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Periodical volume 5. Dezember 1906

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1906

da sie zur gesteigerten Erwerbstätigkeit genötigt genossen noch iooo JC für bare Unterstützungen 
gewesen waren. wenn anders das Selbststillen nicht zu ermöglichen ist 
Das 'meint auch Herr Dr. Bendix, ebenso wie auszuwerfen, und zweitens noch 2000 .ic zur Er­
andere Ärzte. Das Liter Milch ist ja sehr angenehm, richtung von je 2 Betten in den Fürsorgestellen zur 
wenn sie es bekommen; aber diejenigen, die auf ge­ augenblicklichen Verpflegung von akut kranken Säug­
werbliche Arbeit angewiesen sind, können deshalb lingen. Ich bitte, die Anträge anzunehmen.
nicht auf die Arbeit verzichten und sind daher nicht 
imstande, ihre Kinder zu stillen; ja sie sind sogar Bürgermeister Matting: Meine Herren, wenn 
genötigt, so bald wie möglich wieder auf Arbeit zu ich mich in meiner Verwaltung jemals gefreut habe, 
gehen,'früher, als sie eigentlich sollten. Nach der mit unseren Bürgerinnen zusammen zu arbeiten, so 
Gewerbeordnung ist eine Schonzeit von 6 Wochen ist es in der Arbeit für die Säuglingsfürsorgestellen 
vorgeschrieben; die können viele aber gar nicht ab­ gewesen.
warten, weil sie nicht wissen, wovon leben! sie (Bravo!)
müssen oft 4 Wochen, 3 Wochen, ja 14 Tage nach Denn hier erkannte der Mann sehr bald die Grenze 
der Entbindung schon wieder arbeiten gehen, und seiner Fähigkeit und seiner Erfahrungen. Ganz be­
wenn sie an derselben Stelle nicht wieder an­ sonders habe ich mich über diese Zusammenarbeit 
genommen werden, weil die Zeit seit der Entbindung gefreut, als es sich um die Erörterung der S till­
noch zu kurz ist, so gehen sie an eine andere Stelle. prämien handelte. Schon als wir das erste M al 
Diesem Übelstand wird mit dem Liter Milch nicht über die Frage der Stillprämien mit den Damen 
abgeholfen; da ist durchaus eine bare Beihilfe not­ unserer beiden Vereine verhandelten, stießen wir mit 
wendig. Es ist auch in der gemischten Deputation der Anregung bezw. dem Wunsche, erhebliche Bar­
— dessen wird sich der Herr Bürgermeister ent­ mittel in Gestalt von Stillprämien aufzuwenden, auf 
sinnen — vorgeschlagen worden, etwa bis zur Höhe den lebhaften Widerspruch fast sämtlicher Damen. 
von 6 M  — nicht durchgängig soviel, aber bis zu Die Damen sagten uns — und sie haben Wort ge­
diesem Satze — die Mütter zu unterstützen; wenn halten — mit Stecht: wir machen uns anheischig, 
man die Frau bestimmen kann, bei einem geringeren und es wäre schlimm, wenn es uns nicht gelingen 
Satze schon ihr Kind zu stillen, dann ist es ja gut, sollte, auch ohne eine Barunterstützung die Frauen 
aber bis zu 6 JC hatte sich die Deputation geeinigt. zum Selbststillen zu veranlassen. Der Erfolg ist 
Die Deputation hatte überhaupt vorgeschlagen, gleich schon nach einem Jahre nach allgemeiner Auffassung 
von vornherein 30 ooo M  dafür in den Etat ein­ außerordentlich erfreulich. Sie sehen aus unserer 
zusetzen. und zwar zur Hälfte zur Ermöglichung Vorlage, daß wir bereits in diesem Jahre mehr als 
kräftiger Ernährung Schwangerer, zur Hälfte für 12oft, der Frauen, die die Fürsorgestellen besuchen, 
stillende Mütter; das hat der Magistrat dann auf dahin gebracht haben, daß sie selbst stillen. Selbst­
die Hälfte reduziert. verständlich ist damit das Ende noch nicht erreicht. 
Darum möchte ich dringend bitten, daß die W ir erwarten ja einen viel höheren Prozentsatz der 
Mütter auch auf andere Weise unterstützt werden, selbststillenden Mütter. Als wir die Stillprämien
um ihnen das Stillen zu ermöglichen. W ir geben hier zum eisten Mal in der Versammlung erörterten, 
viele Summen für andere Zwecke aus, deren Wohl­ schwebte uns eine Zahl von 50% vor. Nun, wenn 
tätigkeitsziel nicht so ins Auge fällt wie gerade hier. man den Erfolg an dieser Zahl mißt, wird man 
Ich glaube, es würde nicht schwer sein, auch noch vielleicht noch nicht zufrieden sein können; aber Sach­
weitere iooo JC auszugeben, um die Mütter noch verständige — und da kann ich mich wieder auf die 
in anderer Weise zu unterstützen als durch ein Liter Fürsorgestellenärzte beziehen — sind mit dem Erfolge 
Milch, d. h. mit Geld. ihrer bisherigen Arbeit nach dieser Richtung hin 
M ir  haben ferner mehrere Arzte der Fürsorge­ durchaus zufrieden.
stellen, auch Herr Dr. Bendix, lebhaft ihr Bedauern Gewiß, meine Herren, kann ich mehr erreichen, 
darüber ausgesprochen, daß noch immer keine Station viel mehr, vielleicht in sehr kurzer Zeit, wenn ich 
für akut kranke Säuglinge errichtet worden ist; und eine besondere Prämie noch in barem Gelde auf das 
es wäre so leicht, sagen sie, gerade in den Fürsorge­ Selbststillen setze. Daß das ein besonders ideeller 
stellen selbst, die genügend geräumig sind, daß man Standpunkt wäre, wird man nicht behaupten können. 
ruhig 2 Betten für den Fall hinstellen kann, daß Aber selbst das in Kauf genommen, man muß eben 
einmal ein Fall akuter Krankheit vorkommt. Wenn mit den Verhältnissen der Welt rechnen, mit den 
ein solches Kind nicht sofort in Behandlung ge­ realen Verhältnissen, und manchmal auf ideale Ge­
nommen wird, so ist es schnell verloren. Die Kosten sichtspunkte verzichten: was der Herr Stadtv. Vogel 
sind dann wohl etwas größer, aber unerschwinglich jedoch mit 1000 JC — sage und schreibe: eintausend 
sind sie nicht; es brauchen nur 2 Betten vorrätig Mark — fiir Barzahlungen in Gestalt von Stillprämien 
gehalten zu werden, die ganz gut untergebracht werden machen will, das ist mir absolut unverständlich. 
können — hat mir Herr Dr. Bendix versichert. Meine Herren, Sie sehen, daß wir im Monat Oktober 
Deshalb möchte ich beantragen, daß außer den über 1600 JC an Stillprämien in Gestalt von 
in der Vorlage beantragten Beträgen noch iooo JC Milch ausgegeben haben. Es kommt, wie errechnet 
für bare Unterstützungen für stillende Mütter aus­ worden ist, etwas über 11 JC auf die stillende 
geworfen werden. Gegen bare Unterstützungen Mutter bei einer Gewährung von 1 bis 2 l Milch 
haben freilich viele einen Horror, ja gegen jede auf 13 Wochen. 11 Mark pro Mutter auf 13 Wochen 
andere Gabe als durch das Armenamt. Hat man ist rund 1 Mark auf die Woche, schon etwas reichlich 
sich doch dagegen gesträubt, Kindern unentgeltlich gerechnet. Herr Stadtv. Vogel rechnet mit 6 JC 
eine Zahnbürste zu geben, indem man prophezeite, Baarunterstützung, will aber mit sich handeln lassen 
das sei der erste Schritt in den Zukunftsstaat. und hat gesagt, es wären vielleicht auch 3 JC unter 
Meine Herren, wir schreiben doch das zwanzigste Umständen ausreichend. Die Fälle aber, in denen 
Jahrhundert schon, nicht das achtzehnte oder siebzehnte! ihm 3 J i ausreichend erscheinen würden, wären 
W ir schreiten doch immer vorwärts in die Zukunft! wahrscheinlich zu zählen; in der großen Mehrzahl 
Ich beantrage also im Namen meiner Fraktions­ würde man mit 6 JC rechnen müssen. Nun, bitte,
        
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