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Periodical volume 18. Mai 1904

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1904

läge leidet, das sind die armen Kinder, denen eine Wenn behauptet worden ist, w ir könnten es den 
Wohltat erwiesen werden soll. Der Leidtragende jüdischen Mitgliedern des Vereins überlassen, sich 
würde also einer sein, der jene Bestimmung nicht selber zu schützen, sie brauchten ja nicht einzutreten, 
zu vertreten hat, von dem Sie alle nicht wollen, von so glaube ich, im -kamen meiner Freunde zu 
dem der Stadtv. Dr. v. Liszt auch nicht w ill, daß sprechen, wenn ich sage: w ir denken gar nicht daran, 
er die Kosten tragen soll. Also ich glaube, meine die jüdischen Mitglieder, die eingetreten sind, irgend­
Herren, das, was Sie unternehmen wollen, einen wie in ihrem Stimmrecht zu schützen. ES kommt 
energischen Vorstoß gegen die Reaktion, das gelingt uns auf die Mitglieder gar nicht an, sondern w ir sind 
hier nicht. Dazu ist dieses Objekt ein untaugliches der Meinung, daß w ir von Stadt wegen ganz 
M itte l. prinzipiell daran festhalten sollen, daß w ir'dort, wo 
Ich möchte deshalb im Interesse der Kinder, w ir ausgesprochen antisemitische Bestrebungen finden, 
denen doch das Heim dienen soll, bitten, die Magistrats­ unsererseits sagen: w ir tun nicht mit.
vorlage anzunehmen. Sollten Sie sich dazu nicht Meine Herren, so tragisch ist die Geschichte nicht. 
entschließen können, so möchte ich m ir erlauben, Es ist gesagt worden, die Statuten könnten jeden 
Ihnen einen Vorschlag zu machen. Vielleicht ver­ Augenblick geändert werden. Ja. gewiß, warum sind 
weisen Sie die Sache dann in einen Ausschuß wegen sie nicht geändert worden? Das letzte M a l bei den 
der Beschlußfassung und der eingehenden Beratung 3000 M  wurde gesagt: w ir wollen diesmal die 3000 M  
über die Preisfestsetzung, die Herr Dr. Borchardt bewilligen, bis zum nächsten M a l wird das geändert 
angeregt hat. Es dauert ja eine Weile, bis der sein. Heute stehen w ir wieder vor der Frage — sie 
Ausschuß tagt, unterdeß kann sich ja  etwas ereignen, sind nicht geändert worden. Ich möchte dem Magistrat 
das die Herren befriedigt. Der Stadtv. Protze ist den ganz kleinen, bescheidenen Vorwurf nicht ersparen, 
ja hier; er ist M itglied des Gemeindekirchenrats; er daß er, da ihm die Stimmung der Versammlung 
tut vielleicht Schritte, die es dem Ausschuß nachher durchaus bekannt war, da die damalige M ajoritä t 
erleichtern, der Stadtverordnetenversammlung vorzu­ zu gunsten des Vereins eine verschwindend kleine 
schlagen, der Vorlage des Magistrats beizutreteu. gewesen ist, daß er, obwohl ihm dies bekannt ge-. 
wesen ist, nicht, bevor „er die Vorlage eingebracht 
Stadtv. Protze: Meine Herren, ich würde gegen hat, auf Beseitigung oder Änderung dieses Paragraphen 
den Vorschlag des Herrn Oberbürgermeisters nichts hingewirkt hat.
einzuwenden haben, wenn die Sache nicht so dringend Ich möchte Sie bitten, meine Herren, unserm 
wäre. Es ist ja schon ausgeschachtet, w ir lauern ja schon Antrage Folge zu geben. Ich glaube, versichern zu 
daraus, daß gebaut werden soll. Es würde sich doch können: wenn das S tatut geändert wird —  Gott, 
immer eine Zeit von zwei Monaten hinziehen, che eine Mitgliederversammlung kann man doch in 8 oder 
w ir so weit kommen. Ich bin aber damit einver­ 14 Tagen einberufen! — , und wenn Sie m it einer 
standen, wenn Sie beschließen, die- Vorlage anzu­ neuen Vorlage kommen auf Grund der veränderten 
nehmen m it dem Hinzufügen: falls der Paragraph Statuten, dann wird sic glatt durchgehen, und Sie 
so und so nicht geändert wird, würde die Stadt für werden Einstimmigkeit dafür erzielen!
spätere Zeiten das nicht mehr unterstützen. Dagegen 
habe ich nichts, und ich bin überzeugt, daß der Ge- Stadtv. D r. Zeplcr: Meine Herren, die exponierte 
meindekirchenrat oder der Vorstand vom „Kaiser Stellung, in der sich mein Fraktionsgenosse Dr. 
Friedrich-Andenken", in dem ja vernünftige Leute Borchardt gegenwärtig befindet, war wohl der Anlaß, 
sind, die die ganze Sache nicht kennen — ich habe daß er eine von der Fraktion abweichende Ansicht ausge­
von dem Paragraphen auch nichts gewußt — , alles sprochen hat,
tun werden, um die Schwierigkeiten aus dem Wege (Heiterkeit)
zu räumen. Ich möchte Sie bitten, meine Herren, eine revisionistische Ansicht. Ich glaube, ihm Gelegen­
uns hier nicht einen Stein in den Weg zu legen. heit zu geben, diese Ansicht zu korrigieren, wenn ich 
Die armen Kinder, die jetzt nur provisorisch unter­ ihn darauf aufmerksam mache, daß es m it den Statuten 
gebracht sind, leiden wirklich darunter. doch etwas anders liegt. Ich sagte schon damals: 
die Statuten sieht mau sich gewöhnlich nicht an, wenn 
Stadtv. Dr. v. Liszt: Meine Herren, ich kann man einen Beitrag zeichnet; da gehen Sammler von 
mich ganz kurz fassen. Der Herr Oberbürgermeister Haus zu Haus, und wie es gewöhnlich bei solchen 
hat darauf hingewiesen, w ir sollten die Frage nicht wohltätigen Sachen ist, ohne lange darauf zu sehen, 
mit einem_ übermäßigen Pathos behandeln. Ich unterzeichnet man einen einmaligen oder Jahresbeitrag. 
glaube, so sehr pathetisch sind w ir alle miteinander Darin liegt das, was ich damals perfide genannt 
nicht, und ein klein wenig Pathos lag auch in den habe. Dafür sind die jüdischen Gelder gut; aber 
Worten des Herrn Oberbürgermeisters, als er sagte, stimmen sollen sie nicht. Wenn Herr Gredy sagt: 
w ir sollten doch die armen, kleinen Kinder bedenken, die Juden sind so wohltätig —  ich mache keinen 
die in Frage kämen. E in ähnlicher Gedanke ist ja Unterschied zwischen Juden und Christen, ich als Un- 
auch von anderer Seite ausgesprochen worden- religiöser, wenigstens dem Buchstaben nach Unreligiöser 
Run möchte ich dem Herrn Syndikus gegenüber unterscheide so nicht; aber Sie haben den Unterschied 
bemerken, daß er den Standpunkt, den w ir einnehmen, gemacht und gesagt: die Juden sind so wohltätig — 
vollständig verschoben hat. W ir wenden uns gar nun, gut, wozu macht man an dieser Stelle dann 
nicht dagegen, daß Grundstücke au die Luisenkirchen­ einen solchen Unterschied? Das ist doch im höchsten 
gemeinde abgetreten werden, w ir wollen nicht, daß Maße unjüdisch oder unchristlich.
sie anders behandelt werde; aber w ir treten — das Meine Herren, nehmen Sie den Antrag nicht 
geht aus § 1 Absatz 2 ganz ausdrücklich hervor — an! Sorgen Sie wenigstens dafür, daß eine 
das Eigentum dieser beiden Parzellen m it der Auf­ möglichst grofec_ M inoritä t dagegen ist, damit 
lage ab, „sie dem Kaiser Friedrich-Andenken zu dessen der Bezirksausschuß Bescheid weiß, vor allen 
jetzt giltigen statutarischen Zwecken dauernd zu über­ Dingen, damit sich die fromme Gesellschaft danach 
lassen", und gegen diese Zweckbestimmung der über­ richtet und uns das nächste Jahr nicht wieder m it 
tragenen Fläche wenden wir uns ausdrücklich. solchen Statuten kommt. Der Herr Oberbürgermeister
        
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