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Periodical volume 18. Januar 1905

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1905

Vorlage ab. Ehe ich derartig verkümmerte Rechte verwaltung aus der Hand gegeben haben. Es ist 
aus der Hand des Ministers in Empfang nehme, etwas anderes, sich vorübergehend zu Märtyrern 
w ill ich lieber gar keine haben. machen zu lasten oder sich vorübergehend Rechte ver­
Und nun, meine Herren, was ist denn die kümmern lasten zu müssen, als diese Rechte im 
Kompensation, die uns fü r unsere Rechte geboten Wege eines Handels aus der Hand zu geben und 
wird ? M it  Recht hat Herr von Liszt gesagt: das noch dazu eines so beschämenden Handels, wo man 
hätten w ir ja doch schon früher haben können. Im  nicht einmal einen Gegenwert erhält. Hinsichtlich der 
Jahre 1898 konnten w ir es ja haben; da wurde es Stellung des Herrn Otto muß ich sagen: ich erkenne 
uns ja schon angeboten: Kinder, zwischen uns soll an, daß man jederzeit berechtigt ist. seine Meinung 
der tiefste Friede herrschen, aber gebt uns den gegen früher zu ändern, und daß man nicht ohne 
Geistlichen; Meine Herren, wer überhaupt einlenken weiteres deswegen jemanden verdammen soll. Aber 
wollte, der hätte es damals tun müssen. Da waren das, was Herr Otto, der sich damals so entschieden 
uns noch keine Rechte genommen, da hatten w ir die gegen die Aufnahme des Geistlichen ausgesprochen 
Dienstanweisung von 1882, wo statt des Kreisschul- hat, heute hier anführt für die Aufnahme, war 
inspektors w ir als Aussichtsorgan der Regierung ge­ wenigstens mich zu überzeugen absolut nicht geeignet.
standen haben. Dann waren w ir doch noch etwas. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Und was sind w ir beim heute? Heute fallen w ir Was man allenfalls aus seinen Ausführungen 
um fü r garnichts, fü r die Anerkennung, daß w ir die als wesentlich hätte betrachten können, war. daß die 
dienstvorgesetzte Behörde der Rektoren ohne jede Macht des Geistes doch so groß ist, daß sie durch 
Rechte sind. Das werden Sie doch nicht tun! Aber den einen Geistlichen in der Deputation nicht ge­
davon ganz abgesehen, meine Herren. Ich persönlich brochen werden kann. Wenn Herr Otto vor einem 
würde mich auf einen Handel in  diesen Punkten Jahr den entgegengesetzten Standpunkt vertrat, so 
überhaupt nicht einlassen. F ü r mich steht ein viel muß ich demnach annehmen, daß sich die Macht des 
zu wichtiges P rinzip  auf dem Spiele. Ich  muß Geistes außerordentlich rasch entwickelt; in einem 
dem Herrn Otto bestreiten, daß er der einzige ge­ Jahre hat sie die rapide Vorwärtsbewegung gemacht, 
wesen ist, der damals die Sache zur Sprache ge­ die Herrn Otto so ganz anders denken läßt als früher.
bracht hat. Ich  war der Referent und als solcher Ich bitte Sie, meine Herren: machen Sie diesen 
naturgemäß der frühere Redner; ich habe es auch Umschwung nicht mit! Zeigen Sie prinzipiell, wie 
früher zur Sprache gebracht und ganz entschieden energisch Sie noch auf dem Standpunkte stehen, der 
zur Sprache gebracht. Ich  habe gesagt: w ir haben uns am 28. Oktober 1903 so erfreulich vorgekommen 
uns auf den Standpunkt gestellt, w ir, die Schul- ist! Lassen Sie sich nicht auf Kompromisse ein mit 
deputation, daß es nicht richtig ist, der Geistlichkeit der Regierung, sondern lehnen Sie die Vorlage ab, 
einen weiteren Einstuß, als sie bisher schon hat, auf ohne sie an einen Ausschuß zu verweisen!
die Erziehung der Jugend einzuräumen. Das hatte (Bravo!)
wohl Herr Otto übersehen, als er sagte, er habe 
zuerst diesen Standpunkt vertreten. Meine Herren, Stobiv. Hirsch: Meine Herren, ich kann mich 
ich vertrete den Standpunkt heute noch, und ich bitte nach den vorzüglichen Ausführungen des Herrn 
S ie : brechen Sie nicht m it dem Prinzip, daß uns Kollegen Buka und des Herrn Kollegen Dr. von Liszt 
bisher gut bekommen ist! Es heißt nicht etwa die verhältnismäßig kurz fassen. Ich bedaure nur, daß 
Religion verneinen, wenn sie sagen: w ir wollen den Herr Dr. von Liszt nicht im Namen seiner ganzen 
Einfluß der Geistlichkeit auf die Schule nicht ver­ Fraktion gesprochen hat. Wäre das der Fall ge­
stärken. N u r eines heißt es: die Religion hat zwar wesen, ständen seine Freunde geschlossen hinter ihm, 
eine wichtige Aufgabe bei der Volkserziehung zu er­ dann brauchten wir uns überhaupt nicht lange mit 
füllen. aber sie gehört nicht als Lehrgegenstand an dieser Vorlage zu beschäftigen, dann könnten wir sie 
die Schule. D ie Religion als Lehre von der E r­ heute gleich ohne Kom m issionsberatung ab­
kenntnis der höheren Dinge darf nicht dem Staats­ lehnen. So wird ja leider eine Kommisstvns- 
zweck untergeordnet und damit ans der ih r gebührenden bcratung von Ihnen beschlossen werden.
Stellung verdrängt werden. Und aus dieser p rin ­ Meine Herren, ich möchte zunächst auf einen 
zipiellen Anschauung heraus muß ich mich gegen die Punkt aufmerksam machen, auf den bisher keiner 
Aufnahme des Geistlichen aussprechen. Gestatten der Herren Vorredner eingegangen ist. Der 
Sie, daß ich Sie auf eine Nation hinweise, über Magistrat hat uns seinerzeit mitgeteilt, daß er be­
welche w ir uns bis vor Kurzem hocherhaben dünkten. schlossen hat. bei dem Minister Beschwerde zu 
Ich habe neulich Gelegenheit gehabt, aus amtlichen erheben. I n  der neuen Vorlage teilt er uns nun 
Quellen eine Auseinandersetzung zu lesen über die mit, daß er von der Beschwerde Abstand genommen 
Fortschritte auf dem Gebiete des Schulwesens in hat, und zwar aus dem Grunde, weil er sich in 
Japan. Diese Nation hat die 8-klassige Schule, und Unterhandlungen mit dem Herrn Regierungspräsidenten 
90 0 /0  der gesamten die Schule besuchenden Kinder eingelassen hat, weil eine gemeinsame Sitzung zwischen 
erreichen das Lehrziel der Schule. Aber das ist auch Herren vom Magistrass und dem Regierungs­
Japan, dasjenige Land, das m it Stolz in das amtlich präsidenten stattfand. Dazu war der Magistrat 
herausgegebene Buch hineinschreibt: auf unseren formell zweifellos befugt. Aber ich glaube, daß es 
Schulen ist auch kein Unterricht in der Religion, nicht im Sinne der Mehrheit der Stadtverordneten­
sondern nur in der Ethik. versammlung gelegen hat, wenn er plötzlich einen 
Ich  sehe demnach nichts, was uns veranlassen ganz anderen Beschluß gefaßt und von der Be­
könnte, den Handel m it der Königlichen Regierung, schwerde Abstand genommen hat. Ich möchte au 
bei dem uns nichts geboten w ird als das Bekenntnis den Magistrat die Anfrage richten, ob er keine 
unserer Ohnmacht, abzuschließen. Es werden andere triftigen Gründe für sein Verhalten hat. Den 
Zeiten kommen, andere Präsidenten und andere Grund, den er hier angeführt hat, kann ich meiner­
Minister, und die nach uns hier in der Versammlung seits als stichhaltig nicht anerkennen. Ich bedaure 
sitzen, könnten schwere Vorwürfe gegen uns erheben, das namentlich, da dieser Vorgang, dieses Ver­
daß w ir eines der wichtigsten Rechte der Selbst­ handeln mit dem Regierungspräsidenten, auch anderen
        
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