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Periodical volume 11. Oktober 1905

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1905

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heilende, sondern in erster Linie eine vorbeugende Ich kann nur sagen, daß mich diese Anfeindung 
Wissenschaft, — anders kann man das nicht nennen — der Für­
(sehr richtig!) sorgestellen durch die Arzte garnicht überrascht. Die 
und da müssen eben andere Maßregeln getroffen Herren können sich noch nicht daran gewöhnen, sic klagen, daß ihnen zu wenig Darmkrankheitcn, Magen­
werden.
Wenn nun in dieser Petition gesagt wird, es darmkrankheiten in diesem Sommer vorgekommen 
sein kein günstiges Resultat erzielt worden, 48% sind. Hoffentlich werden in Zukunft noch weniger vorkommen. Die Ärzte werden sich daran gewöhnen 
wären nicht wiedergekommen nach der zweiten Vor­ müssen. Man wird eben suchen, die Anstaltsbehand- 
stellung — mein Gott, das ist kein Wunder! Ja, lung immer mehr auszubreiten und immer mehr 
die haben eben gedacht, die Kinder werden auch dort 
behandelt: das ist abgelehnt worden, und deshalb Kaffenstellen zu schaffen. Das ist unserer Zeitrichtung 
sind sie nicht wiedergekommen. Freilich, das Ab­ entsprechend. Die gemischte Deputation hat ja auch 
lehnen geschieht nicht immer so schroff, das kann ein beschlossen, auf die Wünsche der Arzte nicht Rücksicht zu nehmen, sondern beantragt, daß die Fürsorgestellen 
Arzt nicht; ich glaube, auch Herr Dr. Bauer wird fortgeführt werden. Ich hoffe, das wird auch ge­
es nicht tun. Wenn eine Mutter mit einem Kinde 
kommt, das einen vereiterten Nabel hat, dann wird schehen.
doch jeder Arzt den Eiter entfernen, wird mit Sub­
limatlösung die Wunde auswaschen, wird sic tuschieren Stadtv. Dr. Zepter: Meine Herren, was den 
nötigenfalls und einen Verband darüber legen, bevor letzten Teil des Magistratsantrages betrifft, so bin ich der Zuversicht, wie ich in der vorigen Sitzung 
er das Kind nach Haus schickt, damit es' nicht bis bereits geäußert habe, daß die Materie noch einmal 
zum andern Tag womöglich septisch infiziert ist. In  an eine Kommission zurückgewiesen wird. Ich brauche 
solchen Fällen muß ein Arzt eingreifen und muß mich also darüber jetzt nicht auszusprechen und 
behandeln. M it den Schulzahnürzten ist es auch oft 
so: wenn ein Schulzahnarzt ein Kind sieht, das schließe mich einfach dem Antrag Dr. Spiegel an. 
Eiter unter dem Zahn hat, dann macht er dem Eiter Der übrige Teil des Magistratsantraaes d. H. die weitere Fortführung der Säuglingsfürsorgestellen 
Luft. Das ist nicht zu vermeiden. In  anderen auch im Winter wird, wie ich hoffe, zur Annahme 
Städten wird noch ganz anders behandelt, die sind gelangen. Daß manches zu verbessern ist, ist bei 
schon in der Beziehung viel weiter als wir. und ich einer so jungen Einrichtung ja selbstverständlich. 
denke, wir werden auch noch weiter kommen. Ich hoffe, daß sich die Kommission der Sache der­
Ferner ist in der Petition davon die Rede, daß artig annehmen wird, daß die Verbesserungen bald 
der größte Teil der Kinder von gift situierten Leuten werden Platz greifen können. Ich möchte mich nicht 
wären. Nach den Berichten der Arzte ist das aber auf die vielen Einzelheiten, die hier vorgebracht 
nicht der Fall. Wie Herr Dr. Kettner in seinem worden sind, weiter einlassen. Ich will nichts da­
Bericht sagt, haben 63,3% der Kinder Mindergewicht, rüber sagen, daß ein Teil der Klienten fortgeblieben 
also nicht das normale Gewicht, sind also elend er­ ist. Nach ärztlicher Erfahrung ist das überall der 
nährt. Herr Dr. Pilger führt sämtliche Berufe der Fall, sowohl in der Privatpraris wie in Poli­
Väter der zu ihm gebrachten Kinder an; das sind kliniken usw.; es bleibt immer noch der Segen zurück, 
alles kleine Leute: 67 Arbeiter. 9 Schlosser, 2Klempner, daß durch solche Einrichtungen sehr viel Nutzen 
4 Zimmerer, 4 Tischler, 7 Kutscher usw.; es ist kein geschieht.
Einziger darunter, der etwa eine bessere Stellung Was die Vorschläge des Genossen Vogel anbe­
hat. ' Meine Herren, man kann doch nicht so scharf langt, bei der Station gleich einige Krankenbetten 
trennen gutsituiert und nicht gutsituiert! Der Ma­ einzurichten, so ist es ja natürlich, daß ich der Sache 
gistrat bezahlt ja seine Beamten so, daß sie existieren an sich sehr sympathisch gegenüberstehe. Ich möchte 
können; aber es kommt auch mal vor, daß sie in aber doch den Genossen bitten, vorläufig davon ab­
Not geraten, Unterstützung haben müssen, und dann zusehen. Wir dürfen uns nicht überstürzen, wir 
sind sie auch nicht gut situiert. Das kann man also müssen allmählich ausbauen. Wir fangen ja erst 
nicht streng scheiden. an. Wenn wir alles auf einmal wollen, wird 
Sodann wird in der Petition verlangt, es möge schließlich garnichts Vernünftiges daraus.
für die leitenden Arzte der Fürsorgestellen eine Dienst­ (Hört, Hört!)
anweisung erlassen werden, in der ausgesprochen wird, Wir wollen doch Positives erreichen, wollen uns 
daß seitens der Arzte eine ausschließlich auf die Er­ doch nicht so übereilen und blind aufs Ziel los­
nährung der Säuglinge bezügliche beratende, aber schießen. Gewiß kaun nur jeder, der sozial denkt, 
nicht behandelnde Tätigkeit auszuüben sei. Ja mein besonders jeder Angehörige unserer Fraktion wünschen, 
Gott, werden denn die Kinder nur durch falsche Er­ daß etwas Derartiges geschaffen wird. Ich bin auch 
nährung krank? Bei der größten Zahl ist es so, dafür, daß wir vielleicht im nächsten Jahre eine der­
aber viele werden doch aus anderen Ursachen auch artige Einrichtung treffen. Aber zunächst wollen wir 
krank: unzweckmäßige Wartung, Kleidung, Reini­ das' Geschaffene erst ordentlich regeln und richtig 
gung usw. Darauf sollen die Arzte nicht die Mütter ausbauen.
aufmerksam machen dürfen? Das können doch die Was die Qualität der Milch anbelangt, die der 
Herren Arzte nicht verlangen, das ist zu weit ge­ Herr Kollege Dr. Bauer mit Recht bemängelt hat, 
gangen. so möchte ich jetzt noch einmal erwähnen, daß ich 
Ein Anonymus in der Berliner Ärztekorrespon- damals, als der Magistratsantrag gestellt wurde, 
denz ist noch weiter gegangen; der sagt. geradezu: überrascht war und mit Recht überrascht war. Denn 
die Patienten, die dorthin gebracht werden, sind aus wir waren in der Kommission noch nicht zu einer 
gut situierten Familien, denn Arbeiterfrauen stillen Einigung gekommen, hatten noch nichts Handgreifliches 
ihre Kinder selbst, die kommen nicht hin, die, brauchen beschlossen, und da kam'plötzlich dieser Antrag. Ich 
keine Milch. Das zeigt, wie manchmal Arzte Be­ sprach damals mein Befremden über die Plötzlichkeit 
hauptungen aufstellen, über die man die Achseln aus. nachdem ich gerügt hatte, daß in der Kom­
zucken muß. mission so langsam gearbeitet würde. Der Herr
        
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