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Periodical volume 27. September 1905

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1905

Anerkennung der außerordentlich tüchtigen wissen­ einem engeren Ausschuß besprechen. Ich stelle anheim, 
schaftlichen A rbeit", aber w ir können gern aner­ dem Antrage des Herrn Referenten stattzugeben.
kennen, was Herr D r. Gundlach in  dem Buche 
wirklich bewiesen hat: Fleiß und Gewissenhaftigkeit; Berichterstatter Stadtv. I ) r .  Hubatsch: Ich  hatte 
und deshalb wollen w ir ihn auch fü r die Mehrarbeit gedacht, w ir würden hier nicht in eine K ritik  des 
entschädigen. Werkes eintreten und lieber im Ausschuß etwas aus­
(Heiterkeit und Zustimmung bei den Soz ia l­ führlicher darüber sprechen. Nun ist es aber doch 
demokraten.) geschehen, Herr Kollege Baake hat das Werk kritisiert. Ich  freue mich aber, daß er in den Hauptpunkten 
Oberbürgermeister Schustehrus: Meine Herren, m it m ir übereinstimmt; denn was ich besonders her­
der Herr Vorredner hat eine wissenschaftliche K ritik  vorgehoben habe, ist der Fleiß, die Sorgfältigkeit in 
über das vorliegende Werk gehalten. Es ist jedem der Zusammenlegung, in der Sichtung und Prüfung 
Leser natürlich unbenommen, seine K ritik  zu üben, des vorhandenen M ateria ls. Es ist schon eine sehr 
und ich w ill die Übung einer solchen K ritik  nicht tüchtige Leistung, daß er dieses versprengte und ver­streute M ateria l überhaupt noch gefunden hat. E r 
angreifen. Aber ich w ill doch betonen, daß ich nicht hat da einen Spürsinn bewiesen, der wirklich aner­
der Ansicht des Herrn Vorredners bin, sondern viel­ kennenswert ist, und ich glaube nicht, daß er einen 
mehr zu der Ansicht mich bekenne, die Herr Stadtv. 
D r. Hubatsch vorhin ausgesprochen hat. Nachfolger bekommen wird, der noch wesentlich Neues finden wird.
Meine Herren, daß der persönliche Ton, das N un aber macht Herr Kollege Baake dem Ver­
starke Temperament, das der Herr Vorredner ver­ fasser einen schweren Vorwurf, indem er sagt: er hat 
mißt. in dem Buche fehlt, scheint m ir ein besonderer nicht nach großen Gesichtspunkten gearbeitet. Ja, 
Vorzug, nicht ein Mangel. Wenn eine Geschichte daran sind w ir schuld. Denn wenn S ie die Sache 
einer S tad t geschrieben w ird, so soll sie wahr bei Licht betrachten, so hat Charlottenburg bis 1870 
geschrieben werden. D er Geschichtsschreiber soll überhaupt keine Geschichte, sondern bis dahin ist 
meiner Ansicht nach die Wahrheit über die ge­ Charlottenbnrg ein ländliches Jdh ll, und über ein 
schichtliche Entwicklung ergründen und diese be­ ländliches Joh ll kann man keine Geschichte von 
richten; er soll nicht in den persönlichen Ton eines Ringen und Kämpfen schreiben; denn das ist nicht 
starken Temperaments verfallen, der uns dann seine vorhanden, es sind alles sehr kleinliche Verhältnisse. 
subjektiv gefärbte temperamentvolle Ansicht und nicht Und endlich von 1870 ab ist Charlottenburg gar 
etwas berichtet, was wirklich Geschichte ist. nicht als selbständiger Körper zu behandeln, in wel­
Meine Herren, in  der armen Zeit, in  der Char­ chem man ein ganz besonderes Leben und eine ganz 
lottenburg bis zum Jahre 1871 herangewachsen ist, besondere geschichtliche Entwickelung wahrnehmen 
sind in der S tad t Charlottenburg keine aufregenden könnte. Dann hätte der Verfasser eine Geschichte 
die W elt bewegenden Kämpfe aufgeführt worden; da von Groß-Berlin schreiben müssen, von dem Char­
gab es weiter nichts als ein armseliges, mühseliges lottenburg ein Glied ist, ein Glied, das beeinflußt 
Leben, und soweit die großen Gedanken der Zeit w ird von dem großen Körper. Also den Vorw urf 
ihre Wellenkreise auch hier nach Charlottenburg darf man dem Verfasser nicht machen; das hieße, 
trieben und auch hier in  Erscheinung traten, insoweit ihm eine unmögliche Aufgabe stellen; das hätte er 
hat der Verfasser auch alles dargestellt, was darge­ gor nicht leisten können.
stellt werden mußte. Das ist meines Erachtens ein Ich  meine, daß w ir in dieser Weise doch nicht 
wissenschaftlicher Vorzug des Buches: der Verfasser seine Arbeit kritisieren sollen. H ier handelt es sich 
ist streng der Wahrheit gemäß verfahren und hat um eine Geldfrage. Warum wollen Sie sich ans 
alles, was er in seinem Text als Geschichte gegeben den Standpunkt stellen, daß ihm diese Vergütung 
hat, durch Urkunden, die bisher nicht bekannt waren, nicht zu gewähren sei. weil seine Arbeit nicht so 
in sehr fleißiger Weise nachgewiesen. außerordentlich zu rühmen sei? Stellen Sie sich 
Daß er den politischen Anschauungen der heuti­ doch auf den Standpunkt, den S ie selbst anerkannt 
gen Zeit und ihrer Würdigung nicht näher getreten haben, daß der Verfasser m it außerordentlichem Fleiß, 
ist, halte ich auch fü r ein Verdienst des Werkes. ich möchte sagen: m it doppelt so großem Fleiß ge­
Denn ein Geschichtsschreiber, der über die Gegenwart arbeitet hat, als w ir haben voraussetzen können, und 
schreiben soll, in der er lebt und Partei nimmt, ist daß dafür die Vergütung gegeben werden soll. Der 
mehr oder weniger befangen. E in Geschichtsschreiber Magistrat spricht auch von keiner Ehrengabe, sondern 
soll sich deshalb hüten. Urteile über die Gegenwart von „einer außerordentlichen Vergütung" „ in  Aner­
abzugeben. Der Herr Vorredner hat sogar selber kennung der tüchtigen wissenschaftlichen Arbeitsleistung".
ein Beispiel angeführt, dafür, daß es sehr ratsam Ich  beantrage nochmals, die Vorlage einem 
gewesen wäre, wenn sich der Verfasser unserer Stadt Ausschuß zu übergeben, in dem über die Frage, die 
geschichte nicht auf die in letzter Zeit liegenden V or­ noch offen ist, und die der Herr Oberbürgermeister 
kommnisse eingelassen hätte, wo er sich als ein berührt hat. entschieden werden kann.
falscher Prophet erwiesen hat. —  Ich  meine also, 
daß gegenüber der K ritik  des Herrn Vorredners auch Stadtv. Baake: Meine Herren, der Herr Ober­
ein anderer Standpunkt m it Recht und m it Glück bürgermeister scheint m ir nicht sehr glücklich gegen 
vertreten werden kann. mich operiert zu haben. E r betonte m it besonderem 
Was nun die Anträge anbetrifft, die der Nachdruck, daß Herr D r. Gundlach so vollkommen 
Magistrat hier stellt, so glaube ich. daß es gut ist, der Wahrheit die Ehre gegeben hätte, daß er alles, 
wenn Sie sic in einen Ausschuß verweisen. Ich  kann was er Tatsächliches aufgefunden, gebracht hätte. 
z. B. dem nicht zustimmen, was der Herr Referent D am it schien er m ir sagen zu wollen, daß eine 
angeführt hat; ich fasse das vertragliche Verhältnis, temperamentvoll vorgetragene Wahrheit nicht mehr 
das die Stadt m it Herrn D r. Gundlach hatte, doch als Wahrheit zu gelten habe. Ich  meine: daß ein 
anders auf. Aber es w ird nicht möglich sein, das Geschichtsschreiber wahr ist, das ist eine Selbstver­
hier im Plenum zu erörtern; das kann man nur in ständlichkeit; er würde sonst auf den Ehrennamen
        
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