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Periodical volume 11. Oktober 1905

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1905

nötig ist. Ich glaube daher, daß es der Aufmerksam­ sorgestellen die Milchhändler: denn die Lieferung der 
keit der städtischen Behörden bedarf, damit die Säug- Milch ist einer Berliner Firma übertragen. Sie 
lingssürsorgestellen das wirklich werden, was wir meinen, sie könnten das ebensogut wie die Berliner 
damals bei ihrer Gründung beabsichtigt hatten. Es Firma. — Die Ärzte sind nicht recht zufrieden, weil 
ist ja richtig, daß die Sache damals ein bischen be­ diese Säuglingsfürsorgestellen^nicht nur Beratungs­
schleunigt eingerichtet worden ist und daß es viel­ stellen für die Ernährung der Säuglinge sind, sondern 
leicht besser gewesen wäre, noch ein Jahr zu warten. sich langsam zu Polikliniken auswachsen.
Der Magistrat hat sich aber von dem Gedanken Meine Herren, ich habe besonders Bedenken in 
leiten lassen, daß die Sache reif ist eingerichtet zu Bezug auf die Milch. Es ist gesagt worden, die 
werben, und hat gesagt: wenn wir bessere Erfahrungen Abgabe einwandfreier Säuglingsmilch mit 16 Pf. 
machen, können wir später irgendwelche Mängel ab­ das Liter sei eine wesentliche Aufgabe der Fürsorge­
stellen. Ich glaube, wir haben schon einige Erfah­ stellen. Meine Herren, ich habe mir den Preiskurant 
rungen gemacht, die uns dringend zeigen, daß hier von Bolle angesehen, der die Milch liefert, und da 
und da Abhilfe geschafft werden muß. „Ich will ergeben sich folgende Preise: Kindermilch aus eigener 
nicht beantragen, daß Sie eine wesentliche Änderung Kühhaltung 50 Pf, gewöhnliche Kindermilch 40 Pf.. 
an den Vorschlägen der Deputation vornehmen. Es keimfreie Milch 35 Pf., Vollmilch 20 Pf. und Voll­
ist darin schon gezeigt worden, daß man manches milch in Flaschen 22 Pf. Ich gehe wohl nicht fehl 
anders haben will. Ich will nur am Schlüsse noch in der Annahme, daß die von den Säuglingsstellen 
auf eine Sache hindeuten, die ich gern in die Vor­ gelieferte Milch Vollmilch in Flaschen für 22 Pf. ist, 
schläge der Deputation hineinhaben möchte. die von den Säuglingsstellen für 16 Pf. abgegeben 
Weil mit der Einrichtung zu schnell vorgegangen wird. Diese Milch ist pasteurisiert, aber sie entspricht 
ist, deshalb kommt es wohl auch, daß fast alle die­ entschieden nickst den Anforderungen, die man an eine 
jenigen, die mit den Säuglingsfürsorgestellen zu tun einwandsfreie Sanitätsmilch stellen muß. Es ist in 
haben, keine rechte Freude daran haben: die Arzte den roten Plakaten, die überall in der Stadt verteilt 
der Säuglingsfürsorgestellen sind mit der ihnen zu­ worden sind, ausdrücklich gesagt, daß diese Milch 
gewiesenen Stellung der Ernährungstherapeuten, als einwandfrei ist. Von dem Augenblick an. wo sie 
Berater der Mütter für die richtige Ernährung der pasteurisiert ist, dauert es 36 Stunden, bis sie zur 
Kinder, nicht zufrieden. Sie haben von Herrn Stadt». Verwendung gelangt, und das kann man als unge­
Vogel schon gehört, daß der Wunsch besteht, an die fährlich betrachten. Sehr zweifelhaft aber ist es, ob 
Säuglingsfürsorgestellen feste Betten angegliedert zu sie einwandfrei von den Kühen gewonnen wird. Die 
sehen, daß die Ärzte meinen, die Krankenhausbehand­ I Milch kann sich in der Zwischenzeit sehr wohl ver­
lung genüge nicht, es genüge nicht, daß die Mütter ändern, und die giftigen Stoffe, die sich in der Mich 
darüber beraten werden, ivie sie die Säuglinge zu bilden, werden durch die Pasteurisierung auch nicht 
ernähren hätten, sondern es müssen die Säuglinge unwirksam gemacht, es wird nur die weitere Zer­
noch in besonderen Abteilungen behandelt werden setzung verhindert. Es hat auch insofern etwas Be­
können. Es ist auch hier und da in den Fürsorge­ denkliches, als über diese Vollmilch eine Polizei­
stellen aus diesem Grunde eine Behandlung der verordnung aus dem Jahre 1899 existiert, worin 
Säuglinge, zunächst magendarmkranker, dann' auch besondere Erfordernisse enthalten sind, die an eine 
anders erkrankter geschehen, die m. E. nicht ganz be­ Sänglingsmilch gestellt werden. Es wird da ver­
rechtigt ist, und zwar wesentlich aus hygienischen langt, daß die Kuhställe einwandfrei betrieben werden, 
Gründen. Es hat sich ferner herausgestellt — und es befinden sich besondere Vorschriften darüber. Man 
das ist ein weiterer Grund der Unzufriedenheit —. findet eine längere Verordnung mit einigen 12 Para­
daß allmählich eine ganze Reihe von Müttern, bis graphen, worin steht:
zu 48 °/0 bei einer Fürsorgestelle, weggeblieben sind. Als „Kindermilch", „Sänglingsmilch", 
Nach einer genauen Statistik, die von der einen „Sanitätsmilch" oder mit ähnlichen Namen, 
Fürsorgestelle geführt worden ist, sind achtmal durch welche der Glaube erweckt wird, die 
16 Säuglinge vorgestellt worden, dann sinkt die Milch sei in gesundheitlicher Beziehung der 
Zahl: neunmal sind 5 Säuglinge, und unter achtmal Vollmilch vorzuziehen, darf nur Vollmilch be 
sind mehr als 16 vorgestellt worden. Sie sehen, zeichnet werden, welche unmittelbar nach dem 
daß auch den Müttern die Sache nicht sehr ange­ Melken bis auf 10 Grad Celsius abgekühlt ist 
nehm ist: es ist ihnen nicht angenehm, des Sonn­ und sich in einem Zustande befindet, daß sie 
tags die Milch holen zu sollen, wo sie vielleicht etwas das Abkochen oder die Alkoholprobe aushält, 
anderes vorhaben. Jedenfalls hat sich herausgestellt, und von Milchkühen genommen ist, welche 
daß Sonntags sehr viel weniger Milch abgeholt hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes und ihrer 
worden ist. Es liegt also nicht daran, daß die Pflege den Änforderungen in § io  genügen.
Mütter Wochentags etwa auf Arbeit gehen und keine In  _§ io  befindet sich eine große Reihe von Vor­
Zeit haben, sondern daß sie Sonntags sich wahr­ schriften, ivie die Kühe gehalten werden sollen. — 
scheinlich etwas anderes vorgenommen haben. Ich glaube nicht, daß die Milch, die Bulle für 22 Pf. 
Auch die Pflegerinnen klagen darüber, daß die liefert, diesen Vorschriften genügt, denn sonst würde 
Misch, die einwandfrei den Säuglingen geliefert wird, er sie wahrscheinlich selber als Säuglingsmilch be­
nachher in den Haushaltungen doch nicht so ver­ zeichnen. Wenn eine derartige Milch unsererseits 
wendet würde, wie es zweckmäßig ist, daß die Kinder als einwandfreie Säuglingsmilch abgegeben werden 
tatsächlich nicht die Milch bekommen, wie sie von den sollte, so bedürfte das dringend der Äblstlfe; denn 
Fürsorgestellen abgegeben wird; sie steht in den diese Milch ist nicht eine einwandfreie Säuglings­
Haushaltungen herum, ivird schlecht zugedeckt und ist milch.
nachher, wenn sie die Säuglinge genießen sollen, Ich möchte ferner erwähnen, daß es m. E. 
verdorben. Es sind zweifellos Mißstände in der auch in hygienischer Beziehung durchaus nicht ein­
Beziehung vorhanden, die wohl nach der einen oder wandfrei ist, wenn die Säuglinge, die zur Fürsorge­
andern Richtung abgestellt werden können. stelle kommen, zugleich behandelt werden. Es sind 
Ferner sind nicht recht zufrieden mit den Für­ eine ganze Reihe von Säuglingen magendarmkrank.
        
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