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Periodical volume 22. Februar 1906

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1906

Veränderung in der Lage des Arbeitsmarktes vor zerrung hervortreten. Wenn z. B. eine große Not 
sich geht, ob die Zahl der Arbeitslosen bedeutend übers Land kommt, so wird die Zahl viel größer 
größer ist, als sie sonst zu sein pflegt, so nützt uns und schneller anschwellen, als der vorhandenen Not 
eine Arbeitslosenzählung in Zeiten der Not über­ entspricht; umgekehrt, wenn gute Zeiten sind, so wird 
haupt nichts; denn der dann ermittelten Zahl können sich selbst von den wenigen vorhandenen Arbeitslosen 
wir ja gar nicht ansehen, was sie bedeutet, wenn wahrscheinlich noch ein noch geringerer Teil melden. 
w ir sie nicht mit Ziffern aus ruhigen Zeiten ver­ Niemand wird glauben, daß der Grad genau wieder­
gleichen können. Man muß also, welches System gegeben sei; aber ein gewisser Anhalt ist dafür 
man auch annehme, häufige Zählungen vornehmen. vorhanden.
Nun scheint heute ja unter den Statistikern, die sich Aus diesen Gründen hat sich nach sehr umfang­
damit beschäftigt haben, das eine festzustehen: eine reichen Debatten in der Deputation für den Arbeits­
korrekte Zählung der Arbeitslosen allein ist überhaupt nachweis, in denen auch der gegenteilige Standpunkt 
nicht möglich. Denn festzustellen, wer arbeitslos ist, ausgiebig zur Erörterung gelangt ist, zuerst die De­
ja festzustellen, wer ein „Arbeiter" ist und wer nicht, putation — und zwar einstimmig -  und nachher auch 
ist so schwierig, das hat so viele Zweifel im Gefolge, der Magistrat dahin schlüssig gemacht, die Arbeits­
(sehr richtig!) losenaufnahmen zu veranstalten, obgleich wir von 
daß es nur ein einziges Mittel gibt, um hier zur vornherein wußten, daß wir damit nicht die Z a h l 
Korrektheit zu gelangen, nämlich alle Menschen zu der Arbeitslosen, sondern nur die Veränderungen 
zählen und bei jedem einzelnen zu bemerken, ob er dieser Zahl statistisch einigermaßen beleuchten, und 
ein Arbeiter ist, und ob er arbeitslos ist. zwar dachten wir uns: wenn wir auf diese Art 
(Sehr richtig!) sehen, wieviel Arbeitslose in ruhigen Zeiten vorhan­
Also nur, wenn mau die Kontrolle des Gegen­ den sind, so werden wir ja bei einem etwaigen An­
teils hat, wenn man auch die Zahl der Nichtarbeiter schwellen der Zahl schon früh ein gewisses Warnungs­
und die Zahl der Beschäftigten hat, nur dann kann signal haben. W ir sind also der Meinung gewesen, 
man sagen: die Aufnahme der Arbeiter und die daß diese Aufnahmen etwa den Dienst leisteten wie 
Aufnahme der Arbeitslosen jist korrekt. Oder mit eine Wetterwarte, und daß sie als Sturmsignale 
anderen Worten: wer eine statistisch unanfechtbare allenfalls benutzt werden können.
Arbeitslosenzählung haben will, der muß dazu eine Herr Stadtv. Dr. Borchardt hat Ihnen bereits 
Volkszählung veranstalten (oder wenigstens eine so­ die Geschichte dieser Arbeitslosenaufnahmen kurz 
genannte Personenstandsaufnahme). Damit ist der dargelegt. Es haben 6 Aufnahmen stattgefunden, 
statistisch korrekten Methode das Urteil gesprochen. je 3 in jedem der beiden Jahre 1904 und 1905. 
Denn es ist eben nicht möglich, soviele Volkszählungen Als die erste Arbeitslosenaufnahme im Februar 1904 
oder soviele Personenstandsaufnahmen zu machen, stattgefunden und 350 gemeldete Arbeitslose ergeben 
daß man ausreichend häufiges fortlaufendes Material hatte, sagte man sich allgemein — den Veranstaltern 
erhalten könnte. war dies nichts Neues, aber denen, die die Ziffer 
W ir müssen also, wenn w it an dem Erfordernis hörten, war das etwas Neues — : das sind ja
festhalten, daß wir häufig zählen nnd häufiges ver­ natürlich nicht alle Arbeitslose, nnd man sollte darauf 
gleichbares Zahlenmaterial bekommen müssen, zu ausgehen, bis an die wirkliche Ziffer näher heran­
einem anderen M ittel greifen. Es ist gar nicht zugehen.'? Ein durchaus berechtigtes Bestreben! Denn 
erforderlich für die Beurteilung der Lage des Arbeits­ wenn diese Aufnahmen stattfinden, so sollen die Be­
marktes, die wirkliche*sZahl der Arbeitslosen zu teiligten bestrebt sein, möglichst viele zu solchen Mel­
wissen, sondern es ist nur erforderlich, die V e r­ dungen zu veranlassen. Und da sagte man sich: 
änderungen dieser Ziffer zu wissen. Wir müssen dieses System, obgleich es immer unvollkommen 
wissen, ob die Zahl der Arbeitslosen zu- oder ab­ bleiben wird, ist gleichwohl einer Verbesserung inner­
genommen hat, ob sie größer oder kleiner geworden halb des Rahmens seiner Unvollkommenheit fähig. 
ist. Danach können wir uns ein Urteil bilden, auch Man braucht sich nicht damit zu begnügen, wie man 
wenn die ermittelten Zahlen gar nicht mit der Zahl es bei dieser Aufnahme getan hatte, Urnen aufzu­
der Arbeitslosen identisch sind. M it anderen Worten: stellen, in welche die Arbeitslosen ihre Zählkarten 
W ir wollen nur Sym ptom e der Zu- und Ab­ einwerfen konnten, sondern man kann sich auch mit 
nahme kennen lernen. Da haben wir uns an das freiwilligen Helferu in Verbindung setzen, die in die 
System angeschlossen, das in Stuttgart befolgt Häuser gehen und die Formulare verteilen in weite­
worden ist, und das man zum Unterschiede von den rem Umfange, als dies bei der ersten Aufnahme 
Arbeitslosenzählu ng en strengeren S tils  etwa Arbeits­ geschehen konnte. Das ist auch von der zweiten 
losenmeldungen nennen könnte. Man macht be­ Aufnahme an erfolgt.
kannt: jeder Arbeitslose kann sich beim Magistrat Ich will Ihnen nun diese 6 Ziffern in einer ein 
melden,^um^'gezählt zu werden; man stellt auch klein wenig anderen Art geben, indem ich bei jedem 
Karten zur Verfügung, die von den Arbeitern selbst der drei Monate die beiden Jahre neben einander 
unter ihre Kameraden verteilt werdenk önnen, und stelle:
wenn die Karten an das statistische Amt zurück­ Februar 350 und 583,
kommen, so werden sie gezählt. Sind viel Arbeits­ Ju li 247 und 146,
lose da, so werden'jsich auch verhältnismäßig viele November 485 und 72.
melden; sind wenig Arbeitslose da, so werden sich Es hat also nur daS erste M al eine Vermeh­
natürlich wenige melden. Niemand wird glauben, rung stattgefunden, wo eben jene starke Verbesserung 
daß die Zahl der gemeldeten mit der Zahl der wirk­ in der Art der Aufnahme noch eine Nolle spielte, 
lich vorhandenen Arbeitslosen identisch sei; denn es wo also die Vergleichbarkeit noch nicht vorhanden
melden sich natürlich nicht alle. Aber je nachdem war. Bei den beiden anderen Ziffern im Ju li und 
diese Zahl sehr stark zunimmt oder sehr stark ab­ November ist im Jahre 1905 jedesmal weniger ge­
nimmt, wird man auf Veränderungen in der Lage zählt worden als im Jahre 1904. Und wenngleich 
des Arbeitsmarktes schließen können. Diese Ver­ wir nun nicht etwa der Meinung sind, daß die A r­
änderungen werden vielleicht in einer gewissen Ver­ beitslosigkeit im November im Verhältnis von 485 : 72
x.
        
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