Path:
Periodical volume 26. Oktober 1904

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1904

schleiß usw. Ferner sind schon die Kühe selbst in6c« geivinnung." Ich möchte demnach hinzufügen: Ehren­
zug auf die Qualität der Milch, welche sie geben, sache ist es für die öffentlichen Organe, für den 
sehr verschieden. Also es wird auch anzustreben sein, Staat oder, wenn dieser versagt — wie gewöhnlich —, 
daß wir eine Milch erreichen, welche einen bestimmten für die Kommunen, eine Angelegenheit, die so sehr 
Normalfettgehalt hat. wie kaum eine zweite die öffentliche Hygiene und 
Das sind alles Fragen, die bei dieser Sache zugleich das allgemeine Wohl, das Wachsen und Gedeihen 
behandelt werden müssen und können, und deshalb der künftigen Generation angeht, zu fördern und 
iväre es einseitig, wenn wir uns lediglich mit einer durchzuführen.
Sterilisationsanstalt begnügen wollten. In  diesem Sinne schließen wir uns dem An­
Kollege Spiegel streifte die Frage, es wäre nicht trage auf Kommissionsberatung an. Wir sind der 
durchführbar, wenn wir die in Charlottenburg bereits Meinung, die Sache ist noch lange nicht reif genug, 
vorhandenen Kühe dazu benutzen wollten, um die daß wir heute schon einen Beschluß fassen können. 
Stadt durch die reinliche Gewinnung mit steriler Aber gemacht werden muß etwas, und deshalb sind 
Milch zu versorgen. Das gebe ich zu. Es ist aber wir zunächst auch für Kommissionsberatung.
nicht notwendig; wenn wir eigene Kühe uns halten 
wollen — das ist eine Aufgabe der Stadt, die des Vorsteher Rosenberg: Meine Herren, zur Ver­
Zieles sehr wert wäre —, dann müßten wir selbst­ meidung von Zweifeln weise ich darauf hin, daß die 
verständlich nicht die Kühe. die in der Stadt bereits Herren Antragsteller zu dem Antrage, der dahin geht: 
vorhanden sind. sondern wir müßten eine ganz be­ Die Stadtverordnetenversammlung ersucht den 
sondere. vorzüglich gezüchtete Nasse anschaffen; und Magistrat um eine Vorlage betr. Errichtung 
diese Kühe dürften nicht aus Charlottenburg selbst einer städtischen Milchsterilisationsanstalt, 
sein, sie können meilenweit von hier sein. sie könnten den Antrag gestellt haben:
auf einem der Stadt Charlottenburg gehörigen Ge­ Die Versammlung ersucht den Magistrat, mit
biet gehalten werden. Und sie dürften nicht im Stall ihr in gemischter Deputation über den vor­
bleiben; denn die Tuberkulose der Kühe ist lediglich liegenden Antrag sowie über weitere Maßregeln 
eine Stallkrankheit; nur Kühe im Stall, die nicht zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit zu 
ins Freie kommen, leiden an Tuberkulose. Die beraten.
Kühe müssen im Freien sein, und es ist durchaus 
ein erreichbares Ziel, daß eine Stadt sich im Um­ Stadtv. Vogel: Meine Herren, es ist sehr ehren­
fange von einigen Meilen, selbst zehn, zwanzig wert von dem Herrn Br. Spiegel und seinen Frak­
Meilen, Kuhställe hält und die so gewonnene Milch tionsgenossen gewesen, daß sie die wichtige Frage
täglich in die Stadt hineinbringt. Auch bei diesem der Säuglingssterblichkeit hier angeregt haben in 
Transport wird die Milch nicht verdorben. Denn ähnlicher Weise, wie sie im Herrenhause von dem 
es sind Systeme erfunden — das System des In ­ Grafen Oppersdorf und in der Berliner Stadtver­
genieurs Helm beispielsweise —. wodurch die Milch ordnetenversammlung, wie Sie ja schon gehört haben, 
auch auf weite Strecken bei niedriger Temperatur angeregt worden ist. Ich möchte kurz sagen, daß 
steril transportiert werden kann. ich diese Frage von einem weiteren Standpunkte aus 
Was den Vertrieb anbelangt, so kann ich mich betrachten muß. Der Hygieniker Oesterlen sagt in 
vorläufig damit begnügen, was HerrKollegeBr.Spiegel seinem Handbuch der medizinischen Statistik: „Die 
gesagt hat. Wir müssen uns natürlich auch die Säuglingssterblichkeit ist das empfindlichste Thermo­
Kostenfrage vergegenwärtigen. Nach Ansicht mancher meter der öffentlichen Wohlfahrt." Meine Herren, 
Forscher würde es möglich sein, die Milch zum Markt­ legen wir dieses Thermometer einmal dem deutschen 
preise zu liefern, wie ich das bereits erwähnt habe. Volke und den andern Völkern an. so werden wir 
Andere sind der Meinung, daß das Liter Milch bei finden, daß das deutsche Volk sich in dieser Beziehung 
einer derartigen Produktion mindestens 25 bis 30 Pf. in einem sehr schlechten Zustande befindet. Nur
kosten wird. Nun, das wäre nicht zu hoch; denn Österreich-Ungarn und Rußland sind cs, die nicht 
wenn die Stadt auch selbst hier einen Zuschuß zahlen besser stehen als Deutschland. Die skandinavischen 
sollte, ich will mal sagen, eine Summe von 50 bis Länder haben auf 100 lebende Kindern bis zu einem 
loo ooo M  jährlich, so habe ich ja schon ausgeführt, Jahr eine Sterblichkeit von noch nicht 10, zum Teil 
wie sich das auf andere Weise wirtschaftlich wieder unter 9. Die Schweiz, Belgien. Holland, England 
einbringen läßt. und selbst Italien stehen besser da wie Deutschland; 
Ich vergaß, noch die andere Möglichkeit zu er- sie haben nur eine Sterblichkeit von 15 bis 16% 
wähnen, wodurch wir eine derartige reinliche Milch­ durchschnittlich. Die süddeutschen Staaten Bayern, 
gewinnung vonseiten der Stadt durchführen können. Württemberg und auch Sachsen stehen allerdings noch 
Es wäre nicht notwendig, eigene Kuhställe zu gründen, schlechter als Preußen und Österreich. Die Sterb­
obwohl es möglich ist; es würde auch genügen, mit lichkeit in Sachsen beträgt z. B. 26%. in Bayern 
großen Milchproduzenten abzuschließen,' welche sich 25%, früher war sie sogar 32,7%.
verpflichten, in dieser peinlichen Weise die Milch zu Meine Herren, was hat denn das für einen 
besorgen, und welche sich einer städtischen Aufsicht Grund? Wir sind im Süden und im Norden von 
unterstellen. Ländern umgeben, die eine geringere Sterblichkeit 
Ich möchte dann nur noch auf eine Äußerung haben. Die klimatischen Verhältnisse sind doch eigent­
hinweisen, welche wert ist, hier wiedergegeben zu lich in Norwegen ungünstiger als bei uns. Der 
werden. „Gelegentlich der Ausstellung in Hamburg Grund liegt, wie das ja auch öfter schon mitgeteilt 
fiel die Äußerung, die Erzeugung tadelloser Milch worden ist, in der Ernährung. In  Skandinavien 
fei Ehrensache der deutschen Landwirtschaft. Das kennt man keine andere Säuglingsernährung als 
wurde zurückgewiesen von C. Müller in Darmstadt, durch die Brust, bis in die höchsten Schichten der 
welcher sagte: „Für den Landwirt müssen die Kosten Gesellschaft hinein. Die Königin von Dänemark hat 
gedeckt werden. Ehrensache kann es nur für den alle ihre Kinder selbst gestillt, ebenso die verstorbene 
Städter sein. diese Kosten zu decken; denn die Stadt­ Königin von England, Victoria, und diesem Beispiel 
bewohner haben den Votteil aus einwandfreier Milch- sind die meisten andern Volksschichten gefolgt, soweit
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.