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Periodical volume 18. Mai 1904

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1904

gesundheitliche Frage anlangt, so sprach der Herr- nachdem wir eben ein neues schönes Schulgebäude 
Stadtschulrat von einem Zusammenströmen des Publi­ hingebaut haben, anzusaugen, einen Teil desselben 
kums in der Schule. Na. das kaun man sich doch einzureißen und wieder anders zu bauen, um diese 
nicht so vorstellen, daß die Lesehalle und die Filiale neu hergerichteten Räume einem ganz heterogenen 
der Bibliothek von so großen Menschenmassen frequen­ Zweck dienstbar zu machen. W ir stehen doch wirklich 
tiert werden würde. Es wird wahrscheinlich doch in Charlottenburg nicht so da, daß w ir diese beiden 
nur immer eine verhältnismäßig kleine Anzahl des ganz von einander verschiedenen Zwecke miteinander 
Publikums sein, die von dieser Filiale Gebrauch durchaus verquicken müssen. Gefällt den Herren 
macht, die größere Masse wird sich wohl nach Ver­ dieses Lokal, das wir mieten wollen, nicht für die 
alten Bibliothek wenden, wo sie bisher gelesen hat. Lesehalle, nun gut, dann lehnen Sie das Lokal ab, 
Es ist noch betont worden, daß man die Räume voll­ lehnen Sie unsere Vorlage ab und sagen s ie : 
ständig absperren kann. daß man die Zimmer, die Magistrat mag ein neues Lokal suchen! oder wenn 
Korridore, den Eingang von der Schule sondern kann, überhaupt die 1800 M  Ihnen zu viel scheinen für 
sodaß also keine Berührung stattfindet. Es kaun dies diesen Zweck, daun lassen wir die Sache überhaupt 
doch nicht allzu schwierig sein. Es wird doch wohl noch — die Sache verträgt das, sie kann auch ein 
möglich sein, daß in einem großen Schulhause, welches paar Jahre noch ausgesetzt bleiben, — bis w ir endlich 
für' 24 Klassen berechnet ist und in welchem doch ein Lokal haben, das besonders für diesen Zweck 
jetzt bloß 6, 7, 8 Klassen und auch in nächster Zeit hergestellt ist. Aber die beiden Dinge miteinander 
noch nicht die Hälfte der Schule in Gebrauch ge­ verquicken, das w ill mir nicht in den Sinn, zumal 
nommen wird, ein paar Räume für solche Zwecke nach den Ausführungen des Herrn Baurats Schwierig­
abgezweigt werden, die doch auch zuletzt Kultur- keiten in polizeilicher Richtung zu erwarten sind und 
zwecke sind. außerdem der Umbau schließlich mehr Geld kostet 
Dann möchte ich nochmals darauf hinweisen, als die Anmietung des Lokals.
daß wir vorschlagen, diese Räume zu wählen, weil Also ich möchte meinen, meine Herren, wenn 
sie gut gebaut und ausgestattet sind mit allen Vor­ Ihnen unsere Vorlage an sich nicht gefällt, so lehnen 
zügen der Heizung und Beleuchtung. Es ist doch Sie sie einfach ab; aber die Lesehalle in das Gymnasim 
bei diesen gemieteten Räumen im höchsten Grade hineinzubringen, davon möchte ich bitten Abstand 
zweifelhaft, ob das in ähnlicher Weise sich wird her­ zu nehmen.
stellen lassen.
Was nun die Ansteckung im allgemeinen betrifft, Stadtv. in-. Frcnyel: Meine Herren, ich möchte 
so habe ich das mehr für Gespensterfurcht gehalten, mir doch erlauben, die Gründe, die der Herr Stadt­
was da geltend gemacht wird. Wenn wir so ängstlich schulrat vorgebracht hat, dringend zu unterstützen 
sein wollten, daß wir jede Berührung der Kinder und auch von meinem Standpunkt als Arzt aus die 
ausschließen, dann müssen wir überhaupt den Schul- Magistratsvorlage zu empfehlen. Wenn der Herr 
und den Massenunterricht aufheben. Denn aus wel­ Referent eben noch in seinem Schlußwort ausgeführt 
chen Häusern kommen alle die Kinder, aus welchen hat, daß eine ganze Reihe von Gefahren in bezug 
Familien! Die sind ganz verschieden geartet in auf Ansteckungskrankhciten tagtäglich unterlaufen, die 
bezug aus die Vorsicht und die Behandlung der wir nicht in der Hand haben, und die wir nicht ein­
Familienmitglieder in Krankheitsfällen. Man darf dämmen können, so ist das ohne weiteres richtig. 
doch die Sache sich nicht so vorstellen, daß das Publi­ Aber das darf uns doch iit keiner Weise hindern, 
kum, das mit dem Büchertier sehr zu tun hat, mit da Vorkehrungen zu treffen, wo w ir es in der Hand 
tausend .Krankheitskeimen behaftet ist, während die haben, derartige Ansteckungsgefahren zu verhüten 
Kinder vollständig intakt und frei sind. Das ist doch oder jedenfalls auf ein Minimum einzuschränken.
in dieser Weise nicht der Fall. I n  unseren groß­ Daß verhältnismäßig nur eine geringe Zahl 
städtischen Verhältnissen, >vv die Verkehrsmittel ohne von Besuchern kommen wird, das können w ir heute 
jede Rücksicht benutzt werden von Kindern sowohl noch nicht recht übersehen. Jedenfalls kommt aber 
wie von Erwachsenen, wo der Straßenverkehr so eng das Publikum aus allen möglichen Gegenden, aus 
ist und sich alles drängt, bei unsern Spielveihältuissen den umliegenden Straßen zusammen, und es ist sehr- 
der Kinder, die aus einem engen Raume zusammen leicht möglich, daß, ivenn in irgend einem Viertel 
massenhaft spielen, da, meine ich, liegt eine viel eine Epidemie, sagen wir Masern. Scharlach, wo­
größere Gefahr der Ansteckung vor, als dies der Fall möglich Diphtherie, herrscht, diese Krankheiten in 
ist in Schulräumen. die hygienisch vorzüglich ausge­ die Schule hineingetragen werden, und der Stand­
stattet sind, wenn abseits und von den Schulzimmern punkt, daß die Stadt Charlottenburg die Verant­
abgesperrt noch eine Einrichtung für das Lcsepublikum wortung dafür nicht aus sich nehmen kann, daß 
besteht. Ich kann da wirklich eine hygienische Ge­ eventuell auch nur ein einziges unglückliches Kind 
fahr nicht erblicken und wiederhole die Bitte, den durch diese Maßnahme infiziert wird, erkrankt oder 
Antrag des Ausschusses zu genehmigen. womöglich stirbt, besteht für mich vollkommen zu 
Recht. Ich möchte deshalb Sic doch bitten, da cs 
Stadtschulrat J)r. Renfert: Meine Herren, ich bin sich nur um eine verhältnismäßig sehr geringe Summe 
in der Lage, zu erklären, daß der Direktor der An­ handelt, nicht am falschen Platze zu sparen und der 
stalt nach wie vor Bedenken hat. Dieselben würden Magistratsvorlage ohne weiteres zuzustimmen.
sich nur verringern, wenn die Besuchszeit der Volks- 
bibliothek in die Zeit nach Schluß des Hauptuuter- 
richts fällt. Stadtv. Gleim: Meine Herren, was die hygie­nischen Bedenken betrifft, so stehe ich vollständig auf 
(Die Besprechung ist wieder eröffnet.) dem Standpunkt des Herrn Referenten. Ich kann 
mir nicht denken, daß hier wirklich hygienische Be­
Oberbürgermeister Schustchrus: Meine Herren, denken vorliegen, wenigstens nicht in einem höheren 
es will mir auch der Antrag des Ausschusses nicht Grade, als sic bei andern Gelegenheiten, die ja der 
recht zweckmäßig erscheinen. Ich meine, wir bauen Herr Referent erwähnt hat. ebenfalls bestehen. Soll­
Gymnasien für Schulzwecke, und wir sollen uns hüten, ten bei mir noch hygienische Bedenken geblieben
        
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