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Periodical volume 1. Februar 1905

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1905

bis zu der Kennzeichnung der Ernennung eines Aus­ die einzelnen Betriebe der Kommune zu verschieden­
schusses. Es gehört das ja zu den Gepflogenheiten artig sind, um sie alle über einen Kamm zu scheren 
der Herren, besonders des Herrn Kollegen .Hirsch — (Zustimmung) 
er hat ein ganz besonderes Talent, in der und für alle die gleiche Arbeitsstundenzahl zu 
Seele seiner Kollegen zu lesen, und weiß in dekretieren.
der Regel besser, wie es in deren Innern aussieht, Meine Herren, was die finanzie lle  Seite 
als diese selbst, wenigstens behauptet er es zu wissen, anlangt, so werden meine Freunde wie schon gesagt, 
und schlendei t dann in die Öffentlichkeit irgend einen für den Antrag des Herrn Kollegen Spiegel stimmen, 
Angriff hinein, sagt: das sind die bösen Menschen, obgleich sie auch die finanzielle Schwierigkeit bei der 
die hier mit ganz besonderer Niedertracht vorgegan­ Prüfung der Frage nicht verkennen. Aber ich meine, 
gen sind, da seht ihr Arbeiter, was das für'Leute daß der Magistrat wenigstens den guten Willen 
sind, die eure Interessen in der Kommune Chor zeigen kann und versucht, uns entsprechendes Material 
lottenburg zu vertreten haben! — Nun, meine Herren, an die Hand zu geben. Natürlich aus Heller und 
ich muß für die neu hinzugekommenen Mitglieder Pfennig kann es nickst berechnet werden; denn man 
des Ausschusses, für meine engeren Freunde jeden­ kann nicht sagen, daß, wenn für 10 Stunden so und 
falls, es ganz entschieden ablehnen, daß sie so viel gerechnet wird, für 9 Stunden 9/10 davon 
sieh durch eine besondere Rückständigkelt aus­ gerechnet werden muß usw. Das finanzie lle  E r­
zeichnen, ich möchte sogar von ihnen allen behaup­ gebnis kommt aber noch anders zum Ausdruck. 
ten, daß sie nicht rückständig find. Allerdings hat Einer der Mitglieder des Ausschusses wies daraus 
Herr Kollege Hiisch — und das war der springende hin, daß die Arbeiter, die auf Stundenlohn stehen, 
Punkt für ihn — auch im Ausschuß gesagt, er hätte doch nun beim neunstündigen Arbeitstag eigentlich 
seinen Ohren nicht getraut, er hätte es überhaupt erheblich schlechter bezahlt würden als beim zehn­
gar nicht für möglich gehalten, daß ein Mensch, ein stündigen, und daß sie den Befürwortern der Herab­
Mitglnd der Stadtverordnetenversammlung gar zu setzung der Stundenzahl wahrscheinlich nicht dankbar 
einer solchen ungeheuerlichen Erklärung kommen sein würden. Ja, hieß es, so ist die Sache nicht 
konnte, wie eins der Mitglieder des Ausschusses das gemeint; es ist ja selbstverständlich, daß bei 
erklärt habe: die Arbeiter werden gewissermaßen einer Herabsetzung der Stundenzahl auch der 
systematisch dahin gedrängt, weniger Arbeit zu leisten.— Stundenlohn erhöht werden muß! Meine Herren, 
Herr Kollege Hirsch ist schon im Ausschuß man läuft ja natürlich Gefahr, sofort der aller­
daraus aufmerksam gemacht worden, daß hier schwärzesten Rückständigkeit beschuldigt zu werden, 
ein M ißverständnis vorliegt, daß das Mitglied wenn man die Schlußfolgerung daraus zieht, 
des Ausschusses eine derartige Behauptung nicht auf­ „kürzere Arbeitszeit und höherer Lohn." 
gestellt hat. Ich will die Schlußfolgerung nicht daraus ziehen; 
(Stadtverordneter Hirsch: Doch!) sie liegt aber außerordentlich nahe.
sondern daß das Mitglied in dem Ausschuß bei der Meine Herren, ich möchte Sie bitten, den An 
Erörterung der Frage, ob bei dem neunstündigen trägen zuzustimmen, die Ihnen hier unterbreitet sind. 
Arbeitstag mehr oder weniger Arbeit geleistet wird, Ich glaube ja, daß auch ohne meine Ausführungen 
als bei dem zehnstündigen, die Erklärung abgegeben die Anträge hier schon die Mehrheit gefunden hätten. 
hat. daß die Arbeitsleistungen im Baugewerbe Ich hätte' mir auch diese längeren Ausführungen 
bei der Reduzierung der Arbeitsstnndenzahl schenken können, wenn nicht Herr Kollege Hirsch in 
zurückgegangen sind. Meine Herren, das ist die der liebenswürdigen Art, die wir bei ihm gewohnt 
ganze ungeheuerliche Rückständigkeit, die sich dieses sind, es für nötig gehalten hätte, uns hier etwas an­
Mitglied des Ausschusses hat zu schulden kommen zuhäkeln, uns gewissermaßen zu provozieren und mit 
lassen! Anklagen uns entgegenzutreten, die, wenn wir sic 
(Stadtverordneter Hirsch: Ganz etwas anderes!) ganz unerwidert gelassen hätten, jedenfalls geeignet 
Nun muß ich wirklich ganz offen gestehen, auch auf gewesen wären, nicht bloß meine engeren politischen 
die Gefahr hin, zu den allerrückständigsten Menschen Freunde hier in den Augen der Arbeiter herab­
gerechnet zu werden, daß ich im allgemeinen der zusetzen, sondern die vor allen D ingen, was 
Meinung bin, daß in 9 Stunden weniger Arbeit fü r mich v ie l schwerwiegender ist, geeignet 
geleistet wird als in 10 Stunden, ob das nun gei­ waren, das Ansehen der Kommune Char­
stige Arbeit ist oder Handarbeit; denn wenn ich da­ lottenburg, des M agistrats und der S ta d t­
bei z. B. an mich selbst denke, so würde ich ohne verordnetenversammlung aufs schwerste zu 
weiteres zugeben, daß ich in 9 Stunden weniger schädigen.
Arbeit leisten werde als in 10 Stunden. (Sehr richtig! bei den Liberalen.)
Daß im Baugewerbe, wo in der letzten Zeit die Meine Herren, ich glaube auch, daß wir ver­
Arbeitsstunden nicht unerheblich zurückgegangen sind, pflichtet sind, im Interesse der Arbeiter, die im 
weniger Arbeit geliefert wird, erscheint mir natürlich. Dienst von Charlottenburg stehen, dem entgegen­
Ob die Herren von der sozialdemokratischen Partei zutreten. Es erwirbt sich niemand ein Verdienst um 
das bestreiten, bin ich einigermaßen begierig. Jeden­ die Arbeiter, wenn er die, die die Arbeit zu ver­
falls kann ich nicht zugeben, daß jemand, der diese geben haben, ich möchte sagen, schließlich mit einer 
Ansichten vertritt, sich irgendwie besonders rück­ gewissen Unlust erfüllt, indem er ihnen bei jeder 
schrittlicher Anschauung schuldig macht, sondern er Gelegenheit vorhält: es ist schließlich doch garnichts, 
konstatiert nur eine Tatsache, die so klar für jeder­ was ihr tut, ihr tut kaum eure Pflicht und 
mann liegt, daß sie meines Erachtens gar nicht zu Schuldigkeit, ihr seid sozial rückständig und habt 
bestreiten ist. Meine Herren, der neunstündige kein Empfinden für die arbeitenden Klassen. Meine 
A rbe its tag — ich habe bereits im Ausschuß meinen Herren, in der Weise fördert man nicht die 
persönlichen Standpunkt dargelegt — ist fü r mich Interessen der Arbeiter und auch nicht die 
keine Finanzfrage: fü r  mich ist er eine Interessen der Kommune Charlottenburg. Ich meine, 
P rinzip ienfrage. Ich bin nicht für den neun­ man fördert sie mehr, wenn man anerkennt, was 
stündigen Arbeitstag zu haben, weil ich sage, daß bisher geleistet ist, und wenn man den Wunsch aus-
        
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