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Periodical volume 7. Juni 1905

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1905

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modernen Kriegführung fü r ein mörderische» Gemetzel ist unsere dringende Verpflichtung. I n  den letzten 
stattfindet, w ir w ir das ja im jetzigen Feldzug haben Jahren ist eine merkliche Abnahme des natürlichen 
mitansehen müssen, dann werden S ie die Notwendig­ Wachstums dieser S tadt zu verzeichnen. Im  Jahre 
keit eines solchen Vorgehens einsehen. Ich  w ill 1891 war auf je lo o o o  Einwohner ein Geburten­
damit nur demonstrieren, ein wie großes Jntereffe überschuß von 165 gegenüber den Gestorbenen vor­
der Staat an diesen Dingen Hai. daß es also auch handen, während 1904 nur noch ein Geburtenüberschuß 
die Pflicht des Staates ist, fü r seine Bürger in jeder von 79 vorhanden ist. Das sind doch ganz gewaltig 
Beziehung zu sorgen. Wie läßt es sich beim auch sprechende Zahlen!
anders erkläre», daß der Staat seine Söhne fü r seine Nun möchte ich mich noch zu der vorliegenden 
Zwecke in  Anspruch nimmt, wenn er nichts fü r die Frage über einige Punkte äußern. I n  der Kom­
Heranbildung dieser Söhne, fü r die Erhaltung des mission war z. B. die Rede von einer Milchproduktiv- 
Geschlechts tut. S ie sehen also deutlich, um was genvffenschaft, die sich in Charlottenburg gebildet und 
fü r eine eminent soziale Frage es sich hier handelt, bei uns den Antrag gestellt hat, die M ilch von ihr 
und daß der Staat kein loses Gebilde von In d i­ zu beziehen, m it dem Rechte, die Milchbereitung zu 
viduen sein kann, sondern daß alle miteinander ver­ kontrollieren. Ich  hielt dies fü r ein außer­
bunden sind —  alle fü r einen, einer für alle. Jeder ordentlich nützliches und wichtiges Angebot, habe auch 
hat ein Interesse am Staat, der S taat hat Jntereffe Zustimmung bei anderen M itgliedern der Kommission 
an dem einzelnen Ind iv iduum . gefunden. Indessen verlautet hier über diese Sache 
Ich  habe Ihnen nur an diesem Beispiel zeigen nicht das Geringste. Ich  möchte m ir doch die A n ­
wollen, daß es sich hier garnicht etwa um Armen- frage erlauben, was aus dieser Sache werden soll, 
Unterstützung handeln würde, sondern daß w ir aus ob sie ganz ad acta gelegt ist, oder ob w ir erwarten 
eigenem Jntereffe die M ütter bitten müßten, von können, daß dies Projekt noch weiter auf die Tages­
uns den Zuschuß anzunehmen. D ie M ütte r sollen ordnung kommen wird. Ich  frage überhaupt an, ob 
uns nicht kommen und werden uns nicht kommen; die Kommission aufgelöst ist, oder ob w ir noch weitere 
sie denken auch garnicht daran, soviel S tolz ist in Sitzungen haben werden. Meines Wissens ist die 
jeder M utte r Brust, daß sie uns Zucht um eine Unter­ Kommission in der Idee auseinander gegangen, daß 
stützung kommen würden, so daß der M ann vielleicht noch weitere Tagungen folgen werden, während jetzt 
die öffentlichen Rechte verliert, lieber ernähren sie die plötzlich ohne nochmalige Beratung diese doch an sich 
Säuglinge so gut oder so schlecht, wie sie eben können. sehr kleine Vorlage gekommen ist.
Aber w i r  muffen der M utter kommen, müssen sie Bezüglich der Einzelheiten möchte ich noch fragen, 
bitten, die Kinder selbst zu nähren, wenn sie irgend wie es sich m it der Stelle in  der Kirchstraße ver­
kann, und müssen fü r den Schaden, den sie hat, hält. Zuerst war die Rede davon, daß eine der 
aufzukommen suchen. Das ist eine Politik, welche Ordinationsstellen, der Fürsorgestellen fü r Säuglinge 
segensreich sein würde und welche allerdings größere, in dem Wöchnerinnenheim in der Kirchstraße Platz 
ersprießlichere Folgen hätte, als wenn man große Feste finden sollte. D as ist jetzt nach der Vorlage fallen 
feiert, höfische Zeremonien veranstaltet, die ja sehr gelassen; es handelt sich da kurz nur um drei Stellen, 
glänzend nach außen sein mögen, womit aber nie­ "außer der Stelle des Vaterländischen Frauenvereins. 
mandem gedient ist. Ich  möchte daher fragen, warum von dieser Stelle 
Ich  habe schon erwähnt, daß w ir den Antrag abgesehen worden ist.
stellen werden —  ich werde ihn nachher formulieren —", I n  Bezug auf die Milchkontrolle wollte ich mich 
M itte l auszuwerfen zur Unterstützung von Schwan­ ebenso äußern, wie das bereits Herr Kollege Spiegel 
geren und zum Ersatz fü r den entgangenen Erwerb getan hat. Gegen die Vermittelung des Armen­
der M ütter, welche stillen könnten. kommissionsvorstehers bei der billigeren Lieferung an 
Wie wichtig diese Frage ist. möchte ich Ihnen Unbemittelte möchte ich mich ebenfalls wenden. Alles, 
auch noch demonstrieren an der Monatsübersicht des was in das Armenressort fä llt, hat eben ein gewisses 
statistischen Amts über den M onat Dezember vom Odium an sich und erschwert den ganzen Gang. 
21. Januar 1905. Da heißt es: D ie auf 1000 E in ­ Warum sollen w ir den Leuten, welche notorisch arm 
wohner entfallende Zahl der Geburten ist wieder sind und diesen Preis nicht zahlen können, es schwer 
herabgegangen, sie ist gleich 22,27; ih r Wert war in machen? Dann w ird ihnen schließlich die ganze 
den Jahren 1900 bis 1903: 26,3, 25,3, 24,1, 23.1, Geschichte langweilig, und sie lassen es lieber ganz. 
ist also beständig gefallen, während im Jahre 1875 Ich glaube, soviel Menschenkenntnis müssen w ir schon 
in Charlottenburg noch 49,7 Geburten ans looo  E in­ den Ärzten und Pflegeschwestern zutrauen, um über 
wohner kamen. —  Nun w ill ich ja  zugeben, daß die Bedürftigkeit selbst entscheiden zu können. Unsere 
das nicht allein an der Abnahme der Geburten über­ Bestimmungen müssen so wenig umständlich wie 
haupt liegt, sondern zum Teil an der Veränderung möglich sein.
des Charakters unserer Bevölkerung. W ir hatten ja Ich  möchte also diesen Antrag, wie er hier ge­
den Zuzug von wohlhabende», reichen Leuten, auch stellt ist. bis auf einige Kleinigkeiten unterstützen, 
wohl infolgedessen vielfach älteren Leuten, die also möchte seine Annahme befürworten, andererseits aber 
keinen Nachwuchs mehr zu erwarten haben, während bitten, daß w ir bald eine weitere Vorlage in  diesem 
auch die jüngeren reicheren Leute gewöhnlich weniger Sinne erhalten und stelle hiermit den Antrag, schon 
Kinder zu bekommen pflegen, als die armen Leute. fü r das laufende Jahr 30000 M  fü r Schwangere 
Also ein T e il dieses Verhältnisses ist dadurch zu er­ und fü r M ütter, welche event, stillen könnten, aus 
klären; aber es hat doch immer eine wirkliche Ver­ dem Dispositionsfonds zu entnehmen und in  den 
minderung stattgefunden, und wenn das so ist. dann Etat fü r das nächste Jahr eine entsprechend höhere 
ist es durchaus nötig —  ich w ill nicht sagen, daß Summe einzustellen.
w ir jetzt eine Prämie "aussetzen sollen auf die Kinder­ Vorsteher'Rosenbcrg: Haben S ie Ih re n  Antrag 
erzeugung, wie das ja im Altertum vorkam und in schriftlich form uliert, Herr D r. Zepter ?
Frankreich wohl zeitweilig auch geschehen ist —  aber (S tadtv. D r. Zepler: Nein.)
daß w ir dafür etwas tun, daß die bereits entstan­ Es würde m ir angenehm sein, wenn S ie  ihn «ur­
denen Indiv iduen nicht elend zu Grunde gehen. Das schriftlich einreichen wollten.
        
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