohlen, und ich aufgeführt worden: die Salome-Aufführung
bin der Überzeugung, daß sie, wenn sie heute mußte damals unterbrochen werden, und die Leute 
gefragt würden, das gleiche tun würden. Es ist mußten m it Hilfe von Streichhölzern den Ausgang 
durchaus für Charlottenburg das Richtige. Das suchen.
Drehstromsystem arbeitet gerade so zuverlässig und Gleichstromsysteme haben auch Hamburg und 
sicher, wie das Gleichstromsystem. Störungen Bremen: in beiden Städten sind vor Jahr und Tag 
kommen bei dem einen wie bei dem anderen System große Störungen eingetreten; aber von solchen 
vor. Ereignissen nehmen die auswärtigen Zeitungen 
Nun hat man bei uns ein kurzes Gedächtnis kaum Notiz. Charlottenburg hat nur das große 
in bezug auf andere Städte. Andere Städte haben Glück, die Augen der Welt auf sich zu ziehen, und 
aber gerade in bezug auf Vorfälle in Charlottenburg wenn hier etwas passiert, wird es in die Berliner
        
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