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Periodical volume 26. Oktober 1904

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1904

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vorigen Jahre in Hamburg von dem der Humanität Bedenken Sie ferner, daß nicht nur die Darm­
hohnsprechenden Zustande in dieser Sache. Er führt krankheiten der Säuglinge durch schlechte Milch er­
auch aus: im Deutschen Reich werden jährlich zwei zeugt werden, sondern — ich weiß nicht, ob es mir 
Millionen Kinder geboren, wovon die Hälfte fünft* entgangen ist, oder ob Herr Spiegel es gar nicht 
lieh ernährt werden. Davon sollen seiner Auffassung erwähnt hat — daß andere Krankheiten auch durch 
nach jährlich 150 ooo infolge des Genusses schlechter die Milch übertragen werden, vor allen Dingen die 
Milch zugrunde gehen — also annähernd eine Tuberkulose. Es ist ja neuerdings allerdings durch 
Dezimierung der Neugeborenen. Er sagt: die Geheimrat Koch die Frage aufgeworfen, ob das nicht 
Sanierung unserer Milchverhältnisse stellt ohne Zweifel eine falsche Ansicht ist. indessen scheint doch die 
eine der wichtigsten, wenn nicht die bedeutungsvollste Meinung der meisten bedeutenden Kapazitäten dahin 
Aufgabe unserer modernen Wohlfahrtseinrichtungen zu gehen, daß die Tuberkulose der Kühe tatsächlich 
dar. Im  ganzen sterben im Deutschen Reiche auf den Menschen übertragbar ist. Also die Tuber­
400 ooo Säuglinge im Jahr, 150 ooo schon allein kulose ist ebenfalls eine verheerende Krankheit, welche 
durch diese Ernährungsstörungen. Dunbar hält die durch die Milch übertragen werden kann. Ferner 
Frage für ebenso bedeutungsvoll wie die Frage der kann sehr häufig der Typhus übertragen werden und 
Bekämpfung der Tuberkulose. Die Tuberkulose auch andere Krankheiten.
fordert jährlich 120 000 — also 150 000 Säuglinge Ferner ist auch, was bei der Sache nie erwähnt 
nur infolge der schlechten Ernährung und 120 000 wird, was ich hier ganz besonders zu bedenken geben 
tuberkulöse! Zur Bekämpfung der Tuberkulose möchte, dies erwähnenswert. Es wird immer nur 
werden jährlich im Deutschen Reiche bereits hundert von der Sterblichkeit infolge der schlechten Milch­
Millionen aufgewendet, während zur Besserung der versorgung gesprochen. Schön; es sind 150 000, 
Milchverhältnisse von der Öffentlichkeit bisher so gut wenn die Zahl annähernd richtig sein sollte, die 
wie nichts geschehen ist. Die Lösung der hier ge­ jährlich sterben. Nun gibt es ja Gemütsmenschen 
stellten Aufgabe hält Dunbar nicht für zu schwer oder Pessimisten — ich hoffe: nicht in unserer.Ver­
und die Opfer, die gebracht werden müssen, für sammlung —, welche meinen, bei der großen Über­
nicht zu groß. Dunbar läßt seinen sehr instruktiven völkerung wäre das ja nicht so arg. Man hört 
und schönen Vortrag in einer Anzahl von Leitsätzen gewöhnlich solche Ansichten in Privatgesprächen. Von 
gipfeln, von denen ich Ihnen allerdings nur drei solchen Ansichten muß uns unsere volkswirtschaftliche 
vortragen möchte: Erkenntnis, unsere humane Gesinnung natürlich 
1. Die derzeitigen städtischen Milchversorgungs- fernhalten; ich hoffe nicht, daß hier Vertreter der 
verhältniffe genügen nicht den hygienischerseits Stadt vorhanden sind, die diese Meinung teilen. 
zu stellenden Anforderungen. Aber, diesen Einwand selbst in Betracht gezogen, 
2. Aus der Tatsache allein, daß im Deutschen muß man doch auch bedenken, daß nicht alle Säug­
Reiche jährlich etwa 150 ooo künstlich ernährte linge, die durch verdorbene Milch erkranken, auch 
Säuglinge an dem Genuß verdorbener Milch sterben; ein großer Teil wird wieder gesund. Aber 
sterben, geht hervor, daß die Sanierung der erstens kostet schon das Kranksein Geld; zweitens 
Milchverjorgungsverhältnisse eine Ausgabe dar­ werden andere nur in geringerem Grade wieder ge­
stellt, die an Bedeutung keiner andern Auf­ sund; sie erholen sich von der Krankheit, werden 
gabe der Stadthygiene nachsteht. aber sieche Individuen, die während ihrer Kindheit 
3. Bei dem hohen Entwicklungsstände der milch­ krank und den Eltern wie den Gemeinden viel Geld 
wirtschaftlichen Technik liegt die Möglichkeit kosten; sie stellen auch ein großes Kontingent zu den 
vor, zur Versorgung der Städte mit einer allen Erkrankungen an Tuberkulose. Ich meine, auch diese 
gesundheitlichen Anforderungen genügenden, Frage, die ich nirgends erwähnt gefunden habe, 
insbesondere auch für die Kinderernährung ge­ müßte uns veranlassen, von Stadt wegen etwas 
eigneten Milch zu demselben Preise, der zur zu tun.
Zeit für die Marktmilch bezahlt wird. Nun könnte es ja dahin, kommen, daß man 
Diese Leitsätze sind von anderen Autoritäten gegenüber diesem gefährlichen Zustande vorschlagen 
angefochten worden. So meinen andere, daß die wird, wieder neuerdings Vorschriften polizeilicher 
Säuglingssterblichkeit an verdorbener Milch doch Art oder Gemeindevorschriften zu geben zur rich­
nicht 15Ö 000 beträgt. Andere sind der Meinung, tigen Behandlung der Milch usw. Indessen hat 
daß eine einwandssreie Milch nicht für den gewöhn­ sich bei den bisherigen Vorschriften gezeigt, daß da­
lichen Marktpreis zu beschaffen ist. Indessen das durch nichts zu erreichen ist, und aller Wahrschein­
dürfte nur Sorge zweiter Ordnung sein. lichkeit nach wird durch ähnliche Vorschriften nie 
Gegenüber den in mancher Hinsicht optimistischen etwas zu erreichen sein.
Anschauungen Dunbars sagt der bekannte Kinderarzt Auch in dieser Hinsicht sprechen sich Autoritäten 
Professor Schloßmann in Dresden, speziell was die sehr skeptisch oder sehr negativ aus. So erwähne 
Frage der Milchversorgung durch die Städte betrifft, ich hier einen sehr schönen Aufsatz von Proells aus 
jede Stadt müsse für sich sorgen, denn sie nehme die der Deutschen Vierteljahresschrift für öffentliche Ge­
Interessen der Konsumenten, die Landesverlretung sundheitspflege. Aus seinem Literaturnachweis geht 
nur die Interessen der Produzenten wahr. Professor hervor, daß es bisher allerdings nur Polizeiver- 
Dunbar hatte nämlich den sonderbaren Optimismus, ordnungeu waren, in denen sich die Tätigkeit der 
zu glauben, durch Landes- oder ReichSgesetze eine städtischen Verwaltungsbehörden zeigte, Verordnungen, 
Besserung erzielen zu können, während der offenbar die sich hauptsächlich gegen die falsche Behandlung 
praktischere, deutlicher sehende Professor Schloßmann der Milch, gegen falsche Bezeichnung und gegen die 
von der Regierung und von dem Einfluß der Fälschung in der Stadt richten, aber durchaus nicht 
Agrarier, deren böse Ratschläge bei der Fleisch- gegen die Fälschung bei der Gewinnung. Aber auch 
versorgung wir eben kennen gelernt haben, nicht viel bei der Fälschung in der Stadt sind die Polizei­
erwartet. Professor Schloßmann und andere Auto­ verordnungen, wie bekannt ist. absolut nutzlos und 
ritäten sind der Meinung, daß diese Sache die unbrauchbar. Jnbezug auf die sorgfältige Ge­
Kommunen hauptsächlich angeht. winnung läßt das Nahrungsmiitelgesetz vom Jahre
        
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