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Periodical volume 10. Januar 1906

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1906

gut, daß Herr Kollege Spiegel hier Bedenken geltend Damals hieß es, ein solches Grundstück sei nicht vor­
gemacht hat, die ich zwar nicht alle im einzelnen teile. handen. Jetzt mit einem male ist ein solches Terrain 
Im  übrigen stehen wir der Vorlage nickt unsym­ vorhanoeu, und es ist kostenlos vorhanden! Ja. es 
pathisch gegenüber, und ich würde mich freuen, wenn ist jetzt mit einemmale eine plötzliche Erleuchtung 
wir Gelegenheit hätten, Ihnen im Anfang des Jahres über den Magistrat gekommen und wahrscheinlich 
ebenfalls eine Freude zu bereiten, indem wir der auch über die Stadtverordnetenversammlung, welche 
Vorlage zustimmen, unseren echten und wahren Pa­ sich dahin aussprechen wird, wie der Magistrat es 
triotismus dokumentieren und vor aller Augen de- tut, daß es sich um eine in nationaler Beziehung 
monstrieren. hervorragend wichtige Frage handele. Meine Herren, 
(Bravo!) wir sind gar nicht müde geworden, diesen wichtigen 
Freilich verstehen wir unter Patriotismus etwas Punkt immer zu betonen; aber damals ist die Ein­
anderes als die große Korona hier. Unser Patriotis­ sicht für diese Frage oder wenigstens der Wille dafür 
mus besteht nicht in der Verehrung nock so hoch viel geringer gewesen als heute. Wenn man nun 
stehender Persönlichkeiten, ist nicht verquickt mit ein­ sieht, wie wir unbedeutenden einfachen Bürgersleute 
zelnen Persönlichkeiten; wir verstehen unter Pa­ in solchen Dingen wenig Glück haben, wie es aber 
triotismus das, was der Allgemeinheit, dem Volke, nur eines kaiserlichen Wunsches bedarf, und wenn 
dem Vaterlande zum Nutzen gereicht. man Ih r  Verhalten in solchen Fragen diesem kaiser­
(Sehr richtig! bei den Liberalen.) lichen Wunsche gegenüberhält, dann möchte man sich 
Das deckt sich nicht immer. Wenn cs sich in diesem beinahe versucht fühlen, monarchisch zu werden.
Falle zufällig deckt, wenn Sie der Sache ihre Zu­ (Heiterkeit!)
stimmung geben, wie wir vermuten, nicht aus sach­ Aber mögen Sie schließlich zu der Frage stehen, 
lichen Gründen, sondern aus persönlichen, — — wie Sie wollen, mögen Sie den Antrag annehmen 
(Glocke des Vorstehers.) ans sachlichen Gründen, damit etwas geschieht für 
Borstehcr Rosenberg (unterbrechend): Ich bitte, das Publikum, oder aus höfischen Gründen, — uns 
Herr Stadtv. Dr. Zepter, der Versammlung nicht kann es recht sein; wir werden das Gute nehmen, 
Motive unterzuschieben, zu denen sie sich nicht be­ in welcher Form auch immer, wir werden, wenn 
kannt hat. wir die Sache geprüft und für gut befunden haben 
werden, unsere Zustimmung geben trotz des höfischen 
Stadtv. Dr. Zepter (fortfahrend): — immerhin Mäntelchens, das Sie der Sache umgehängt haben.
aus Ihrer Art patriotischen Gründen die Zustimmung Dann möchte ich noch eine Bemerkung machen. 
geben, so kann uns das nicht hindern, unsererseits Zunächst möchte ich an den Magistrat die Aufforderung 
eventuell der Vorlage, wenn sie im Ausschuß noch richten, über diese Frage doch nicht die Frage der 
einmal geprüft sein wird, auch unsere Zustimmung Arbeiterwohnungen vollständig bei Seite zu schieben. 
zu geben, der Sache wegen. Aach dem Wortlaut dieses Antrages und nach dem 
Immerhin kann ich nicht umhin, noch einige Kontrakt mit der Kirchengemeinde würde allerdings 
Bemerkungen hier zu machen. jetzt keine Verpflichtung mehr vorliegen, Arbeiter- 
M it ,  ähnlichen Gegenständen wie die Vorlage wohnungen auf dem verbleibenden Rest des Grund­
haben wir uns hier schon seit Jahr und Tag sehr stücks zu errichten. Aber wir hoffen doch bei der 
eifrig beschäftigt. Da war die Bereitwilligkeit der großen Notwendigkeit der Arbeilerwohnnngen. daß 
Versammlung und des Magistrats keineswegs so sie nicht außer Augen gelaffen werden.
groß, vor allen Dingen nicht so schnell wie in dem Ferner möchte ich zu der Begründung des An­
vorliegenden Falle, und schließlich hat der schmerzlich trages durch den Magistrat etwas erwähnen. Es 
kreißende Berg ein winziges Mäuslein geboren. M it beißt da inbezug auf die Frage des natürlichen 
Not und Mühe ist es gelungen, in der letzten Kom­ Stillens, daß Bequemlichkeit oder Unwissenheit das 
missionssitzung, die sich mit dieser Frage beschäftigte, Publikum daran hindert, der Pflicht, zu stillen, nach­
es dahin zu bringen, daß dem Antrage zugestimmt zukommen. Kein Wort davon, daß auch soziale 
werde, daß vom nächsten Jahre an in den Etat Gründe, hauptsächlich sogar soziale Gründe die 
20000 J i eingesetzt werden sollen zu Unterstützungen Hinderung bilden! Gewiß kommen auch Bequem­
für arme stillende Mütter. lichkeit und Unwissenheit in Betracht, Bequemlichkeit 
Ferner will ich ich Ihnen vorhalten, daß in den insbesondere in den oberen Ständen; aber die soziale» 
Fürsorgestellen für Säuglinge noch jüngst in unserem Gründe hat der Magistrat hier übersehen, — gerade 
Kreise — Herr Kollege Bauer hat das angeregt --- als ob wir nie über diele Sache gesprochen hätten! 
die Güte der Milch angezweifelt wurde, und wenn Ich kann mir nicht denken, daß der Magistrat so 
jetzt auch.eine gewisse Wandlung in der Beziehung unachtsam an unseren langen Verhandlungen vor­
eingetreten ist, jo haben wir doch immer noch keine übergegangen ist, ich möchte beinahe meinen, daß eine 
Garantie dafür, daß wir wirklich ganz einwandfreie, Absicht hierbei vorgelegen hat. Fürchtet der Magistrat 
d. h. gute, nahrhafte, bakterienfreie Milch verabreichen. vielleicht, indem er diese Notlage anerkennt, sich zu 
Um etwas Gründliches zu schaffen, hatten wir zu verpflichten, wenn später bei dem Etat unser Antrag, 
Anfang im Sinne, daß die Stadt selbst einen Kuh­ eine Unterstützung für stillende Mutter zu geben, be­
stall errichten solle, um wirklich eine Garantie zu sprochen werden wird?
haben, daß etwas Gutes geboten wird. Als wir da­ Ich hatte Herrn Kollegen Spiegel gegenüber ge­
von aber in der Stadtverordnetenversammlung sprachen, sagt, daß ich nicht in allen Punkten die Bedenken 
da wurde das als etwas ganz Unerhörtes aufgenommen, teile, die er ausgesprochen hat. Die Hauptsache ist 
sodaß weiterhin keine Rede mehr davon sein konnte. aber, daß etwas Gründliches geschieht. Es gibt ja 
W ir haben dann in der Kommission wiederholt die nichts mehr, was unter Ausschluß der Öffentlichkeit 
Anregung gegeben, man möchte doch dem Antrag geschieht; die öffentliche Kritik wird ja immer noch 
einer Milch produzierenden Genossenschaft hier in platzgreifen können. Unter welcher Form auch immer, 
Charlotteuburg stattgeben, die einen Kuhslall errichten es wird etwas geschehen, und wir werden unser Ein­
und sich unter städtische Aufsicht stellen wollte, ihr spruchsrecht nach Möglichkeit wahren müssen.
ein städtisches Terrain für diesen Zweck herzugeben. Herr Kollege Spiegel sagte, daß hier speziell der
        
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