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Periodical volume 17. April 1907

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1907

Stadtv. Dzialoszynski: Meine Herren, man samt sagen, daß die Verhältnisse dort nicht so schlimm 
die Ausführungen des Herrn Berichterstatters, des sind, wie sie scheinen. Daß Herr Kollege Vogel uns 
Herrn Bürgermeisters und des Herrn Kollegen einen Schuster, der den Blutsturz unglücklicherweise 
Kaufmann vollkommen anerkennen und sich gleichwohl gerade in der Steinklopfbudc bekommen hat. vorführt, 
auf den Standpunkt stellen, daß der beantragte Be­ ist auch kein so ernst zu nehmender Einwand; denn 
trag von 10000 M  bei weitem zu hoch ist. Meiner daß bet Mann den Blutsturz nicht auch wo anders 
Meinung nach trifft der Antrag Sachs das Richtige; bekommen hätte, ist nicht nachzuweisen. Daß die 
3000 M  sind nach Lage unserer Etatsverhältnisse 4 Stunden, in 2 Tagen also 8 Stunden, in der 
vollkommen ausreichend. Es gibt noch eine ganze Steinklopfbudc gerade' einen Blutsturz hervorrufen 
Reihe anderer ebenso förderungswerter Wohltätigkeits­ müßten, das kann ich nicht einsehen; ich würde aber 
anstalten wie die Kolonie Hoffmingstal. W ir müßten eines dem Magistrat noch anheimgeben: bei Herr« Pastor 
z. B. für die Ferienkolonien in Eharloltenburg viel v. Bodelschwingh die Frage zu stellen, ob für ärztliche 
nfehr tun, -als wir tun, wenn wir nach demselben Überwachung der Kolonisten etwas geschieht. Das 
Maßstabe vorgehen wollten, wie hier vorgeschlagen ist mir nicht bekannt. Soviel ich weiß, sind nur die 
wird. Ich möchte Ihnen deshalb empfehlen, meine Angestellten dort in der allgemeinen Hilfe für Unglücks­
Herren: nehmen Sie den Antrag Sachs an! fälle unterwiesen, also so einer Art freiwilliger 
Sanitätshilfe. Wenn die Kolonien Hoffnungstal, 
Berichterstatter Stadtv. I)r. Pcnzig (Schlußwort): Lvbetal, und wie sie alle heißen, sich weiter aus­
Meine Herren, mit einem solchen kleinen M ittel ist dehnen, so wird für Arzte auch gesorgt werden 
hier meines Erachtens gar nichts getan. Herr Kollege müssen.
Kaufmann hat vollständig recht: Sie haben eigentlich Herrn Kollegen Sachs gegenüber möchte ich darauf 
nur die Wahl, das Ganze anzunehmen oder abzu­ hinweisen, daß von einem Zwang nicht die Rede 
lehnen ; denn mit 3000 M  kann Herr Pastor sein kann. Herr Stadtrat Fischbeck hat das in Berlin 
v. Bodelschwingh die Sache nicht weiter führen, er auch ausgeführt; er hat gesagt: die Aufnahme in 
braucht 90 ooo Wenn Charlottenburg mit schlechtem Hoffnungstal muß eine freiwillige fein,' unter keinen 
Beispiel vorangeht, was, glauben Sie wohl, werden Umständen sollten Leute, weil sie in Hoffnungslal die 
dann Schöneberg, Friedenau und die anderen noch Arbeit abgelehnt haben, dem Richter vorgeführt 
zahlen! Tatsächlich wird die ganze Summe um ein werden. Von einem solchen Zwang ist also nicht die 
Zehntel heruntergedrückt werden, und dann braucht Rede. Herr Stadtrat Fischbeck hat auch noch aus­
man gar nicht erst anzufangen. Es wird auf andere führlich nachgewiesen, inwiefern die Bestrebungen in 
Wohlfahrtsbestrebungen hingewiesen. Gewiß, die der Kolonie Erfolg gehabt haben. Von 696 Personen 
haben sich eben ein engeres Arbeitsgebiet gestellt. sind, wie Herr Stadtrat Fischbeck in Berlin aus­
Hier ist ein ungeheures Werk, das zweifellos mit geführt hat. 313 wieder in Arbeit oder in bas Eltern­
großer Energie in Angriff genommen ist, das aber haus oder in die Familie zurückgeführt worden; 
auch entsprechend bedeutende M ittel verlangt. Das ihnen stehe» gegenüber 316, von denen nur 32 wegen 
liegt an der ganzen Sache. Da können wir nicht Verstöße aus der Anstalt entlassen werden mußten; 
mit Bedenken kommen, ob wir wohl so viel Vorteil es entfernten sich freiwillig oder sind entlaufen 36; 
davon haben werden, wie die Sache wert ist. eine Anzahl sind noch in Krankenhäuser gekommen. 
Daß Groß-Berlin übrigens doch in reckt be­ So sind 163 Personen herausgekommen. Immerhin 
deutender Weise aus vernünftigen Gründen heran­ ist die Zahl derer, die wieder in geordnete Ver­
gezogen werden müßte gegenüber der anderen Provinz, hältnisse gekommen sind, in einem Jahre doppelt so 
wird durch die Überlegung erwiesen, daß selbstver­ groß gewesen.
ständlich eine Großstadt wie Berlin eine ungeheure Meine Herren, ich will die Sache nicht weiter 
Menge von solchen Leuten anzieht, die hier durch ausführen. Sie haben sich Ihre Meinung ja bisher 
Arbeitslosigkeit in Not geraten und von hier aus bilden können. Ich möchte nur noch, da vorhin 
auf die Provinz losgelassen werden. Da ist es gerade von jener Seite auf die Notwendigkeit der 
wiederum eine Pflicht der Großstadt, daß sie die von Öbstbaumzucht hingewiesen worden ist. auch diesen 
ihr unwissentlich und unwillentlich geschaffenen Ver­ Gedanken nicht unerwähnt lassen. Gerade hier ist 
hältnisse wieder zu sanieren versucht. eine großartige Obstplantage im Entstehen, da alle 
Herr Kollege Vogel hat darauf hingewiejen, daß Arbeiten für Obftplantagen geschehen, die vielleicht 
ich meine Anschauungen geändert hätte, das vorige später mal eine gewisse Verzinsung des angelegten 
M al und vor drei Jahren eine andere Anschauung Kapitals ergeben werden
vertreten hätte als diesmal. Erstens mal finde ich: Ich bitte Sie also, dem Antrag des Ausschusses 
man verweist meines Erachtens solche Dinge an einen zuzustimmen. r
Ausschuß, um dort eben zu lernen. Wenn man von 
vornherein sagt: ich werde mich nicht ändern, dann Vorsteher Rosenberg: Von Herrn Stadtverord­
kann man sich den Ausschuß sparen. neten Vogel und noch 9 Herren ist namentliche Ab­
Unglücklich war es auch von Herrn Kollegen Vogel, stimmung über den Antrag des Ausschusses beantragt. 
darauf hinzuweisen, ich hätte bloß nach Hoffnungstal Es ist nicht ganz klar, Herr Stadtverordneter Vogel, 
zu gehen brauchen, um sogleich umzufallen. Ja worüber Sie die namentliche Abstimmung herbei­
selbstverständlich! Man hat sich einfach dort durch geführt wissen wollen: über den Zusatz des Aus­
den Augenschein überzeugt, daß die Leute sich tat­ schusses zu der Magistratsvorlage oder über den 
sächlich in guten und geordneten Verhältnissen be­ Gesamtantrag des Ausschusses.
finde». Wir haben die Leute gefragt, und sie sind (Stadtverordneter Vogel: Über den Gesamtantrag!) 
mit ihrer Lage, soweit es anging, ganz zufrieden Über den Gesamtantrag. Und Sie legen keinen 
gewesen. Wert darauf, daß über den Zusatz des Ausschusses 
Ich freue mich aber, daß Herr Kollege Vogel besonders abgestimmt wird?
heute doch einen milderen Ton gefunden hat; im 
Ausschuß hat er sich viel stärker über die Kolonie (Stadtverordneter Vogel: Nein!)
ausgesprochen. Wir können mit gutem Gewissen Es ist also eine einmalige Abstimmung. Ich lasse
        
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