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Periodical volume 5. Juni 1907

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1907

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Bürgermeister Matting: Meine Herren, ich glaube, handeln geglaubt hat, die sich die Entscheidung über 
daß die Gründe, die ich mitzuteilen in der Lage bin. die Vergebung städtischer Turnhallen, insoweit sie zu 
die Situation vollständig klären werden. Vorweg­ Volksschulen gehören, vorbehalten habe. Ich wurde 
schicken möchte ich, daß die Entziehung der Ge­ wurde dabei sehr lebhaft an ein Scherzwort erinnert, 
nehmigung, die vor vielen Jahren gegeben ist, nicht daß ich dieser Tage in irgendeinem Witzblatte an­
durch den Magistrat, sondern durch die S-tzuldeputation läßlich des Besuches der englischen Journalisten ge­
in Ausübung der ihr von den städtischen Kö'per- lesen habe. Einer der englischen Journalisten soll 
schaften vor einigen Jahren eingeräumten Vo ll­ einen deutschen Kollegen gefragt haben, was denn 
machten erfolgt ist. Ein Irr tu m  ist es zweifellos — eigentlich das hier soviel gebrauchte W ort „Selbst­
ich glaube, darüber hätte der Stadlv. Dr. Borchard verwaltung" bedeute. Der deutsche Kollege ant­
kaum im Zweifel sein können — , daß die Entziehung wortete: Wenn eine Stadt ihren Lehrern 20 Mark 
nur deshalb erfolgt sei, weil der Verein aus Arbeitern Zulage bewilligt, dann fragt sie beim Bezirksausschuß 
besteht; denn wenn man diese Bedenken hätte haben an. ob er das erlaubt, und wenn er es nicht erlaubt, 
können, so hätte man sie wahrscheinlich zur Geltung dann darf sie bei Herrn von Studt dagegen Rekurs 
gebracht, als es sich um die Erteilung der Erlaubnis einlegen, und wenn der Herr von Studt diesen Rekurs 
handelte, die vor einer längeren Reihe von Jahren zurückweist, so ist das eben Selbstverwaltung.
anstandslos erfolgt ist, ohne daß auch nur mit einem (Heiterkeit.)
Worte an diesen Umstande Anstoß genommen worden 
wäre. I n  der Zwischenzeit sind aber allerdings sehr Charakteristisch aber ist in dieser Antwort und in 
wesentliche neue Tatsachen zur amtlichen Kenntnis dieser Andeutung, daß die Charlottenburger Schul­
der Schuldeputation gebracht worden, und zwar schon deputation geglaubt hat, im Sinne dieser Aufsichts­
im Herbste vorigen Jahres. Die Schuldeputation behörde zu handeln, also irgendwelchen Anweisungen, 
hat trotzdem geglaubt, hier nicht von ihrem Rechte die von dort etwa kommen könnten, zuvorzukommen 
Gebrauch machen zu sollen, den sofortigen Widerruf und selbst deutlich zu dokumentieren, daß sie auch 
auszusprechen, sondern hat den Verein in dem Ge­ vollkommen davon überzeugt ist, daß, wie der Aus­
misst der ihm erteilten Erlaubnis bis zum 1. April druck des Herrn Bürgermeisters lautete, einem Ver­
dieses Jahres belasten und hat erst bei Ablauf dieser eine, in welchem ein gewisser Geist gezüchtet werde
Frist die Erlaubnis nicht erneuert. — er deutete ihn ja weiter nicht an — , die Be­
Es ist der Schuldeputation amtlich mitgeteilt nutzung städtischer Turnhallen nicht zu gestatten ist.
worden, daß aus Anlaß der Einziehung einiger M it ­ Meine Herren, der Herr Bürgermeister führte 
glieder dieses Vereins zum militärischen Dien» am aus, daß dieser Turnverein ein Rekruten-Abschieds- 
6. Oktober 1906 im Volkshause ein sogenanntes fest am 6. Oktober 1906 im Volkshause gefeiert habe, 
Rekrulenabschiedslied gesungen worden ist. welches und daß da ein Lied gesungen worden sei. Ich 
von antimilitaristischen nnd sozialdemokratischen Ten­ kenne das Lied nicht,
denzen strotzt. Wenn Sie das Lied, das ich nicht (Zurufe)
vorlesen möchte, aber das ich hier zur Kenntnis aus­ —  allerdings, ich kenne es nicht; ich werde freilich 
lege, gelesen haben werden, wird es Ihnen allerdings nachher Veranlassung nehmen, dies hoch- und staats­
vielleicht io gehen, wie auch der Schuldeputation. daß gefährliche Lied auch durchzulesen. — Ich w ill nun 
Sie fragen werden: Hane dieses Gedicht in seiner einmal von vornherein annehmen, daß in der Tat 
plumpen Form und dem kaum ernst zu nehmenden an manchen Stellen dieses Liedes eine Tendenz 
Inha lt nicht eigentlich humoristisch abgetan werden zum Ausdruck kommt, die nicht als eine sogenannte 
können, oder aber liegen die Verhältnisse wirklich so, patriotische bezeichnet werden kann. Was hat, frage ich, 
daß man dagegen ernsthaft einzuschreiten hat? Die das m it der Benutzung der städtischen Turnhallen zu 
Schuldeputation hat sich nach längerer Erwägung auf tun? Es wird doch wohl von der Schuldeputation 
den letzteren Standpunkt gestellt. Es macht zwar, und vom Magistrat nicht verlangt werden, daß die­
wie gesagt, dieses Gedicht keinen ernsthaften Eindruck, jenigen Vereine, welche die städtischen Turnhallen 
aber es zeugt jedenfalls von dem Geiste, der in der zum Turnen benutzen wollen, irgend ein Examen 
„Freien Turnerschafl" gezüchtet wird, wenn er auch über ihr Wohlvcrhalten in bezug auf politische Ge­
hier nicht gerade in besonders ernsthafter Weise zum sinnung ablegen oder irgendeine Garantie dafür 
Ausdruck gelangt. Die Schuldeputation hat infolge­ geben/daß sie sich an politischen und sonstigen Be­
dessen, auch im Sinne der Aufsichtsinstanzen, die sich strebungen. die denen der maßgebenden und herr­
ja ein Aussichtsrecht über die Vergebung der städtischen schenden Kreise nicht genehm sind, ihnen entgegen­
Schulräume vorbehalten haben, zu handeln geglaubt, gesetzt sind, nicht beteiligen, und daß sonst solche 
wenn sie diesem Vereine die Genehmigung zur Be­ Vereine die Turnhallen nicht bekommen sollen W ir 
nutzung der Turnhallen nicht wieder erteilte. — Ich sollten doch im Gegenteil meinen, daß der Magistrat 
möchte den Herrn Stadiverordnetenvorsteher bitten, Turnbestrebungen unter der Jugend, auch unter der 
das Gedicht auf den Tisch des Hauses legen zu dürfen. Arbeiterjugend, genau so zu fördern bestrebt sein 
muß wie Turnbestrebungen anderer Kreise. Würde 
(Auf Antrag des Stadtv. Dr. Borchardt erfolgt es sich um einen Mißbrauch der Turnhallen handeln, 
die Besprechung des Gegenstandes der Anfrage.) würde es sich darum handeln, daß in den Turnhallen 
beim Turnen sogenannte staatsgefährliche Lieder ge­
Stadtv. I ) r  Borchardt: Meine Herren, der Herr sungen werden, so könnte man vielleicht diesen Stand­
Bürgermeister begann seine Entgegnung auf die An­ punkt verstehen. Aber dadurch, daß der Magistrat 
frage damit, daß nicht der Magistrat, sondern die hier durch den Mund des Herrn Bürgermeisters zu 
Schuldeputation die Erlaubnis zur Benutzung der erkennen gibt, daß die Entziehung der Turnhallen 
Turnhallen diesem Vereine entzogen habe. E r schien lediglich aus dem Grunde erfolgt ist, weil außerhalb 
vielleicht damit andeuten zu wollen, daß die Schul­ der Turnhallen Mitglieder dieses Vereins sich in 
deputation nicht dem Magistrat allein unterstehe, antipatriotischem Sinne betätigt haben sollen — , 
wie er ja nachher auch noch ausführte, daß die dadurch gibt der Magistrat zu erkennen, daß er über 
Schuldeputation im Sinne der Aufsichtsbehörde zu diese Turnhallen verfügen, daß er sie vergeben w ill
        
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