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Periodical volume 23. November 1904

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1904

immer das  S on n iag sp ub lik um  das  maßgebende. I c h  erinnere an  d as  Schil lertheater, das  w ir  be­
D a s  S onn tagspub likum  besteht nicht gerade a u s  den schlossen haben zu bauen, d as  nach seinem i n n e r e n  
wohlhabenden, sondern vielmehr a u s  den minder be­ Zweck durch einen bedeutungsvollen Zweig der Kirnst, 
mittelten Klassen, die aber allerd ings durch die fort­ die Schauspielkunst, u n s  die Werke der Dichtkunst 
währende Übung ihren Geschmack geläutert und —  die vielleicht die höchste überhaupt ist —  über­
einigermaßen ein gewisses Urteil über das  künst­ mitteln  soll, und  das  auch äußerlich sich a l s  Kunst- 
lerisch Schöne erlangt haben. E s  ist das  auch werk darstellen wird. I c h  erinnere daran , daß  wir 
ganz begreiflich, denn sie geben sich am  meisten ihrer das  Kaiser Friedrich-Denkmal einem bedeutenden 
natürlichen Em pfindung hin, während die Kunst­ Künstler unseres V aterlandes  übertragen haben. Kurz, 
kritiker und auch die gewohnheitsmäßigen Besucher w ir  haben doch gewiß gezeigt, daß w ir  bestrebt sind, 
der G alerien  usw. sich sehr leicht in  Vorurteile , auch auf dem Gebiete der Kunst u n s zu betätigen.
vorgefaßte M einungen  verirren und dadurch beeinflußt Auch bei unserem R a th a u s  haben w ir  —  und 
werden. Also m it  einer sachverständigen Kunst- dabei befinde ich mich in ganz bewußtem Gegensatz 
kommission tu n  wir, glaube ich, einen S p r u n g  ins  zu H e r rn  S ia d tv . Baake —  gezeigt, daß  mir der 
Dunkle, und ich weiß nicht, ob w ir  d am it  günstige Kunst dam it eine S tä tte  bereiten. D a s  Urteil des 
Erfahrungen machen werden. M i l  welchen Sachen  H errn  S ta d tv .  Baake üver unser R a th a u s  und  den 
sonst sie sich zu beschäftigen haben würde, ist m ir  T u rm  ist recht bezeichnend dafür, w as  fü r  ein eigen 
vollständig unklar nach dem Ausdruck des A n t ra g e s ;  D in g  die Kunst und  ihre Kritik ist, und  wie die 
sie würde sonst nach meiner Ansicht g a r  nichts zu Menschen so ganz verschiedene Ansichten über das  
tun  haben. haben, w as  schön und  künstlerisch ist. M eine Herren, 
W ir  werden gewiß auch bereit sein, wo es a n ­ es gilt von dem braven, trotzigen T u rm ,  der sich 
gezeigt ist. z. B .  bei der Ausschmückung des R a t ­ über unserem Rathause erhebt, das  alte W ort.  das  
hauses oder bei Errichtung  von D enkm älern, auch schon im M itte la lle r  ga l t :  „W er da bauet an  der 
fü r  die M itte l  zur Herstellung derartiger Kunstwerke S t r a ß e n ,  m uß  die Leute reden lassen."
zu stimmen. Aber es ist viel richtiger, das  in jedem (Heiterkeit.)
einzelnen F a l le  zu tun, a ls  eine allgemeine D e m  T u r m  wird  es nicht weh tun, daß  H e r r
Organisa tion  dafü r  zu schaffen, eine D epu ta t ion  ein­ S ta d tv .  Baake heute ein so abfälliges Urteil über 
zusetzen, die nun  a ls  gewissermaßen approbierte ihn  gefällt hat. E r  wird viele J a h rh u n d e r te  stehen 
Sachverständige darüber  zu befinden hat. und sich freuen an  dem Lobe. d as  die meisten anderen 
V on  dem H errn  Kollegen Baake, der ja  aller­ ihm zuteil werden lassen, und  mit Gleichmut auf  die 
dings, m ir  unbegreiflich, doch schließlich fü r  den A n ­ T ad le r  herabichauen Und ebenso ist es mit unserem 
trag  zu stimmen erklärt hat, ist m it  Recht ausgeführt Rathause. I c h  habe die G enug tuung  gehabt, daß 
w orden : solange noch andere Bedürfnisse zu be­ namhafte Künstler, die nicht auf der S e i te  der
friedigen sind. ist es nicht angezeigt, M itte l  für modernen Kunst stehen, nach deren F orderungen  unier 
diesen Zweck in den E ta t  einzusetzen. W ir  begeben R a th a u s  aufgeführt  ist, sondern die streng an  die 
u n s  da meiner Ansicht nach auf  eine sehr schiefe alte Kunst sich halten, mit Anerkennung von den 
Ebene, au f  der w ir  immer weiter hinabgleiten, und Leistungen gesprochen haben, die die beiden Archi­
es kann u n s  in  allen möglichen F ra g e n  nachher a ls  tekten in  diesem Rathause geschaffen haben, und  be­
P r ä ju d iz  entgegengehalten werden, w enn w ir  jetzt zeugt haben, daß in  der T a t  ein Kunstwerk hier 
dafü r  eintreten. errichtet ist. I c h  führe dies a n  m i t  Rücksicht au f  
Also ich komme, a u s  den verschiedensten G rü nd en  die Herren Architekten, denen großer D a n k  gebührt 
meineste ils  zu der Überzeugung, daß die A nträge  in nach dem Urteil der allermeisten Leute, die über das  
allen Richtungen ganz u nannehm bar  sind. R a th a u s  eine Kritik ausiprechen.
M eine  Herren, d a s  erkenne ich aber weiter m it
Oberbürgermeister Schustehrus: M eine Herren, dem H errn  Referenten an, daß die S t a d t  C harlo tten ­
ich gebe dem H errn  Antragsteller Recht: Charlo tten ­ burg d a s  nob ile  off ic ium  hat, fü r  die Kunst mehr 
burg ist noch feine Kunststadt; sie ist es nicht, wie zu tun , a ls  sie bisher getan h a t ;  d as  erkenne ich 
andere S tä d te  von gleicher G röße  es sind, die sich m it H e r rn  S ta d tv .  Baake in vollem M a ß e  an, daß 
bemühen, daS S tadtgebie t  m it  Kunstwerken zu die Kunst nicht bloß ein überflüssiger L uxus ist, 
schmücken. Aber ich möchte ih r  d a ra u s  doch nicht sondern e ins der hervorragendsten Kulturelemente; 
einen V o rw u rf  machen, wie er a u s  den W orten des und wehe der S t a d t ,  wehe den B ü rge rn ,  wehe der 
H errn  Antragstelleis herausklang. Charlottenburg S tad tv e rw a l tun g ,  die das  jem als  übersehen sollte!
h a t  sich erst sein Heim , sei» H a u s  bauen müssen. M eine  Herren, die Geschichte der Entwicklung 
Erst m uß  m an  das  H a u s  haben, die R äum e müssen der deutschen S tä d te  sollte u n s  lehren, wie wichtig 
d rin  bereitet sein und  die M öbel, die m a n  not­ es ist, daß  m a n  diese Ueberzeugung Hai. Alte 
wendig braucht zum Wohnen, und wenn m an  dann S tä d te  wie N ü rnb erg  und  M ünchen, von denen die 
allmählich in die Lage gekommen ist, sich etwas be­ letztere noch heute in  Deutschland die F ü h ru n g  au f  
haglich ausdehnen zu können, dann erst schmücktm an dem Gebiete der Kunst hat. zeigen u n s  deutlich, von 
seine W ohnung. Nach dieser gewiß richtigen M ethode welcher Wichtigkeit es für  das  aufwachsende Geschlecht 
eines P r iv a tm a n n e s  ist auch Charlottenburg  vorge­ ist, wenn die S tad tv e rw a l tun g  sich müht. das  G efühl 
gangen, und der H err  Antragsteller hat wohl über- für Schönheit und H arm on ie  in die Bürgerschaft 
sehen, daß wir seit längerer Zeit schon dabei sind, hineinzutragen und  die aufwachsende J u g e n d  gewisser­
die Kunst auch unseren Arbeitsgebieten zuzugesellen. maßen mit Z w an g  d a rauf  hinzuweisen, w a s  schön 
Ic h  erinnere n u r  an d as  R a th a u s ,  das  w ir  vor ist, damit sie die I d e e  des Schönen und Harmonischen 
sieben J a h r e n  beschlossen haben zu bauen, an  die jeden T ag  von Kindheit a n  in  ihre Seele  aufnim m t.
Charlo ttenburger Brücke, über deren B a u  w ir  vor D ie  S t a d t  C harlo ttendurg  m uß  ganz besonders 
fünf  J a h r e n  Beschluß gefaßt haben, und  bei der wir noch dieses nob ile  officium empfinden, seitdem sie 
u n s  doch gewiß redlich bemüht u nd  gequält haben, Akademienadt geworden ist, seitdem w ir  die Ehre 
etwas Schönes  herauszubekommen. haben, die Akademien der bitdenven Künste und  der 
(Zustim m ung.) Musik in  unseren M a u e r n  zu sehen und  —  nicht
        
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