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Periodical volume 13. Juni 1906

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1906

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Wasser-Abgabe obwalten. Die Schlächter — mag abgeben könnten und zur Zeit abzugeben gewillt sind. 
sie ein Vorwurf treffen oder nicht; wir können im I Meine Herren, ivir haben auch, was die hygienische 
einzelnen nicht nachforschen, wieviel sie im vorigen Seite der Frage betrifft, recht betrübende, vorläufig 
Jahre zugesetzt haben, und wieviel sie jetzt verdienen —, unkontrollierbare Zeitungssnachrichten aus England, 
die Schlächter sind heutzutage in den großen Städten einem Lande, wo doch ganz andere Verhältnisse als 
im allgemeinen keine Schlächter mehr, sondern Händler. in Amerika obwalten. W ir können nicht näher prüfen, 
Unter diesen Umständen fragt es sich: ist die wie die Verhältnisse im einzelnen dort liegen. Ich 
Verteilung des Fleischbedarfs unter die Bevölkerung glaube, wenn unsere Hausfrauen die Stellung in 
im Interesse der Gesamtheit nicht besser durch die den Parlamenten, auch in der städtischen Vertretung 
Hand eines von pekuniären Interessen nicht in erster hätten, die ihnen zum teil — wenigstens nach meiner 
Linie geleiteten Stadtwesens zu bewirken als durch Ansicht — gebührt, dann würde ich für diese Frage 
private Personen? Ich würde diese Frage ohne 1 ein weit geeigneteres Ohr finden, als es so vielleicht 
weiteres verneinen, wenn die Privatinitiative, der! der Fall sein wird.
Unternehmung»- und Ersindungsgeist des einzelnen Ich möchte mit der Bitte an den Magistrat 
hier von Wichtigkeit wäre. Alle diese Momente schließen, der Frage ebenfalls die größte Aufmerksamkeit 
scheiden jedoch auf diesem Gebiete vollständig aus. zu schenken und, wenn irgend möglich, sie auf die 
sie scheiden hier mehr aus als z. B. auf dem Ge­ Tagesordnung des nächsten Städtetages zu setzen. 
biete der Gasversorgung, auf rein technischem Ge­ Die Aufforderung zu solchen Vorschlägen ist ja in 
biete. wo es sehr wohl denkbar iväre, daß die Privat­ der Vorlage enthalten.
initiative des einzelnen einen schnelleren Fortschritt 
ermöglichte als eine städtische Verwaltung. Beim Stabtu. Dr< Borchardt: Meine Herren. Herr 
Schlächter liegt die Sache ganz anders als beim Kollege Stadthagen begann seine Ausführungen mit 
Bäcker, der aus Mehl usw. erst Brot, Kuchen backt. einem Hinweise darauf, daß er annehme, unsere 
Der Schlächter kann an dem Fleisch überhaupt nichts! Stadtverordnetenversammlung ivürde, wie üblich, die 
ändern, er kann nicht aus Knochen Fleisch machen,! beiden Herren Vorsteher zu der Tagung entsenden. 
er kann es nur einigermaßen gut aufbewahren. Ich möchte bei der Gelegenheit daran erinnern, daß 
Ich komme hierbei auf die gewaltige hygienische ich im Januar, als der außerordentliche Branden­
Bedeutung der Frage. Die Frage ist von so eminent burgische Städtetag in Berlin tagte, die Anregung 
hygienischer Bedeutung, daß sie auch von diesem Ge­ gab. doch außer den beiden Vorstehern noch eine 
sichtspunkte aus sehr eingehend geprüft werden muß. Anzahl von Herren aus den einzelnen Gruppen zu 
Es liegt ja nahe, auf die amerikanischen Verhältnisse entsenden, eine Anregung, der damals Folge ge­
hinzuweisen. Aber wir werden ja darin einig sein, geben wurde. Ich möchte der Meinung Ausdruck 
daß derartige traurige Verhältnisse hier unmöglich geben, daß auch in der Folge die Städtetage frucht­
wären, selbst wenn die ganze Entwicklung der Fleisch­ barer sein würden, wenn die Stadtverordneten in 
versorgung einen derartigen Gang nehmen sollte, einem engeren Zusammenhange mit dem, was dort 
wie es in Amerika der Fall gewesen ist. Meine verhandelt wird, bleiben würden, wenn auch in der 
Herren, wir müssen daran denken, daß jeden Augen­ Folge an einem solchen Brauch — Brauch kann 
blick ein großes Akticnnnternehmen sich bilden kann, man es ja noch nicht nennen, nachdem es erst ein 
das die Fleischvcrsorgung in die Hand nimmt. Dann mal geschehen ist, — wenn in der Folge das eben 
haben die Schlächter ihre selbständige Existenz auch Brauch werden würde. Ich möchte daher auch für 
nicht mehr. Zu welchen Konsequenzen eine der-! diesen Städtetag die Anregung von damals wieder­
artige Trustbildung führen kann, das haben uns aus holen.
anderen Gebieten die amerikanischen Verhältnisse ge-; Was nun die weitere Anregung des Herrn 
zeigt. Dem vorzubeugen auf einem derartig wich­ Kollegen Stadthagen betrifft — ich habe nicht ganz 
tigen sozialen, hygienischen Gebiete, ist Sache der verstehen können, ob er einen bestimmten Antrag 
städtischen Verwaltung. Wie weit — das sind spe­ gestellt hat —, so kann ich ja hier nur für meine 
zielle Fragen, auf die ich hier nicht näher eingehen Person sprechen; ich glaube aber, daß ich auch im 
will. Ich möchte nur bemerken, daß es im Interesse Namen meiner sämtlichen Freunde die Versicherung 
der Fleischversorgung der Städte außerordentlich geben kann, daß wir eine solche Anregung durchaus 
wünschenswert sein würde, wenn über die ganze unterstützen würden. Wir glauben auch nicht, daß 
Stadt verteilt städtische Verkausshallen eingerichtet dadurch, daß wir die Anregung unterstützen, nun der 
würden. Ob die Stadt auch die Schlachtungen über­ Herr Kollege Stadthagen in den Ruf oder Verdacht 
nimmt, den Vieheinkauf übernimmt, das sind Fragen, kommen könnte, von unserer politischen Gesinnung 
die wesentlich auf finanziellem Gebiete, auf dem Ge- , abgefärbt zu sein. Es freut mich außerordentlich, 
biete der Rentabilität liegen. Es wird sich nament-' daß gerade von der Seite des Herrn Kollegen Stadt- 
lieh darum handeln, ob die finanziellen Erträge bei hagen aus diese Frage angeregt und als eine not­
niedrigem Stande der Preise noch genügend sind, j wendige und der Erörterung werte bezeichnet wird. 
wenn die Schlachtungen und der Einkauf nicht über­ Ich würde ebenfalls wünschen, daß dieser Anregung 
nommen werden, und es wird sich darum bandeln, Folge gegeben wird.
wie sich die Verhältnisse in der Großsckllächterei und Weiter aber, meine Herren, beschäftigt noch eine 
wie sie sich beim Vieheinkauf entwickeln werden. andere außerordentlich wichtige Frage wohl gegen­
Auch dort haben wir bereits Ansänge von Trust­ wärtig die Gemüter aller derjenigen, die sich mit 
bildung. Ich erinnere daran, daß einige Groß­ städtischen öffentlichen Angelegenheiten befassen. Als 
schlächter in Berlin den Versuch gemacht haben, Ver­ das neue Schulgesetz erst drohte und bevorstand, da 
kaufshallen zu errichten — Sie haben es gewiß alle wurde ein außerordentlicher Städtetag einberufen, 
in der Zeitung gelesen —. daß die privaten Schlächter um über M ittel zu beraten, diesem Schulgesetze zu 
sich dagegen wehrten. Sie werden auf die Dauer begegnen, über Mittel, wie man es wohl zuwege 
nichts dagegen machen können, höchstens durch Boykott bringen könnte, die drohenden Schädigungen abzu­
werden sie erreichen, daß das Publikum nicht zu dem wenden. mit anderen Worten: den Gesetzentwurf 
Preise die Ware erhält, zu dem es die Großschlächter nicht Gesetz werden zu lassen. Nun, meine Herren.
        
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