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Periodical volume 23. November 1904

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1904

bestehende Deputation zu ermächtigen, ihrerseits diese einige merkwürdige Aufgaben genannt, z. B. die, 
Bürgerdeputierten zu wählen. daß die vorhandenen Kunstwerke Charloltenburgs 
Ich bitte Sie also, meine Herren, bringen Sie registriert werden sollen. Run muß ich sagen: wenn 
dieser Anregung Ih re  wohlwollende Erwägung ent­ ich das B latt ausfällen sollte, dann würde es weiß 
gegen und stimmen Sie meinem Vorschlage bei. bleiben. Ich sehe noch nichts von den vorhandenen 
Kunstwerken Charloltenburgs. Ich besinne mich ja, 
Stadtv. Baake: Meine Herren, es fä llt meinen daß w ir irgend eine bang träumende Leonore oa 
Freunden und m ir nicht leickn, dem Antrag des irgendwo zu stehen haben, die das Werk eines 
Kollegen Holz zuzustimmen. Wenn w ir einen Bick Künstlers ist, der sich mit Marmor beschäftigt.
auf die außerordentlich große Zahl sozialer Aufgaben (Heiterkeit.)
werfen, die die Stadt noch zu erfüllen hat, so wird Ich  entsinne mich. daß w ir das Reiterstandbild 
man fragen können: gibt cs fü r Charlotten bürg irgend eines Hohenzollernfürsten aufgestellt, wenigstens 
nicht wichtigere Dinge zunächst zu tun als die Bereit­ den Grund und Boden dazu hergegeben haben, lind 
stellung von 20 000 M . fü r Kunstzwecke? Wie hoben dann könnte man unser Rathaus nehmen, das ich 
in  diesen Tagen eine Statistik erhalten über die aber nicht mitzählen würde. Ich  fürchte, über 
Arbeitslosigkeit, wie sie in Charloltenburg augenblicklich unserm Rathaus schwebt ein böser Stern. Wenn ich 
herrscht; sie ergießt, daß etwa 500 Arbeitslose vor­ m ir den hohen Turm  ansehe, der über dem Giebel 
handen sind, und wenn ich davon die Saisonarbeiter unseres Rathauses sich erhebt, dann weiß ich nicht, 
abziehe und diejenigen, die im  Streik sind, werden ob nicht die S tadt die 20 ooo M  in  den Etat ein­
doch immerhin 250 bis 300 Arbeitslose zu zählen stellen sollte, um diesen Turm  wieder abzutragen.
sein. A ll diese Leute, die zeitweise wenigstens m it ('Bibelspruch und Heiterkeit.)
äußerster Bedürftigkeit zu kämpfen haben, haben nach N un weiß ich aber nicht, ob nicht gerade 
unserer Auffassung auch ein Anrecht auf H ilfe  seitens Charloltenburg berufen ist, in  dieser Beziehung etwas 
der Stadt. Sehen w ir dann weiter den Kreis der zu tun. Ctiarlotleuburg kann sich darauf berufen, 
Aufgaben, der in zahllosen Anträgen bereits in daß es diejenige S tadt Preußens ist, die der Rmn« 
diesem Jahr die Stadtverordnetenversammlung be­ stemkunst der Sezession ein Asyl gewährt hat, und 
schäftigt hat; denken w ir an die Fürsorge für die wenn w ir sehen, wie der Strich der Kunstbegasine 
Säuglinge, wie sie jüngst angeregt worden ist, an sich bis an die Grenzen unserer Stadt ausdehnt, 
das Wöchnerinnenheim und Waisenhaus; denken w ir wenn w ir daran denken, was fü r eine wunderbare 
daran, daß auch die städtischen Arbeiter eine Besser­ Marmorkonfekiion w ir  iit der Siegesallee besitzen,
stellung verdienen; erinnern w ir ints daran, was fü r (Heiterkeit)
Aufgaben auf dem Gebiet des Gemeindeschulbaues oder wenn w ir an die gelben Kucbenbäckereien des 
uns bevorstehen, großen Sterns denken, der nun bald Gelbstem genannt 
(sehr richtig!) werden kann,
und denken w ir dann schließlich daran, wie außer­ (große Heiterkeit) 
ordentlich unsere städtische Wohnungspolitik versumpft dann muß man sagen: die S tadt Charlottenburg 
ist, so muß man sagen: ja. kann denn die S tad t­ hat auch aus diesen Gründen ein gewisses Anrecht 
verordnetenversammlung wirklich eine Summe aus darauf, Künstler zu berücksichtigen, die nach dem 
dem Stadtsäckel bewilligen? W ir haben nach längeren Urteil Europas wahrhafte Künstler sind, M änner 
Erwägungen aber doch diese Frage m it ja beantwortet, wie Klinget, G raul —  M aler w ill ich nicht nennen; 
und zwar gestützt auf den Spruch der Gräfin Orsiua, denn hier ist die Zahl sehr groß, die w ir  berück­
daß man das Eine tun und das Andere nicht lassen sichtigen können.
soll. Zudem gebe ich mich der Hoffnung hin, daß, Freilich, es wird immerhin in der Geschichte 
wenn die Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung der Zeit bemerkenswert sein —  und ich wundere 
und der Magistrat die Finanzlage so günstig be­ mich nicht darüber wie Herr Kollege Holz — , daß 
urteilen, daß sie 20 000 JC  zur Erwerbung von Charlottenburg so wenig öffentliche Kunstwerke besitzt. 
Kunstwerken in  den Etat einstellen, sie damit auch Es ist nicht zu leugnen, daß w ir m it unseren 
die Verpflichtung übernehmen, in allen sozialen Dingen Hunderten von M illionären doch über die mangel­
das Tempo zu beschleunigen. hafte Bürgertugend der Reichen zu klugen allen 
Hierzu kommen aber noch besondere Gründe, Grund haben. W ir hören zwar davon, daß ein 
die es angebracht erscheinen lassen, daß von einer Jubiläumsbrunnen aufgestellt werden soll. und Herr 
stolzen und großen Stadt fü r die Kunst etwas getan Kollege Holz meint und hofft, es würde dazu kommen; 
wird. Ich  w ill mich nicht m it Herrn Kollegen Holz ich habe aber so läuten hören, als wenn die Sam m lun­
in eine ästhetische Debatte über die Kunst einlassen. gen fü r diesen Kunstzweck recht dürftig ausgefallen 
E r hat die Schillersche Ästhetik z itiert; gut. mögen sind. Charloltenburg hat eben keine Historie; Char- 
w ir das hingehen lassen, jedenfalls betrachte auch ich lotlenburg ist unter den Städten, wenn ich so sagen 
die Kunst als eine solche Angelegenheit. Und es ist darf, ein Paroenue. der sehr groß geworden, >ehr 
vor allen Dingen auch die Rücksicht auf die Künstler, stark geworden ist; aber die Leute fühlen sich eigent­
die eine Stadt wie Charloltenburg veranlassen soll, lich gar nicht als Charlottenburger, und zudem 
öffentliche M itte l für Kunstzwecke bereit zu stellen. schließt unsere moderne Zeit jenen liefen Bürgersinn. 
Der Künstler ist gegenwärtig abhängig von dem jenes Gefühl fü r die G'öße und Vornehmheit der 
Geschmack des kaufkräftigen Publikums, von dem eigenen S tad t aus. der das M itte la lte r ausgezeichnet 
Geschmack der Reichen und von dem Geschmack des hat. So sehen w ir denn, daß unsere Mäzenaten 
Hofes; er seufzt unter diesen beiden Lasten, und ich versagen. Auch das ist ein Grund, daß die S tad t 
glaube? daß der Künstler es dankbar begrüßen würde, hier eintreten soll. F ü r mich ist die Kunst kein 
wenn ihm von einer reichen Stadt Gelegenheit geboten Luxus, sondern ein außerordentlich wichtiges K u ltu r­
würde, ohne Rücksicht aus bestimmte Interessen der element. und deswegen hat auch eine große Kommune 
Kunst selber zu dienen. die Pflicht, dieses Kulturelement zu fördern. Sorgen 
Herr Kollege Holz hat in  seiner Rede von den w ir dafür, daß die Kunst Schmuck und Zierde des 
Aufgaben der Kunstdeputalion gesprochen und dabei öffentlichen Lebens werde!
        
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