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Periodical volume 3. Oktober 1906

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1906

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gekommen am 29. August. Unsere Hochbauverwal- Herrn Polizeiinspektor zusammen noch einmal auf 
inng hat von dem Unfall erst am 30. August durch die Baustelle gegangen. Ih m  ist von Herrn Bau­
die Zeitungen Kenntnis erhalten. Es ist infolge­ inspektor Lange dort im allgemeinen auch — „im  
dessen. da Herr Baurat Schmalz erkrankt war, sein wesentlichen" drückt er sich aus —  der Vorgang, wie 
Vertreter, Herr Bauinspektor Winterstein, sofort nach­ er hier in dem eben von mir verlesenen Protokolle 
dem er die Zeitungsnotiz des Morgens gelesen hatte, geschildert ist, bestätigt worden. Nur hat ihm Herr 
auf den Bau gegangen in der Absicht, die Ursache Bauinspeklor Lange gesagt, es sei doch wünschens­
des Unfalles festzustellen. Die Ursache des Unfalles wert. daß die Rüstungen, wie sie da ständen, etwas 
hat er nicht mehr feststellen können, da die Rüst­ versteift würden,
hölzer bereits zum Teil beseitigt waren, nachdem die (Stadtv. Hirsch: Hört, hört!) 
Königliche Baupolizei, die zuständige Behörde, schon da sie nicht an allen Stellen einwandfrei seien. I n ­
am Tage des Unfalles die Oertlichkeit besichtigt und folgedessen hat Herr Bauinspektor Winterstein ange­
die Erlaubnis zur Wegnahme der Rüsthölzer erteilt ordnet, daß sofort noch die wünschenswert erscheinenden 
hatte. Herr Bauinspcktvr Winterstein ist dann so­ Verstärkungen angebracht werden, und das ist sofort 
gleich auf die Polizei gegangen, um sich m it dem in Übereinstimmung mit dem Bauunternehmer er­
betreffenden Dezernenten, Herrn Polizeibauinspektor folgt.
RegierungSbaumeister Lange, ins Benehmen zu setzen Wen nun die Schuld trifft, meine Herren, darüber 
und festzustellen, wie die Sache liegt. Ich komme gehen die Ansichten auseinander. Die Bauunter­
darauf nachher zurück. Gleichzeitig hat Herr Bau­ nehmer sagen am Schluß ihres Berichtes:
inspektor Winterstein die Unternehmerfirma, die den Nach unserer Überzeugung ist die Schuld an 
ganzen Bau zu leiten hat, also die Firma Heilmann dem Unglücksfall auf selten der Arbeiter zu suchen. 
und Littmann in Berlin, und auch die beiden Firmen, Sie sagen nämlich, daß die Arbeiter wissen müssen, 
welche die Spezialarbeiten, die Putzarbeiten und die daß solche Gerüste nicht gebaut sind aus Stein und 
Malarbeiten zu vollführen hatten, ersucht, einen Be­ Erz. sondern aus Holz. und daß sie nicht übermäßig 
richt über die Sache zu machen. Dieser Bericht ist belastet werden dürfen, und daß eine Schuld der 
erstattet worden unv tautet folgendermaßen: Arbeiter darin zu suchen sei. daß 11 Personen mit 
Auf der 6,10 m hohen Jnnenrüstung waren den Materialien zu gleicher Zeit auf die gleiche Stelle 
3 Spanner und 3 Putzer von der Firma August des Gerüsts gegangen seien; darin liege eine Unvor­
Krauß und 1 Putzer von der Firma Bäthge sichtigkeit. Die Unternehmer also schieben die Schuld 
beschäftigt; an dem Gerüsteinsturz den Arbeitern zu.
—  das waren also 7 Personen — Nach dem Bericht, der m ir von Herrn Bau­
außerdem war die Rüstung mit 5 Sack Gips inspektor Winterstein zugegangen ist, und nach mehr­
und einigen Kästen Mörtel belastet. Während facher Rücksprache mit ihm kann ich mich auf diesen 
die Leute bei der Arbeit waren, kamen 4 Mörtel­ Standpunkt der Unternehmer nicht stellen. Nach 
träger, m it großen Mollen von Mörtel beladen, meiner persönlichen Auffassung der Dinge ist hier eine 
auf die Rüstung Schuld der Unternehmer immerhin vorhanden. Wenn 
—  das waren also 11 Personen — Herr Bauinspektor Winterstein und Herr Bauinspektor 
und warfen den Mörtel kurz hintereinander Lange erklären, daß es wünschenswert sei, daß die 
aus. Sei es nun, daß alle diese Leute nahe Rüstung noch versteift werde, so ist damit meines 
bei einander standen oder auch die Materialien Erachtens nachgewiesen, daß die Unternehmer bei dem 
nahe bei einander gelegen haben, oder sei es, Aufbau des Gerüstes doch nicht die notwendige Sorgfalt 
daß die Mörtelträger die großen Lasten gleich­ angewendet haben, die bei dem ungeheuer großen 
zeitig oder kurz hintereinander auswarfen, ge­ Gerüst, das über 6 rn hoch war, doppelt und dreifach 
nug. unter der großen Last dieser Personen hätte angewendet werden müssen.
und Materialien verschob sich eine Steife, wo­ Woran der eigentliche Grund gelegen hat, hat 
durch die längsdurchgehende, vollständig neue Herr Bauinspektor Winterstein, wie ich vorhin schon 
und gesunde wagerechte Tragestange ihre Un­ bemerkt habe, nicht feststellen können, da die Gerüste 
terstützung verlor und so nicht mehr Widerstand mit Genehmigung der Königlichen Polizei schon ent­
gegen die auftretende Belastung leisten, konnte fernt waren. Daß die Arbeiter Recht haben, mag 
und zerbrach. Bei dieser Gelegenheit wurde sein; genau wissen können w ir es nicht. Ob nun 
ein Mann beschädigt, der noch zur Zeit im die Schuld, welche die Unternehmer trifft, und welche 
Krankenhause Moabit liegt. vielleicht konkurriert mit einer Schuld der Arbeiter, 
—  Das war am 5. September. — mit einer Unvorsichtigkeit dieser letzteren — denn es 
Eine Lebensgefahr erscheint ausgeschosfen. Die mag sein, daß die Unternehmer Recht haben, daß die 
übrigen Leute kamen mit dem bloßen Schrecken Arbeiter auch hätten vorsichtiger sein können — , ob 
davon und arbeiten bereits wieder. nun diese Schuld derart ist, daß sie gerichtlich ver­
Ich möchte hier vorweg nehmen, daß ich an folgbar ist, entzieht sich meiner Kenntnis und auch 
das Krankenhaus Moabit geschrieben und um M it­ meiner Beurteilung; denn w ir sind nicht in der Lage, 
teilung über das Ergehen dieses Mannes gebeten als zuständige Behörde aufzutreten und Untersuchungen 
habe; es ist m ir mitgeteilt worden, daß der Mann anzustellen. Ich höre, daß von der Königlichen 
wegen Rippenbruches im Krankenhause gelegen habe Polizeibehörde eine Untersuchung eingeleitet sei. Ob 
und bereits entlassen sei. Dieses Schreiben datiert sie einen Erfolg gehabt hat, entzieht sich meiner Kennt­
vom 12. September. Also er ist zur Zeit bereits nis. Jct> möchte aber als gewiß annehmen, daß die 
aus dem Krankenhause entlassen; glücklicherweise ist Königliche Baupolizeibehörde und die andere Abteilung, 
also das Leben eines Menschen hierbei nicht zu be­ welche die kriminalrechtliche Seite der Sache zu be­
klagen. trachten hat, die Sache genau untersucht haben und, 
Nun, meine Herren, komme ich wieder darauf wenn sie zu der Überzeugung kommen, daß eine 
zurück, daß Herr Bauinjpektor Winterstein sich mit strafbare Schuld vorliegt, eingreifen, oder aber, wenn 
Herrn Polizeibauinspektor Lange in Verbindung ge­ sie zu der Überzeugung kommen, daß keine strafbare 
setzt hat. Er ist am 30. August sofort mit dem Schuld vorliegt, nicht eingreifen.
        
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