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Periodical volume 6. September 1905

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1905

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Hebung der Grenzsperre, der Bevölkerung Stadtv. B r. Zepter: Meine Herren, es handelt 
Charlottenburgs gutes und billiges Fleisch sich hier, wie Sie gelesen haben, um eine Bewilligung 
in genügender Menge verschafft werden kann. für eine an sich außerordentlich vortreffliche Institution, 
Wird dieser Antrag angenommen, dann nehme ich an, und man könnte der Sache ohne weiteres zustimmen. 
daß der Antrag Borchardt und Gen. zu 3 abgelehnt Es ist wohl niemand in dieser Versammlung, welcher 
ist; wird er abgelehnt, dann lasse ich über den An­ nicht der sozialdemokratischen Fraktion zutraute, stets 
trag Borchardt und Gen. zu 3 abstimmen. für solche Zwecke die nötigen Mittel bewilligen zu
wollen. . c r , = , „
Stadtv. Br. Borchardt (zur Geschäftsordnung): Indessen liegt die Sache hier doch etwas ander».
Der Antrag zu 3 in der ursprünglichen Fassung Sehen Sie sich an, von wem die Gründung der ist Heimstätte für unheilbare Lungenkranke ausgeht! 
zurückgezogen. Es ist der vielbekannte Pastor v. Bodelschwmgh. Die 
Sache riecht also ein bischen nach kirchlicher Ein­
Vorsteher Rosenbcrg: (Bitt, dann ergibt sich für mischung. Sie kennen unsere Stellungnahme gegen 
die Fassung des Antrages zu 3 der zuletzt von mir alle Dinge, die mit der Kirche in Zusammenhang 
verlesene Wortlaut. Nach der Abstimmung über diesen stehen Wir machen kein Hehl daraus und betonen 
Antrag lasse ich dann über den von Herrn Stadtv. das. so oft es irgend angeht: alles, was mit der 
Kaufmann und Gen. gestellten Antrag abstimme» Kirche öder mit kirchlichen Personen zusammenhängt, 
und. sollte dieser abgelehnt werden, über den Antrag ist wert, von uns mit einem gewissen Mißtrauen 
Borchardt zu 1, welcher den Magistrat ersuchen will: betrachtet zu werden. Gerade in einer Zeit der 
von der Regierung die sofortige Öffnung der unerhörten Verfrommung und Verkirchltchung. m 
Grenzen für gesundes Vieh zu verlangen. einer Zeit, wo die kirchlichen Beziehungen von oben 
herab in jeder Weise dem Volke, das in seiner 
(Die Versammlung lehnt den Antrag Borchardt großen Mehrheit nicht kirchlich gesinnt ist, aufgedlangt 
und Gen. zu 2 ab und stimmt sodann dem Antrage werden, in einer Zeit, wo es von kirchlichen Ein­
Borchardt und Gen. zu 3 in der von dem Stadtv. mischungen wimmelt, haben wir mehr Grund als je, 
Baake abgeänderten Fassung sowie dem Antrage Kauf­ alles was von kirchlichen Personen oder von der 
mann und Gen. zu. Damit ist der Antrag Bor­ Kirche selbst geschaffen ivird, uns scharf anzusehen. 
chardt und Gen. zu l  erledigt.) Der gute Zweck, der mit der hier zu begründenden 
oder schon begründeten Anstalt verbunden ist, kann 
Punkt 15 der Tagesordnung: uns darüber nicht hinwegbringen.Über die Persönlichkeit des Pastors v. Bodel- 
Vorlage betr. Beteiligung an dem diesjähri­ schwingh können ja die Anschauungen verschieden 
gen Brandenburgischen Städtetage. — Druck­ sein. Ich habe mir kein Urteil über seine Persön­
sache 291. lichkeit gebildet; sie ist mir vollständig gleichzeitig; ich lasse sie aus dem Spiel. Was ich hier sage, ist 
(Die Beratung wird eröffnet und geschlossen. nicht persönlich gegen den Pastor v. Bodelschwmgh 
Die Versammlung beschließt nach dem Antrage des gerichtet, sondern ich spreche rein grundsätzlich.
Magistrats, wie folgt: Wenn eine solche hygienische Anstalt errichtet 
Zu den Verhandlungen des diesjährigen Bran­ wird von dieser Seite, so kommen wir über den 
denburgischen Städtetages werden 24 Mitglieder Verdacht nicht hinweg, ob nicht damit auch kirchliche 
der Stadtverordnetenversammlung abgeordnet Nebenzwecke verbunden sind. Einmal derart, daß 
und wählt zu Abgeordneten die Stadtv. Barnewitz. die Kirche Propaganda machen will. Da soll es 
Dr. Bauer. Dr. Borchardt. Braune, Bruns, Callam. heißen: Seht her. was die Kirche alles Gutes tut!
Döbler. Dr.Frentzel, Freund. Heise, Holz, Dr.Hubalsch, — Es soll also hier etwas zum höheren Nutzen der 
Kaufmann, Leben. Pasche, Dr. Penzig, Protze, Otto, Kirche geschaffen werden. Andererseits wissen wir 
Nackwitz. Dr. Rose. Rosenbera. Sachs, Scharnbcrg nicht, wie der Ton gegenüber den Kranken ist. ob nicht vielleicht wieder den unheilbaren Patienten, 
und Vogel.) den Siechen eine kirchliche Frömmigkeit in unerhörter 
Weise aufgedrängt wird. Davor müssen wir uns 
Punkt 16 der Tagesordnung: in acht nehmen und die Bewohner der Anstalt zu 
schützen suchen. Solange diese Fragen nicht geklärt 
Vorlage betr. Bewilligung von M itte ln  zur sind, können wir nicht ohne weiteres einer solchen 
Instandsetzung einer Döcker'schen Baracke. — Institution eine Unterstützung von unserer Seite 
Drucksache 292. zuwenden. „ ...
Wenn etwas Derartiges zu gründen notig ist
(Die Beratung wird eröffnet und geschlossen. — und es kann ja keine Frage sein, daß wir Heim­
Die Versammlung beschließt nach dem Antrage des stätten für unheilbare Lungenkranke brauchen —, so 
Magistrats, wie folgt: sollen die Städte die Sache selbst in die Hand 
Dem Zentralkomitee der Deutschen Vereine nehmen. Wir, die Stadt Charlottenburg, können 
vom Roten Kreuz werden zur Instandsetzung Derartiges selbst gründen; wir können eventuell eine 
einer der Stadtgemeinde leihweise überlassenen Abteilung in unserem Siechenhause für solche Kranke 
Döckerschen Baracke 800 M  aus dem Dis­ speziell reservieren. Jetzt, wo der Brandenburgische 
positionsfonds bewilligt.) Städtetag in Aussicht steht, wäre es vielleicht^ange- 
messen, anzuregen, daß die Brandenburgischen Städte 
Punkt 17 der Tagesordnung: gemeinsam eine solche Anstalt -gründen. Denn ab­
gesehen von den kirchlichen Gründen habe ich noch 
Vorlage betr. Gewährung eines Beitrages den Grund, daß man die unheilbaren Kranken nicht 
siir die Pflegeftätte für Lungenkranke Gute nach Bielefeld schicken kann; diese weite Reise wäre 
Hoffnung. — Drucksache 293. für sie eine Gefahr. Wir sollten uns nicht damit
        
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