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Periodical volume 5. Dezember 1906

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1906

feiern und die Beisetzung der Urnen unter der Erde der andern Seite w ird angegeben, daß auf 600000 
stattfinden zu lassen. Es ist das möglich dank der Leichen eine Ausgrabung etwa stattfindet. Diesen 
technischen Fortschritte der letzten Jahre. Meine Zahlen gegenüber kann man doch nicht die einzelnen 
Herren denken S ie nur an einen Raum von der S tra ffä lle  so in den Vordergrund stellen, sondein 
Größe eines Untergrundbahnhofs und berechnen Sie muß sagen: die Menschen haben doch in erster L in ie 
sich einmal, wieviel Urnen dort beigesetzt werden das Recht, ihren Anschauungen nach behandelt zu 
können! Es geht in  die Hunderttausende. Ich werden. Sonst könnte man m it demselben Recht 
habe selbst eine kleine Rechnung darüber aufgemacht. auch das Automobilfahren verbieten, weil neuerdings 
D ie  Herstellungskosten eines solchen Raums sind es sich herausgestellt hat, daß manche Leute ein 
natürlich erheblich. Aber wenn w ir hören, daß Automobilunglück als unauffälliges Verfahren be­
das Terrain fü r den Gemeindekirchhof bei der nutzen, um Selbstmord zu begehen, ohne daß die 
Jungfernheide 6 M illionen  kosten soll, dann wird Versicherungssumme fü r ihre Angehörigen verfällt. 
man zu der Überzeugung kommen, daß m it einem Ähnliche Beispiele könnte man mehrere anführen. 
solchen Aufwande die Anlage umfassender Hallen Außerdem kann man auch darauf hinweisen, daß 
unter der Erde bewirkt werden kann, ohne daß Justizmorde auf Grund von Ausgrabungen statt­
Schwierigkeiten entstehen. Terrainkosten kommen gefunden haben. M ir  ist wenigstens ein F a ll m it­
ja  nicht in  Frage, da die Hallen unter großen geteilt worden, in  dem infolge der falschen chemi­
Plätzen, auch unter Kirchen angelegt werden konnten. schen Analyse der gefundenen G ifte ein M ann ver­
Denken S ie  sich dort eine Kapelle eingerichtet, wo u rte ilt und erst infolge der Entdeckungen eines 
der Geistliche, frei von allem Lärm, ' seine Rede italienischen Professors über die Leichengifte, die 
halten kann, wo das Publikum, geschützt gegen Wind Ptomaine, später freigesprochen worden ist, weil es 
und Wetter, nicht den Übelständen der heutigen sich nicht um Pflanzengifte gehandelt hat, sondern 
Kirchhöfe ausgesetzt, der Leichenfeier beiwohnen kann, um die Leichengifte, die Ptomaine.
und denken S ie  sich auch, daß dort die Urnen dann Nun ein viel wichtigerer Punkt! D ie preußische 
in  den Nischen beigesetzt werden, und daß man sie Regierung müßte ja, wenn sie konsequent wäre, um 
jederzeit in  Ruhe und bequem besuchen kann: ich derartige Morde zu verhindern, doch nicht nur ver­
glaube, S ie werden die Vorteile dieser A r t der bieten.' daß in  Preußen Leichenverbrennungen statt­
Beisetzung nicht verkennen können. Und, meine finden, sondern sie müßte v e r b i e t e n ,  d a ß  e i n  
Herren, eine Feierlichkeit, eine unbeschreibliche Schön­ p r e u ß i s c h e r  S t a a t s a n g e h ö r i g e r  sich ve r­
heit könnte darin liegen. D ie Kapellen könnten b r e n n e n  l ä ß t .  N u r wenn sie das verbietet, wenn 
würdig ausgestattet werden — leider nicht m it die preußischen Staatsangehörigen sich also nicht 
Blumen, das gebe ich von vornherein zu; echte verbrennen lassen dürften, dann kann sie erreichen, 
Blumen würden sich dort unten nicht halten, was sie erreichen w ill. Denn sie kann ja keinen 
wenigstens nur wenige. Aber trotzdem würde es Menschen verhindern, auf Grund der vorliegenden 
möglich sein, eine würdige Ausschmückung herzustellen. Gesetze, sich in  Gotha oder Hamburg oder sonst wo 
Manche Herren werden in  ihrem In n e rn  über verbrennen zu lassen; und daß jemand, der ein 
diesen Gedanken lächeln. Ich habe indes im münd­ Verbrechen begehen w ill, um eine Erbschaft zu er­
lichen Gespräch m it manchen Gegnern der Feuerbe­ halten von Tausenden von M ark oder von Hundert­
stattung im Laufe der letzten Jahre die Erfahrung tausenden oder von, M illionen, oder um einen Haß 
gemacht, daß bei längerer Überlegung gerade dieses zu befriedigen, daß es dem auf die 200 M ark Bahn­
Moment sie zu Freunden der Feuerbestattung um­ kosten ankommen soll, meine Herren, das glaube, 
gewandelt hat, und ich möchte auch nicht verschweigen, wer w ill, ich nicht.
daß, wie m ir in  den letzten Tagen zu Ohren ge­ Nun kommt in  Betracht, daß die Anhänger der 
kommen ist. ein Versuch in  dieser Richtung in Feuerbestattung im Zusammenhang m it der Forde­
allernächster Zeit gemacht werden soll. und zwar in rung ihrer Zulassung den Wunsch ausgesprochen 
der S tad t S tettin . D ie S tad t S te ttin  legt einen haben, daß die obligatorische Leichenschau eingeführt 
Gemcindeftiedhof an m it Urnenhain über der Erde wird, in dem Sinne, daß nicht der gewöhnliche Arzt, 
und m it Urnenhalle unter der Erde, soviel m ir von sondern ein beamteter A rzt den Totenschein auszu­
einem S tettiner mitgeteilt worden ist. stellen hat in seiner Qualifikation als Beamter. 
Nun sagen die Geistlichen vielfach —  ich habe M an kann ja diese Qualifikation sämtlichen Ärzten 
m it orthodoxen Geistlichen darüber gesprochen, die erteilen: aber der A rzt muß sich in  dem Moment, 
sich auf diesen Standpunkt gestellt haben — : w ir sind wo er den Leichenschein ausfüllt, bestimmte Fragen 
es ja  gar nicht, die dagegen sind, das sind die beantwortet, die auf dem Leichenschein stehen müßten, 
Juristen. Und die Juristen allerdings sagen immer: bewußt sein, daß er als Beamter handelt. Wenn 
das sind ja  die Geistlichen. Wie Ihnen  bekannt ist, das geschieht, und wenn man, wogegen ich persönlich 
meine Herren, w ird immer angeführt, daß man bei gar nichts einzuwenden hätte, den Zusatz machte, 
Einführung der Feuerbestattung nicht in dem Maße daß in Zweifelsfällen eine Sezierung der Leiche er­
wie bei der Erdbestattung verhindern könnte, daß folgen muß. dann würden viel mehr Verbrechen 
Verbrechen unentdeckt bleiben. Es ist bei den Ver­ entdeckt werden, als heute bei der Erdbestattung und 
handlungen im  Abgeordnetenhause schon oft darauf bei der heutigen A r t der Ausstellung des Toten­
hingewiesen worden, daß die Zahl der Verbrechen scheines. Ich glaube, darin werden S ie m ir zu­
eine ganz verschwindende ist. deren Entdeckung eventuell stimmen müssen.
durch Ausgrabung erfolgen kann. Es sind in  den Nun ist in  den früheren Debatten auch von den 
Jahren 1902 bis 1904, wenn ich recht berichtet bin, Kosten gesprochen worden. Es ist von dem Herrn 
15 Todesurteile auf gründ von Ausgrabungen Oberbürgermeister hervorgehoben worden, daß die 
gefällt worden. Es ist aber dem Wunsch der Freunde Feuerbestattung sich sehr b illig  stellt. Nach den 
der Feuerbestattung, das Aktenmaterial einsehen zu neuesten Angaben stellt sie sich in  P aris  fü r den 
dürfen, nicht entsprochen und daher nicht möglich Einzelfall auf drei Franken; in  Japan noch billiger, 
gewesen festzustellen, wie viel Todesfälle durch G ift, das ist aber eine andere A rl der Feuerbestattung, zu 
wie viel durch Gewalt veranlaßt worden sind. A u f der man hier kaum kommen könnte; im übrigen ist
        
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