Path:
Periodical volume 15. Mai 1907

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1907

221
gestellt, und die ha! Herr Gebert nicht gestellt im w ir haben aber gar keine Veranlassung dazu, — 
Aufträge des Verbandes oder der sozialdemokratischen und sie sind dann nicht angetreten.
Partei, die ja damit gar nichts zu tun hat —  ich Daß sich 100 Arbeitswillige gemeldet haben, 
kann ganz offen erklären, ich habe die Nachrichten das beweist gar nichts. Das ist nur ein Zeichen 
darüber überhaupt erst aus den Zeitungen erfahren, dafür, daß sich in Charlottenbm g —  ich weiß nicht, 
und ich glaube, die meisten meiner Parteigenossen ob es Charlottenburger sind — daß sich 100 Elemente 
auch — nicht im Auftrage irgendwelcher anderen, gefunden haben, die ihren kämpfenden Arbeits­
sondern im Aufträge der Arbeiter hat Herr Gebert brüdern in den Rücken gefallen sind.
dieses Schreiben an die Direktion gerichtet, lind  die Nun noch ein Wort über diese schreckliche 
Direktion wußte, wer Herr Gebert war, sie hatte „Anarchie"! Meine Herren, wem man das hört, 
selbst Herrn Gebert zur Sitzung zugezogen, die was der Herr Oberbürgermeister erzählt hat, — ja, 
Direktion hat selbst in ständigem Briefwechsel mit ich muß sagen: man könnte wirklich darüber lachen. 
Herrn Gebert gestanden. Hier sind die Briefe von Also es soll ein sehr schwerer Ziegelstein von einem 
der Direktion und von Herrn Gebert, sie liegen zur Bau geworfen sein. Nun, wenn solch ein Ziegelstein 
Einsicht aus! Wenn die Direktion es so hinstellt, auf den Kopf oder einen anderen Körperteil fällt, 
als ob es ein unberufener D ritte r gewesen ist, so ist der wird wohl nicht lebendig davonkommen; ich 
das nichts weiter als eine Verschleierung des wahren nehme an, daß die Maurer ihn gleich vom vierten 
Tatbestandes. Stock heruntergeworfen haben —  sonst hätte es ja 
Die Direktion soll von der Versammlung am keinen Zweck. Ein Wagen soll in einen Graben 
21. keine Kenntnis gehabt haben. Ich weiß es nicht; umgeworfen sein! lind von alledem hätte die Polizei 
m ir ist mitgeteilt, daß sie davon Kenntnis gehabt hat. nichts gemerkt, die Direktion mußte sich erst ^tti die 
Aber, meine Herren, selbst wenn sie keine Kenntnis Polizei wenden, mußte erst Strafanzeige erstatten! 
davon gehabt hätte, wo steht denn, daß man Ver­ Das glaube, wer w ill; ich bezeichne es als Ammen­
sammlungen bei der Direktion anmelden muß? Ich märchen. m it denen man erwachsenen Männern doch 
weiß bisher wohl, daß nach dem vielberühmten nicht kommen sollte. Es ist ja dank der Eigen­
preußischen Vereinsgesetz Versammlungen, in denen schaften des preußischen Staatsbürgers alles wieder 
öffentliche Angelegenheiten erörtert werden sollen, in Ordnung. Und das Schönste bei der ganzen 
bei der Polizeibehörde angemeldet werden müssen; Sache ist: Sie wissen doch alle, wie sich heute eine 
daß auch an die Direktion gegangen werden muß, gewisse Presse jedes einzelnen Falles von Terrorismus 
ist m ir neu. bemächtigt, wie er ausgebeutet wird, wie da alles 
Der Herr Oberbürgermeister sagte weiter: seit Mögliche erzählt wird, natürlich immer nur, um 
einigen Wochen hatte die Direktion bemerkt, daß gegen die Sozialdemokratie mobil zu machen, —  
unter ihren Arbeitern einzelne Hetzer sind. Also auch von diesem ganzen anarchistischen Zustand, der hier 
wieder seit Wochen bemerkt, daß einzelne Hetzer unter in Charlottenburg einige Tage bestanden hat, hat 
den Arbeitern sind, die den Frieden bedrohen! Ja, die Presse keine Notiz genommen, nicht einmal die 
meine Herren, wenn das der Fall ist, warum ru ft „Post"! Ja, das ist doch wund'erbar!
dann die Direktion das Einigungsamt nicht an? (Zuruf: „Neue Z e it!")
Warum hält sie sich nicht an den Vertrag? Ich —  Auch die nicht! Meine Herren, wenn diese 
behaupte nach wie vor, daß § 14 des Vertrages nicht Blätter, die Blätter der scharfmacherischen Kreise, 
innegehalten ist. nicht einmal Notiz davon nehmen, dann können Sie. 
Der Herr Oberbürgermeister nennt nun das ganz sicher sein, daß auch nicht soviel an der ganzen 
Vorgehen der Direktion einen geschickten Coup. Ich Geschichte ist.
habe davon durch die Zeitungen Kenntnis erhalten. Man soll nicht die ganze Sache verdrehen, 
Was steht denn in dem Anschlag? Nichts weiter, sondern w ir sollen uns an den springenden Punkt 
als daß sämtliche Arbeiter entlassen sind! Also es ist halten, und das ist die Frage, ob etwaige S tre itig­
eine Aussperrung in der allerrigorosesten A rt: eine keiten vorlagen, die zu einem Streik führen konnten. 
Kündigung ist nicht vorgesehen, bitte, ihr könnt ent­ Diese Frage muß ich ganz entschieden bejahen.
lassen werden, ihr werdet entlassen —  ob ihr morgen Und zum Schluß nur noch ein Work. Ich habe 
noch zu essen habt, das kann uns ganz gleichgültig es nach meinen langen Erfahrungen für selbst­
sein. Ja, ist es unter diesen Umständen noch ein verständlich gehalten, daß der Herr Oberbürgermeister 
Wunder, wenn sich von den 125 75 bereit erklären, sich einseitig unterrichtet. Wann hätten w ir jemals 
die Unterschrift zu leisten? Das ist Terrorismus der über eine Arbeiterfrage, über eine Differenz zwischen 
allerschlimmsten Art, der ausgeübt ist von der Ge­ Arbeitern und Unternehmern hier verhandelt, wo 
sellschaft! Sie hat den Leuten nicht gedroht m it der Herr Oberbürgermeister nicht ein einseitiges, ihm 
Ziegelsteinen, sondern mit der Hungerpeitsche; sie hat von den Unternehmern geliefertes Material hatte? 
gedroht, daß sie am nächsten Tage nichts zu essen Ich halte es für Pflicht, wenn man unparteiisch 
haben! Und unter diesem Zwange haben die Arbeiter verfahren will, sich von beiden Seiten die nötige 
die Unterschrift geleistet. Wenn also Terrorismus Aufklärung zu verschaffen, und, meine Herren, doppelt 
von einer Seite ausgeübt ist, was aktenmäßig fest­ und dreifach hat man diese Pflicht, wenn man sich 
steht, dann ist er von seiten der Direktion ausgeübt.. hinstellt und von dieser Stelle aus gegen einen 
Dann sollen am nächsten Tage nur 20 ein­ Mitbürger derartige Angriffe und Beschuldigungen 
gefahren sein, und zwar weil „Hetzer" und erhebt, ihm derartige Beleidigungen entgegenschleudert, 
„Terroristen" die andern verhindert haben. Ich wie es der Herr Oberbürgermeister Herrn Gebert 
weiß nicht, wer die Hetzer und Terroristen sind. Ich gegenüber getan hat!
hatte jeden Augenblick erwartet, daß der Herr Ober­
bürgermeister auch von Bombenwerfern sprechen Vorsteher Roscnbcrg: Ich muß feststellen, daß 
würde! Nein, meine Herren, es hat eine Ver­ nach dem, was ich von der Rede des Herrn Ober­
sammlung stattgefunden, und da werden die Leute bürgermeisters verstanden habe, direkte Beleidigungen 
sich die Sache überlegt und sich gesagt haben: ja. des Herrn Gebert darin nicht vorgekommen sind.
w ir haben im ersten Schreck die Unterschrift geleistet, (Stadtv. Hirsch: Na!)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.